Die Lieferung von neuen ICE-3-Zügen an die Deutsche Bahn verzögert sich wegen Problemen mit der Zugsteuerung erneut. Ursprünglich wollte die Bahn die ersten acht ICEs ab 9. Dezember im Deutschlandverkehr einsetzen. Siemens will sich nicht auf einen neuen Termin festlegen. "Wir können keinen aktuellen Zeitplan nennen", sagte ein Siemens-Sprecher am Donnerstag.
Zugesagt war die Lieferung von insgesamt 16 Zügen im Wert von 500 Mio. Euro ursprünglich schon für 2011, musste aber schon damals wegen technischer Probleme verschoben werden. Siemens ist als Konsortialführer der verantwortliche ICE-Hersteller.
Das Eisenbahn-Bundesamt hatte damals die Züge der neuen Baureihe Velaro, die in Deutschland als ICE 3 M bezeichnet werden, wegen neuer Auflagen und ungeklärter technischer Fragen bei Bremsen, Radsatzgestellen und Klimaanlagen zunächst nicht zugelassen. Siemens versprach daraufhin für Dezember die ersten acht Züge und verhandelte mit der Bahn über Schadenersatz oder einen Gratis-ICE im Wert von rund 30 Mio. Euro.
Grund für die neuerliche Verzögerung seien Softwareprobleme bei den Zügen. Der ICE 3 ist als jüngster Hochgeschwindigkeitszug der Deutschen Bahn seit 2001 im Einsatz. Er hat je nach Baureihe 413 bis 432 Sitzplätze und schafft ein Spitzentempo von 330 km/h. Die Fahrmotoren des ICE 3 sind unter dem Zug verteilt, jede zweite Achse wird angetrieben. Dies ermöglicht eine hohe Beschleunigung. Im Juli 2008 entgleiste ein ICE 3 in Köln wegen eines Achsbruchs. Seitdem werden die Achsen häufiger per Ultraschall kontrolliert.
Seit dem Sommer 2010 gab es auch immer wieder Probleme mit den Klimaanlagen, die bei einigen Zügen ausfielen. Die Klimaanlagen der ICE 2 waren nur bis zu einer Außentemperatur von 32 Grad ausgelegt. Fahrgäste berichteten, in einem völlig überfüllten Zug hätten Temperaturen über 50 Grad geherrscht. Reihenweise kollabierten Reisende. Auch in den folgenden Sommern gab es Störungen durch defekte Klimaanlagen. Das Problem traf anfangs auch die Baureihe ICE 3. Im Sommer 2003 brachen auch bei diesen Zügen Klimaanlagen regelmäßig zusammen. Seit Mitte 2011 steckt die Bahn mehr als 100 Mio. Euro in die Modernisierung von 44 Zügen des Typs ICE 2. Bei den bisher umgebauten Zügen habe es auch keine Probleme mehr mit den Klimaanlagen gegeben, hieß es.
Der neue Velaro, dessen Lieferung an die Bahn sich jetzt verzögert, ist eine Weiterentwicklung des ICE 3. Es ist der erste Hochgeschwindigkeitszug von Siemens, der nach dem Baukastenprinzip konzipiert ist und so einfacher für Kunden in verschiedenen Ländern angepasst werden kann. So gibt es ähnlich wie in Flugzeugen Schienen im Boden, in denen die Sitzreihen verschoben werden können.
Siemens baut auf der Grundlage des Velaro auch für die russische Staatsbahn Hochgeschwindigkeitszüge. Dort heißt der Zug Wanderfalke. Auch in China und Spanien sind Züge der Velaro-Baureihe im Einsatz.
Zuletzt entwickelte sich das vor einigen Jahren noch erfolgreich sanierte Zuggeschäft bei Siemens allerdings immer schwächer. 2011 gingen noch einige Großaufträge ein, beispielsweise die Order der Deutschen Bahn für die IC-Nachfolgegeneration ICX. Allerdings halbierte sich der Bestelleingang des Geschäftsfeldes Transportation & Logistics in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahrs 2012 auf 4,2 Mrd. Euro. Das Geschäftsfeld wurde erst im vergangenen Jahr aus der Bahntechnik und Logistiksystemen neu formiert und zählt zu Siemens' neuem vierten Sektor Infrastruktur & Städte.
Auch weil der Konzern immer wieder vereinbarte Lieferzeiten nicht einhalten kann, sank die Gewinnmarge bei Transportation & Logistics in den ersten neun Monaten von 6,1 auf 3,8 Prozent. Erst kürzlich buchte Siemens dafür 69 Mio. Euro an Sonderbelastungen.
Verzögerungen gab es auch bei einem Auftrag aus Belgien: Dort forderte die Staatsbahn SNCB im vergangenen Jahr Medienberichten zufolge eine millionenschwere Vertragsstrafe. Weil die Deutschen 120 Elektroloks mit einem Auftragsvolumen von 440 Mio. Euro zu spät liefern würden, müssten die Belgier Lokomotiven von Bombardier mieten, hieß es. Siemens wurde vorgeworfen, rund zwei Jahre im Verzug zu sein. Offenbar gab es auch hier Probleme bei der Gerätezulassung.
Trotz aller Probleme gibt es nach wie vor Abnehmer für die Siemens-Züge. So einigte sich der Konzern im April 2011 mit der Deutschen Bahn über einen Auftrag für die IC-Nachfolgegeneration ICx im Wert von 6 Mrd. Euro. Dabei geht es um 300 Fernverkehrszüge, die in mehreren Tranchen geliefert werden sollen. Mit den neuen Zügen will die Bahn Intercity und Eurocity ersetzen, die teilweise seit mehr als 30 Jahren fahren. ICx steht für Züge, die bis Tempo 250 konzipiert sind.
Erst Mitte des Monats unterzeichnete Siemens zudem eine Absichtserklärung über die Lieferung von 675 Elektrolokomotiven für den Frachtverkehr an die russischen Staatsbahnen. Die entsprechenden Bestellungen sollen Kreisen zufolge einen Auftragswert von rund 2,5 Mrd. Euro haben und 2016 bis 2020 eingehen.