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  05.02.2010, 16:36    

Vorteil Indien: Von Bhagwan zu Boomtown

Während sich in Bangalore die IT-Spezialisten tummeln, haben Auto- und Maschinenbauer die einstige Hippiehochburg Pune für ihre Indien-Expansion entdeckt. Bundespräsident Köhler erlebt deshalb ein Heimspiel. von Volker Müller
Orientierungsprobleme hatte Horst Köhler nicht, als er am Donnerstag in Pune landete. Das Vorfeld des Flughafens fasst gerade mal fünf Flugzeuge, die Passagiere trotten hier meist im Gänsemarsch zum einzigen Terminal. Hinweisschilder zu den zwei Gepäckbändern sind überflüssig. Punes Flughafen, kaum größer als eine deutsche Schulsporthalle, ist vor allem die Militärbasis für sechs Staffeln der Indian Air Force. Einen eigenen Zivilflughafen hat die Metropole mit ihren 5,1 Millionen Einwohnern hingegen nicht. Dabei ist Pune das industrielle Zentrum Indiens, in dem sich zahlreiche internationale Unternehmen angesiedelt haben.
VW-Produktionsvorstand Jochem Heizmann (l.) und seine Kollegen ...   VW-Produktionsvorstand Jochem Heizmann (l.) und seine Kollegen lassen im indischen Pune beim Besuch von Bundespräsident Horst Köhler den 11.111.111. Polo vom Band rollen
Vor 20 Jahren strömten noch Tausende Hippies und zivilisationsmüde Sinnsucher aus dem Westen nach Pune, um im Ashram von Guru Bhagwan Shree Rajneesh zu leben und zu lieben. Dafür opferten sie ihm ihre weltliche Habe. So hinterließ der Mann, der sich zuletzt Osho nannte, nach seinem Tod unter anderem mehr als 90 Rolls-Royce-Luxuskarossen. Vergangenheit. Menschen in orangen oder lila Gewändern haben längst Seltenheitswert in Pune.
Heute bestimmt Big Business das Leben. Zwischen gesichtsloser indischer Architektur der vergangenen Jahrzehnte sprießen Bürokomplexe und Einkaufszentren. Bagger durchwühlen das steinig-staubige Hügelland, um Platz für neue Gewerbeflächen zu schaffen.
Für Horst Köhler ist es wie ein Besuch bei Bekannten: Deutsche Unternehmen und Investoren prägen maßgeblich das Straßenbild. ThyssenKrupp , Daimler , Demag Cranes , Bosch, Eberspächer, Siemens . 170 Firmen sind es bereits. "Und es ist kein Ende in Sicht. 2010 kommen weitere 35 Firmen. Insgesamt sind Projekte für bis zu 200 Mio. Euro skizziert", sagt Zubin Kabraji, Chef der Deutsch-Indischen Handelskammer in Pune. Schon bald, so ist der Lobbyist überzeugt, werden die Deutschen die Briten, die einstigen Kolonialherren, in der Stadt übertrumpfen.
Die Stadt ist Indiens Zentrum für Maschinenbau und Metallverarbeitung - so wie Bangalore das unangefochtene IT-Herz des Landes ist. Autobauer zieht es nach Pune. Tata Motors, Mahindra & Mahindra, der führende Motorradhersteller Bajaj Auto oder der größte indische Automobilzulieferer Bharat Forge haben hier ihre Stammwerke. Ein engmaschiges Lieferantennetz und gut ausgebildete Facharbeiter haben zuletzt auch General Motors und Fiat  angelockt, ebenso globale Zulieferer wie ZF Friedrichshafen. Die Landesregierung des Bundesstaates Maharashtra erwartet bis zum Jahr 2012 Investitionen von mehr als 10 Mrd. $ in der Autoindustrie - den Großteil in Pune.
Einer der jüngsten Investoren ist Volkswagen . Mehr als 580 Mio. Euro investierten die Wolfsburger zwischen 2007 und 2009 in den Bau ihres ersten indischen Werks vor den Toren der Stadt. Es ist die bislang größte Einzelinvestition eines deutschen Unternehmens in Indien. "Ein Signal für andere große Konzerne, ihre Vorsicht und Skepsis gegenüber Indien aufzugeben", hofft der Handelskammer-Vertreter Kabraji. Bislang stammten die deutschen Investitionen überwiegend aus dem Mittelstand. Längst, so sagt auch Bundespräsident Köhler in vertrauter Runde, hätten Manager erkannt, wie sehr sie in den vergangenen Jahren Indien vernachlässigt haben.
Der Pumpenhersteller KSB kam bereits 1960 in die Stadt. "Qualifiziertes Personal", sagt KSB-Landeschef Werner Spiegel, sei schon damals der ausschlaggebende Grund für den Standort Pune gewesen. In einem Land, in dem es keine berufliche Ausbildung gibt, konzentriere sich fachliches Wissen häufig an einem Standort. Der frühe Schritt hat sich für KSB gelohnt: Indien ist heute der größte Auslandsmarkt für das Familienunternehmen. Von Pune aus wird auch das China-Geschäft gemanagt.
Die Stadt ist inzwischen die achtgrößte des Landes und mit fünf Universitäten sowie etlichen Hochschulen und Forschungseinrichtungen das traditionelle Bildungszentrum Indiens - gern auch "Oxford des Ostens" genannt. Seit Anfang des Jahrzehnts wächst nach Angaben der örtlichen Behörden die Zahl der ausländischen Studenten jährlich zwischen 20 und 30 Prozent. Ende 2009 waren es etwa 14.000, mehr als in jeder anderen Stadt Indiens. Während im nahen Mumbai neofaschistische Parteien im Parlament inzwischen gegen Zuwanderer hetzen, nimmt Pune Fremde mit Freude auf.
Raghunath Anant Mashelkar, lange Zeit Indiens oberster Wissenschaftskoordinator, schwärmt von den "vielen international denkenden Führungskräften, die aus der Stadt ein Zentrum für Ingenieurswesen, Bildung, Elektronik und Unterhaltung auf Weltniveau machen".
Kursinformationen und Charts
  Volkswagen 70,4 EUR  [1.56 +2,27%
  ThyssenKrupp 25,19 EUR  [0.195 +0,78%
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Den Vorteil sieht auch der Automobilzulieferer ZF Friedrichshafen. Mitte Januar haben die Süddeutschen ein eigenes Montagewerk für Baumaschinenachsen im Vorort Nanekarwadi eröffnet. Nach jahrelangen Minderheitsbeteiligungen an indischen Firmen ist ZF India die erste eigenständige Tochterfirma der Deutschen in Indien. "Wir haben intern Chennai, Delhi und Pune als Standort verglichen. Ergebnis: Pune ist näher an unseren Kunden, die logistische Anbindung besser und das Angebot für Deutsche vielfältiger. Hinzu kommt durch die Höhenlage ein angenehmeres Klima", listet Landeschef Piyush Munot die Standortvorteile auf.
Im fernen Delhi schaut man zumindest mit einigem Respekt auf den "Big Bang Boomtown". "Es ist eine bemerkenswerte Eigenschaft der Stadt, dass zwar selten Trends in ihr geboren werden, sie diese jedoch zum Erfolg führt", preist die einflussreichste Zeitung Indiens, die "Economic Times".
Selbstläufer sind Existenzgründungen in Indien allerdings nie. Auch nicht in Pune. "Eine schlechte Schienenanbindung, der Provinzflughafen, verstopfte Straßen und ein völlig unterentwickelter Nahverkehr", zählt KSB-Manager Spiegel auf. "Wir müssen eine eigene Busflotte betreiben, damit unsere Arbeiter morgens zum Werk und abends nach Hause kommen."
Verkehrsprobleme sind nicht das einzige Problem. Resigniert zeigt er auf die riesigen Dieselgeneratoren hinter den KSB-Werkhallen: "Einmal pro Woche dreht die Stadt den Industriebetrieben den Strom ab - es mangelt an Kraftwerken." Daran habe sich in den neun Jahren, die er in der Stadt ist, nichts geändert.
Zudem steigen auch in Pune die Preise für Land, Arbeitskräfte und Lebenshaltung rasant. "Im Vergleich zu Megametropolen wie Mumbai, Delhi oder Kalkutta sind die Lebenshaltungskosten noch auf einem vernünftigen Niveau", sagt Christian Sonders, Finanzchef von ZF India. Doch wie lange noch? "Sollten die Preise aus dem Ruder geraten, können Firmen in kleinere Städte mit niedrigeren Kosten abwandern, da die Wettbewerbsfähigkeit in Indien entscheidend ist."
Doch die Aufbruchstimmung macht vieles wett. Pune sei längst auf dem Weg zu einer globalen Metropole, so Sonders. Mindestens auf Augenhöhe mit Bangalore oder Hyderabad. Selbst wenn die südindische IT-Metropole Bangalore eher ein warnendes Beispiel sein dürfte: "Manche Mängel werden auch in Pune nicht rasch genug abgestellt. Etwa bei der Stromversorgung oder dem innerstädtischen Verkehr. Für Pune besteht daher die Gefahr, am eigenen Erfolg zu ersticken: überfordert, mit dem Wachstum Schritt zu halten", sagt der ZF-Manager. Bangalore, so sind inzwischen auch viele Inder überzeugt, sei an dieser Aufgabe nahezu gescheitert.
Eine Alternative zum Wachstum, zum Aufstieg zu einem globalen Wirtschaftsstandort mit direkten Flugverbindungen in alle Zentren dieser Welt bleibe Pune laut Sonders nicht. Eine direkte Verbindung nach Frankfurt bietet die Lufthansa immerhin schon seit zwei Jahren an. Auch wenn Bundespräsident Köhler am Donnerstag mit der Bundeswehr reiste.
20:48:08 Kursinformationen und Charts
Name aktuell  absolut  
Volkswagen 70,4 EUR   +2,27%  1.56
ThyssenKrupp 25,19 EUR   +0,78%  0.195
Daimler 34,11 EUR   +2,34%  0.78
Demag Cranes 26,6 EUR   +0,87%  0.23
Siemens 69,67 EUR   +2,91%  1.97
Fiat 9,4 EUR   +0,87%  0.081
  • Aus der FTD vom 06.02.2010
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