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Merken   Drucken   11.11.2012, 20:12 Schriftgröße: AAA

Vorstand Jürgen Claassen: ThyssenKrupps Dompteur

Als Pressesprecher von ThyssenKrupp spielte er knallhart seine Möglichkeiten aus, um kritische Berichte zu verhindern. Jetzt ist Jürgen Claassen Vorstand - und wird selbst unlauterer Geschäftspraktiken verdächtigt.
© Bild: 2012 © ThyssenKrupp AG
Als Pressesprecher von ThyssenKrupp spielte er knallhart seine Möglichkeiten aus, um kritische Berichte zu verhindern. Jetzt ist Jürgen Claassen Vorstand - und wird selbst unlauterer Geschäftspraktiken verdächtigt.
von Kirsten Bialdiga, Düsseldorf

Jürgen Claassen macht im Kreis von Journalisten gern auf Kumpel. Scheinbar zufällig wechselt der ThyssenKrupp-Vorstand dann vom Sie zum Du - und bleibt dabei. Vorausgesetzt, das Verhältnis des obersten Kommunikationschefs zum Journalisten wird im Weiteren nicht durch unliebsame Berichte getrübt.

Kaum ein deutscher Pressesprecher spiele so knallhart seine Möglichkeiten im Umgang mit Journalisten aus wie Claassen, heißt es über ihn in der Branche. Oft mit Erfolg: ThyssenKrupp  hatte längst ein großes Problem mit dem völlig aus dem Ruder gelaufenen Bau von Stahlwerken in Amerika. Doch die Presse blieb in manchen Blättern lange Zeit erstaunlich gut. In der PR-Branche zollen sie dem 54-Jährigen dafür Respekt. Und das nicht erst, seit er 2011 den Sprung in den Konzernvorstand geschafft hat.

Claassen hat ein großes Repertoire, von Schmeicheleien über die gezielte Zuteilung exklusiver Informationen bis hin zu Interviews mit dem Vorstandschef. Als er Pressechef war, bat er häufig einen Kreis ausgewählter Journalisten am Vorabend der Bilanzpressekonferenz zum Hintergrundgespräch mit dem Vorstandschef. Dabei stellte er das Pressematerial vorab zur Verfügung. Umgekehrt straft Claassen mit dem Entzug exklusiver Informationen oder Interviews.

Dieser Einsatz zahlte sich konzernintern aus. Dass ein Pressesprecher in die Führungsspitze eines DAX-Konzerns aufrückt, noch dazu als oberster Compliance-Wächter, kommt selten vor. Dafür habe er sehr lange, sehr hart gearbeitet, wissen Vertraute und loben seinen Fleiß. Ihm sei nie etwas zu viel, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit, heißt es. Die Konstitution dafür bringt er mit: Der bullige 1,90-Meter-Mann hält sich mit Schwimmen fit.

Dabei begann Claassens Karriere bei Krupp holprig. 1985 fing der promovierte Wirtschaftswissenschaftler als Assistent des Stahlchefs Alfons Gödde an, der den Konzern wenig später verlassen musste und 1992 wegen Untreue zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt wurde. Göddes Nachfolger wurde Gerhard Cromme, inzwischen Aufsichtsratschef bei ThyssenKrupp. Der Neue habe Göddes Assistenten zunächst ein gewisses Misstrauen entgegengebracht, sich dann aber für ihn entschieden, heißt es.

Seither ranken sich viele Legenden um das Zusammenwirken des Chefs und seines Adlatus, besonders aus der Zeit des Kampfes um die Schließung des Stahlwerks in Duisburg-Rheinhausen. So soll es Claassen gewesen sein, der Crommes Familie in der aufgeheizten Situation zum Hinterausgang geleitete und so in Sicherheit brachte. Damals, als vor dem Haus Stahlarbeiter protestierten und Cromme mit Eiern bewarfen. Offiziell bestätigt hat Cromme das nie. Spätestens seit Mitte der 90er-Jahre hat Claassen eine herausgehobene Stellung im Konzern. Noch bevor er als Pressesprecher 2003 zum Generalbevollmächtigten ernannt wurde, stand ihm eine Limousine nebst Fahrer zur Verfügung. Nach der Fusion mit dem deutlich größeren Thyssen-Konzern wurde an der Spitze der Pressestelle nicht etwa eine Doppelspitze gebildet - Kruppianer Claassen war von Anfang an alleiniger Chef.

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Zu einer ganz anderen Gefahr hätte sich für Cromme als Siemens -Aufsichtsratschef die Schmiergeldaffäre auswachsen können; er drohte mit hineingezogen zu werden. Doch auch da war Claassen zur Stelle. Er sei in München sogar vorübergehend in ein Hotel gezogen, berichten Insider.

Obwohl Cromme ihm diese Loyalität mit dem Vorstandsposten dankte, pflege der ThyssenKrupp-Chefkontrolleur zu Claassen ein vertrautes, aber kein vertrauliches Verhältnis, heißt es. Zu gemeinsamen Restaurantbesuchen etwa komme es so gut wie nie. Und Cromme habe es vorgezogen, beim Sie zu bleiben.

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  • Aus der FTD vom 12.11.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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