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Merken   Drucken   25.09.2012, 13:00 Schriftgröße: AAA

Weekend: Der Inflationist

In einer Zeit, als die Staaten Europas ihre Schulden mit frischem Geld finanzierten, machte es der Portugiese Alves Reis einfach genauso: Er ließ sich bei der Gelddruckerei des Landes so viele Scheine drucken, wie im Umlauf waren. Es war der Coup des Jahrhunderts.
© Bild: 2012 Jornal Publico, Lissabon
In einer Zeit, als die Staaten Europas ihre Schulden mit frischem Geld finanzierten, machte es der Portugiese Alves Reis einfach genauso: Er ließ sich bei der Gelddruckerei des Landes so viele Scheine drucken, wie im Umlauf waren. Es war der Coup des Jahrhunderts.
von Hamburg

Der Nikolausmorgen des Jahres 1925 ist "ein trauriger, regnerischer Wintermorgen", wie sich Alves Reis später erinnern wird. Der Bankier, 29 Jahre alt, kommt gerade aus der Kolonie Angola, wo er gute Geschäfte gemacht und ein paar Plantagen gekauft hat. Nun wartet er an Bord des deutschen Dampfers SS "Adolph Woermann", um in Portugal an Land zu gehen. Da nähert sich ein Polizeiboot. "Ich habe keinerlei Verbrechen begangen", sagt Reis noch, als er sich von seiner Frau verabschiedet. Doch um 9 Uhr wird er gefesselt von Bord geführt. Die unglaubliche Glückssträhne des Artur Virgílio Alves Reis ist in diesem Moment zu Ende.

In wenigen Monaten war er zum reichsten und mächtigsten Mann Portugals aufgestiegen - dank der absurden Idee, sich bei der offiziellen Druckerei des Landes Unmengen Geld drucken zu lassen. Er hatte dafür Briefe und Verträge gefälscht, hatte eine Bank gegründet, um die ganzen Scheine unters Volk zu bringen, und sogar versucht, die Zentralbank zu kaufen. Der oberste Richter des britischen Empire spricht später von einem Verbrechen, "für dessen Scharfsinn und konzeptionelle Kühnheit es keine Parallele gibt". Es ist der Coup des Jahrhunderts.

Die Staaten Europas wissen damals nicht, wie sie ihre Schulden finanzieren sollen. So wie heute ist Portugal besonders hart getroffen. Und wie anderswo lassen die Politiker dort Geld drucken. Reis hat einfach das Gleiche getan. Nur auf eigene Rechnung.

Die Geldschwemme erschüttert das Vertrauen in die europäischen Währungen, der Staat Portugal gerät ins Wanken. "Der Skandal schwächte die Glaubwürdigkeit der Republik und unterstützte letztlich den Aufstieg des Salazar-Regimes", urteilt Henry Wigan von der London School of Economics in einem Aufsatz. So sieht es auch Murray Bloom, der den Fall in den 60er-Jahren nachzeichnete. "Es war - und ist - das Verbrechen schlechthin", schreibt er im Buch "Der Mann der Portugal stahl", "die große Ausnahme, die es nur einmal in 100 Jahren gibt".

Artur Virgílio Alves Reis wird 1896 in einfachen Verhältnissen geboren. Als Portugal 1916 in den Ersten Weltkrieg eintritt, kann er sich in die Kolonie Angola absetzen. Noch bevor er losfährt, stellt er sich selbst das Diplom Nummer 2148 der "Polytechnischen Ingenieurschule" der Universität Oxford aus - die gar nicht existiert. Reis schreibt sich einen beeindruckenden Abschluss in 20 Fächern, von Maschinenbaukunst über Geometrie und Physik bis hin zu Metallurgie. Auf diese Lüge baut er seine Karriere.

In Angola arbeitet er für die Regierung und die Eisenbahn, handelt parallel mit Rohstoffen und schrottreifen Traktoren und macht mit allerlei Tricks ein erstes Vermögen. Ein Kolonialherr mit hellem Anzug und Tropenhelm, so tritt er auf. Ein Emporkömmling, der Teil der feinen Gesellschaft sein will, und der gern zeigt, was er hat. "Er machte teure Geschenke, schaute einem aber nicht in die Augen. Er war nur an Geld und Frauen interessiert", sagt die Frau eines Geschäftspartners einmal über ihn.

Zurück in Portugal, fängt Reis an, mit ungedeckten Schecks zu spekulieren, kauft sich so bei Unternehmen ein - und raubt 100.000 Dollar aus einem der Firmentresore, sehr viel Geld. "Es gibt in der materialistischen Welt, der ich angehöre, weder ehrliche Leute noch Schurken - es gibt nur Sieger und Unterlegene", sagt er, als er auffliegt und im Gefängnis landet. "Sorge Dich nicht", schreibt er seiner Frau. "So ist das Leben, und wir müssen uns damit abfinden."

Im Gefängnis kommt ihm dann die Idee seines Lebens. Drucken nicht gerade alle hoch verschuldeten Staaten in Europa Geld? Die Deutschen kommen in der Hyperinflation kaum noch nach. Und die Portugiesen auch nicht. Das Land hat zwischen 1919 und 1924 Inflationsraten von durchschnittlich knapp 50 Prozent. Der Goldstandard ist lange aufgehoben, die Bank von Portugal lässt fleißig Escudos drucken. Warum sollte nicht er, Alves Reis, einfach als Geschäftsmann diese Politik fortsetzen, als "Inflationist", wie er sich selbst später vor Gericht bezeichnet?

Er studiert alles über die Bank von Portugal, Statuten, Geschichte, Bilanzen, Zeitungsausrisse. Er malt sich in seiner Zelle ein vollständiges Diagramm und stellt erstaunt fest, dass es keine Abteilung gibt, die die Seriennummern der Scheine prüft. Wenn er also die Scheine perfekt kopieren würde, würde es keiner merken.

Über einen Bekannten nimmt Reis Kontakt zu seinen späteren Komplizen auf, die über die nötigen Verbindungen und das Startkapital verfügen. Zu Karel Marang, einem holländischen Kriegsgewinnler, der sich mit gekauften Adelstiteln schmückt. Und zu Adolf Gustav Hennies, einem Deutschen, der mit krummen Geschäften reich wurde, aber in höchsten Kreisen verkehrt. "Es ist eine riesige Chance, die größte, die ich je hatte", sagt Marang damals. Gemeinsam legen sie los.

Am 24. November 1924 tippt Reis auf seiner Schreibmaschine einen angeblichen Vertrag mit der Bank von Portugal. Danach darf eine Investorengruppe, die Angola 1 Mio. Pfund leiht, Escudo-Banknoten in eben dieser Höhe für die portugiesische Kolonie herausgeben. Es ist eine Lizenz zum Gelddrucken, im wahrsten Sinne. Einen wirklichen Kredit würde es natürlich nie geben. Die Komplizen müssen nur noch eine Notendruckerei von der Echtheit des Auftrags überzeugen - und hätten dann echte Escudos in der Hand.

Bei näherem Hinsehen, hätte jeder stutzig werden müssen. Um die Finanzen Angolas steht es damals schlecht, der Handel lahmt, Bodenschätze sind noch keine entdeckt. Für so viel Geld hätte man die gesamte Kolonie kaufen können. Und die Vorstellung, dass eine souveräne europäische Regierung Investoren erlaubt, so viel Geld zu drucken, ist auch damals absurd. Eigentlich.

Es klappt doch. Reis gibt sich Mühe, den Vertrag imposant aussehen zu lassen. Er lässt ihn beglaubigen und vom britischen, französischen und deutschen Konsulat abstempeln. Anschließend fälscht er noch die Unterschriften des Finanzministers und des Hochkommissars von Angola, klebt alles mit Siegelwachs zusammen. Fertig.

Seine Komplizen nehmen Kontakt zu Waterlow & Sons in London auf, einer der ältesten Druckereien Europas, die auch das Monopol für das britische Pfund besitzt. Chef des Hauses ist Sir William Waterlow, gerade drauf und dran Oberbürgermeister von London zu werden. Seine Firma hat immer wieder Geld für Portugal und Angola gedruckt, die Aufträge dafür kamen immer von der portugiesischen Botschaft - nun kommt Reis' Komplize Marang. "Aber Geschäft ist Geschäft", heißt es später.

Dummerweise hat der gefälschte Vertrag einige Lücken, Reis muss einen weiteren, detaillierteren Vertrag erfinden. Die Unterschriften vom Zentralbankpräsidenten und dessen Vize paust er dafür einfach von einem Geldschein ab. Das Konsortium um Alves Reis habe alle Rechte, sich Escudos drucken zu lassen, schreibt er. Die Druckerei solle die gleichen Druckplatten und Seriennummern benutzen wie bei vorherigen Aufträgen, nach Auslieferung würden die Scheine einen Stempel "Angola" erhalten, damit nicht zwei gleiche Garnituren in Umlauf seien. Und, ach ja, alles solle bitte schön geheim ablaufen.

Dass er mit diesem Papier die große Druckerei zum Narren halten kann, glaubt Reis selbst nicht. Er ärgert sich über ein paar Form- und Grammatikfehler. Aber wenn alles glatt läuft, hat er bald Unmengen echte Escudos in Händen. Eine verlockende Aussicht.

Auch bei Waterlow & Sons sehen sie die Formfehler. Außerdem wundern sie sich, dass ein privates Konsortium dem armen Angola so viel Geld leiht und dafür zwar die gleiche Summe in Banknoten erhält, aber keine Zinsen. "Ich nehme mir die Freiheit, Sie vor dem Geschäft zu warnen", telegrafiert der Vertriebsleiter der Druckerei an Sir William. Normalerweise sei auch gar nicht die Bank von Portugal, sondern die Bank Ultramarino für die Kolonien zuständig. Und sowieso: Alles an diesem Deal erscheine komisch.

Um alle Zweifel aus der Welt zu räumen, verlangt der ehrenwerte Sir William nach einem persönlichen Brief des Zentralbankpräsidenten. Reis fälscht auch den. Er erfindet ein Briefpapier mit Wappensiegel - obwohl die Bank so etwas nie benutzt, was Reis aber nicht weiß. Das Syndikat solle "alle Freiheiten haben", steht in dem Brief, und man solle sich nicht wundern.

Am Ende druckt Waterlow 200.000 echte 500-Escudos-Noten für das seltsame Konsortium, die exakt denen einer früheren Lieferung gleichen. Druckkosten: 1500 Pfund, plus Verpackung, Fracht, Versicherung und Versand.

Reis und seine Komplizen können ihr Glück kaum fassen. Sie haben es geschafft. Allein der Wert dieser ersten Lieferung entspricht ungefähr einem Prozent des portugiesischen Bruttoinlandsprodukts - und verdoppelt die Zahl der 500-Escudos-Noten in dem Land beinahe. Am 10. Februar 1925 schleppen sie den ersten 50-Kilo-Koffer mit 10.000 Scheinen aus der Druckerei. "Schon gehörte Portugal fast ihnen", schreibt Bloom. Aber eben nur fast.

Denn noch ist das Geld nicht unters Volk gebracht. Noch ist der Coup des Jahrhunderts nicht gelungen. Noch muss Alves Reis 200.000 neue, knisternde Scheine in Umlauf bringen, ohne Verdacht zu erregen.

  • Aus der FTD vom 25.09.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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