Wenn Hans-Dieter Kettwig spricht, sind alle anderen still. Er ist aus Aurich in Ostfriesland zu einer Konferenz nach Berlin gekommen, aus der Hauptstadt des Enercon-Landes in die deutsche Hauptstadt. Kettwig redet ein spitzes Norddeutsch, die Haare sind glänzend nach hinten gegelt, der Anzug sitzt akkurat. Der Enercon-Chef ist ein Mann des Erfolgs. "Wir haben kräftig in Weiterentwicklung investiert", sagt er. "In Husum werden wir unsere Zukunftsvision zeigen."
Am Dienstag beginnt in Husum die wichtigste Messe der internationalen Windindustrie - es wird ein trauriges Treffen. Denn außer über Enercon gibt es aus der Windbranche derzeit nur wenig Positives zu berichten, viele "Zukunftsvisionen" wird es nicht zu sehen geben. Chinesische Neueinsteiger drängen mit Billigpreisen in den Markt. Im wichtigen US-Markt kürzt die Regierung die Subventionen. Und in Europa schwächelt die Nachfrage. Die Konsequenz: Die allermeisten Hersteller schreiben Verlust, ihre Aktienkurse sind im Keller.
Bei Enercon ist alles anders: Die Firma arbeite profitabel, behauptet Geschäftsführer Kettwig. Umsatz und Gewinn veröffentlicht das Familienunternehmen allerdings nicht. Branchenexperten schätzen die Erlöse für 2012 auf 4 Mrd. Euro. Die einzigen offiziellen Zahlen betreffen Mitarbeiter (weltweit 13.000) und die Verkäufe von Windanlagen: 20.000 Windräder mit einer theoretischen Gesamtleistung von fast 30 Gigawatt wird das Unternehmen Ende 2012 auf der Welt installiert haben - das entspräche gut 30 Atomkraftwerken. Die produzieren in der Praxis natürlich mehr Strom, weil der Wind eben nicht immer weht.
Die Windräder mit dem grünen Fuß gehören zum deutschen Landschaftsbild. Mit einem Marktanteil von zuletzt 59,5 Prozent ist Enercon seit Jahren die Nummer eins auf dem deutschen Windmarkt. Und auch international läuft es gut für die Ostfriesen: Der Exportanteil beträgt mehr als 60 Prozent, Tendenz steigend.
Den dänischen Branchenanalysten von BTM Consult zufolge hat Enercon 2011 sogar den Marktanteil um 0,7 Prozentpunkte gesteigert, trotz Konkurrenz von Großkonzernen wie Siemens oder GE und trotz des Einstiegs von staatlich gestützten chinesischen Konkurrenten wie Goldwind. Jetzt kommt Enercon auf einen Marktanteil von 7,9 Prozent und damit auf Platz fünf unter den weltweit größten Windturbinenherstellern - vor Repower, Suzlon , Nordex oder Siemens .
Und das Unternehmen expandiert: Seit März laufen die Bauarbeiten für das neue Betonturmwerk in Zurndorf im Burgenland, die erste Produktionsstätte der Firma in Österreich. Die jährliche Produktion von Windrädern will Enercon demnächst auf 3500 Megawatt ausbauen. Im vergangenen Jahr waren es 3195 Megawatt.
Eine Erklärung für die ordentliche Entwicklung liegt in der Geschichte. Denn Enercon war der erste der Branche. Jahrelang war der Name der Firma ein Synonym für Windkraft. Geschaffen hat sie Aloys Wobben. "Er pendelt zwischen Genie und Wahnsinn", heißt es in der Branche über den Firmengründer, man nennt ihn Mr Wind. Der Techniktüftler gründete Enercon im Jahr 1984 als Einmannfirma. Wobben hält 40 Prozent aller globalen Patente auf Windkrafttechnik. "Ohne ihn wäre die Windenergie in Deutschland nicht da, wo sie jetzt ist", sagt Fritz Vahrenholt, der Ex-Chef des Wettbewerbers Repower.
Von Gewerkschaften oder Betriebsräten hält Wobben nichts, die Löhne sind unterdurchschnittlich, klagt die IG Metall, Tarifverträge gibt es nicht. Das Vermögen des Ingenieurs schätzt das US-Magazin "Forbes" dafür auf 2,3 Mrd. Dollar.
Inzwischen hat der 60-Jährige die Geschäftsführung fast komplett an Kettwig übergeben, vor allem aus gesundheitlichen Gründen. Um die Firma vor Übernahmen zu schützen, will er seine Anteile noch in diesem Jahr an eine Stiftung mit seinem Namen übertragen.
Das Erfolgsrezept von Enercon ist ein klassisches: Keine Experimente wagen. Offshore: "Die Entscheidung, dass wir da nicht mitmachen wollen, hat keine drei Monate gedauert", sagt Kettwig - das Risiko der Milliardenprojekte im Meer sei zu groß. China: "Wir haben uns damit beschäftigt. Es hat sich aber gezeigt, dass es gut ist, dass wir uns nicht allzu lange damit beschäftigt haben." Rivalen wie Repower haben den abgeschotteten Markt inzwischen wieder aufgegeben, Verluste inklusive. Auch Indien, wo Enercon im vergangenen Jahr nach einem Streit mit seinem Partner ein Joint Venture beendete, steht nicht mehr im Fokus. "Es gibt Märkte, wo die Schinken zu hoch hängen. Das lassen wir lieber", sagt Kettwig. "Wir machen nur Dinge, die wir als Mittelständler verantworten können."
Ein weiterer Grund für den Erfolg: Qualität. 1992 hat sich das Unternehmen, das traditionell viel in Forschung und Entwicklung investiert, auf getriebelose Anlagentechnik spezialisiert. Der Rest der Branche hat Wobben dafür erst ausgelacht - es war ein Tabubruch. Aber das Enercon-Antriebssystem hat nur wenige drehende Bauteile, die mechanische Belastung, die Betriebskosten und der Wartungsaufwand sind geringer, die Lebensdauer höher. Inzwischen folgen Rivalen wie Siemens der Idee.
Die Reklamationen sind im Vergleich gering. Das liegt auch daran, dass bei keinem anderen Unternehmen der Anteil an eigener Wertschöpfung an Windrädern so hoch ist, die Firma hat sogar eine eigene Gießerei - in Deutschland. "Unsere Hauptkapazitäten sind in Deutschland, und das bleibt auch so", sagt Kettwig. "Wir wollen zeigen, dass Deutschland für diese Schwerindustrie geeignet ist."
In Husum will Kettwig für Deutschland werben - als Absatzmarkt. Er stellt Anlagen vor, die auch für windärmere Standorte in Süddeutschland gut geeignet sind, sie haben vor allem höhere Türme. "Die Nabenhöhe ist der Schlüssel zur Energiewende", sagt er. "Wir sollten die Windenergieanlagen dort installieren, wo wir auch Strom verbrauchen." Wenn Kettwig spricht, werden die anderen still sein. Auch ab Dienstag in Husum.