Montagearbeiter verlegen eine neue Stromleitung zwischen Hochspannungsmasten.
Es wird Gewinner und Verlierer geben. Kommt es beispielsweise zur Bildung einer schwarz-gelben Koalition, dann sind längere Kernkraftwerkslaufzeiten, Einschnitte bei der Förderung erneuerbarer Energien und der Ausstieg aus der Steinkohle vorgezeichnet.
Den großen Verbundkonzernen kommt eine Revision des rot-grünen Ausstiegsbeschlusses aus dem Jahr 2000 gelegen. "Eine Verlängerung der Kernkraftwerks-Laufzeiten würde Eon und RWE erhebliche Extra-Gewinne bringen", analysiert Simon Flowers von Merrill Lynch. Die durchweg voll abgeschriebenen Meiler würden noch jahrelang Einnahmen aus dem Stromverkauf erzielen, während die Konzerne die eigentlich schon eingeplanten Investitionen in Ersatzkraftwerke hinausschieben könnten. "Die Anlagen produzieren am goldenen Ende", so die Lobby der industriellen Großverbraucher, VIK. Dies müsse "selbstverständlich zu Preissenkungen führen", griff VIK-Chef Alfred Richmann eine Ankündigung von CDU-Chefin Angela Merkel auf.
Verteilungskampf ist vorprogrammiert
Der nächste Verteilungskampf ist also vorgezeichnet. Die Stromkonzerne lehnen die Forderungen kategorisch ab. "Politische Preise gibt es in liberalisierten Märkten nicht", stellt RWE-Vorstandschef Harry Roels fest. Eon-Chef Wulf Bernotat bestreitet, dass es zu außerplanmäßigen Profiten kommen würde. Längere Laufzeiten verschafften Eon nur die normale Rendite längst vorgenommener Investitionen. Die Verbraucherlobby pocht wegen der Ablehnung schon vor der Wahl auf "eine klare politische Regelung", also Bedingungen für eine Laufzeitverlängerung.
Statt der vereinbarten Restlaufzeit von 32 Jahren rechnet die Branche bei einem Wahlsieg von CDU und FDP mit 40 Jahren. Auch eine große Koalition würde sich mit dem Argument des Klimaschutzes darauf wohl festlegen, so Spekulationen. Bei einer um acht Jahre verlängerten Betriebsdauer könnte Eon einer Studie von Sal. Oppenheim zufolge einen zusätzlichen Cashflow von 4,2 Mrd. Euro einstreichen. Eon verfügt über den größten Park an Kernkraftwerken. RWE profitierte danach mit 2,8 Mrd. Euro. Auch die kleineren Verbundunternehmen EnBW und Vattenfall Europe könnten sich zu den Gewinnern zählen. Bleibt es beim geltenden Ausstiegsbeschluss, muss RWE dagegen schon in der kommenden Legislaturperiode 5 Mrd. Euro in neue Kohle- oder Gaskraftwerke stecken. 2008 würde mit dem RWE-Meiler Biblis das erste Großkraftwerk vom Netz gehen. Eon könnte den Ausstieg bis 2012 strecken. Ein Drittel des in Deutschland erzeugten Stroms stammt noch 17 Reaktoren.
Kompromiss errungen
Firmen der Wind- oder Solarenergie verlieren am 18. September nach allen Prognosen mit der Partei der Grünen ihren wichtigsten Fürsprecher in der Regierung. Eine abrupte Einstellung der Förderung, die in diesem Jahr mit 3 Mrd. Euro für die Windkraft beispielsweise die Kohlesubventionen übersteigt, droht jedoch kaum. Eine schwarz-gelbe Regierung sei 1991 immerhin Geburtshelfer der Förderpolitik gewesen, tröstet sich der Präsident des Bundesverbandes Windenergie, Peter Ahmels. Die früher als Randerscheinung bespöttelte Branche hat inzwischen eine bedeutende Größe erreicht. Erneuerbare Energien tragen elf Prozent zur Stromerzeugung bei - davon die Hälfte aus Windkraft - und bieten Zehntausende von Jobs.
Die komfortablen Förderzeiträume bis zu 20 Jahre und die Höhe der Subventionen werden aber wohl eingeschränkt. "Die zu erzielenden Überrenditen in Verbindung mit der fehlenden Wirtschaftlichkeit der Fotovoltaik in Deutschland lassen bei einem Regierungswechsel eine deutlich Reduktion des Förderniveaus erwarten", sagt Burkhard Sawazki, Energie-Analyst der WestLB. Eine Welle von Börsengängen deutscher Solarfirmen wie Solarworld, Centrotec oder Solon belegt, dass Investoren dennoch optimistisch bleiben.
Unberührt vom Wahlausgang bleibt der Einstieg in die Regulierung der Strom- und Gasnetze. Parteien und Unternehmen hatten im Frühsommer nach zähem Gerangel einen Kompromiss erzielt. Die Erwartungen sind hoch. Der Chef der Regulierungsbehörde, Matthias Kurth, soll die Netzgebühren drücken und einen fairen Wettbewerb in der Energiebranche in Gang bringen. RWE-Chef Roels gibt sich gelassen: "Wir sind kein Spekulant, der kurzfristig von höheren Strompreisen profitiert."