Die Windindustrie gerät zunehmend in Bedrängnis. Konkurrenzdruck und lahmende Nachfrage haben Nordex noch tiefer in die Verlustzone gedrückt, teilte der Windturbinenbauer am Dienstag mit. Der Aktienkurs notierte zu Börsenschluss zwei Prozent im Minus. Gleichzeitig schockierte Suzlon , der indische Mutterkonzern des Nordex-Rivalen Repower, die Anleger mit tiefroten Zahlen, geplantem Jobabbau und neuen Refinanzierungsplänen. Die Aktie fiel bis zu neun Prozent auf ein Rekordtief von 16,10 Rupien (0,23 Euro).
Damit hinterlässt die Branchenkrise tiefe Spuren in den Bilanzen der Hersteller. Es treffen sich zwei fatale Trends: Zum einen wächst die Nachfrage nach Windrädern weltweit längst nicht mehr so schnell wie in den Vorjahren. Die Windindustrie verbuchte laut dem Beratungsunternehmen Make Consulting im ersten Halbjahr ein Minus bei den Auftragseingängen von rund 30 Prozent.
Zum anderen steigt die Konkurrenz, vor allem durch chinesische Hersteller, die deutlich günstiger liefern als westliche Rivalen. Ihr Markteintritt hat einen Preisverfall ausgelöst, der Firmen wie den Weltmarktführer Vestas aus Dänemark oder auch Nordex in die roten Zahlen gedrückt hat. Seit 2008 sanken die Preise um rund 25 Prozent. Chinesische Hersteller wie Sinovel und Goldwind sowie Dutzende Kleinanbieter haben sich bislang auf ihren Heimatmarkt konzentriert. Für ausländische Hersteller ist er weitgehend verschlossen, Repower hatte sich bereits zurückgezogen. Zuletzt haben besonders Sinovel und Goldwind aber viele Auslandsaufträge ergattert, etwa in Osteuropa und Lateinamerika. Oft kommt die Finanzierung auch aus China - während deutsche oder US-Hersteller um Projektgelder ringen. Manche Branchenbeobachter fürchten einen ähnlichen Niedergang wie in der Solarindustrie.
Nordex nannte "Druck auf die Turbinenpreise und mangelnde Auslastung der Kapazitäten" als Gründe für die roten Zahlen in den ersten sechs Monaten. Der Hamburger Konzern, der ausschließlich Windräder für das Festland baut, schrieb im ersten Halbjahr einen Verlust von 23,3 Mio. Euro, nach Verlusten von 4,1 Mio. Euro im Vorjahreszeitraum. Das Unternehmen hofft jedoch auf die gut gefüllten Orderbücher: Der Auftragsbestand stieg um 50 Prozent auf 873 Mio. Euro.
Allerdings hatte Nordex bereits häufiger - auch im ersten Halbjahr - Schwierigkeiten, die Aufträge in tatsächliche Verkäufe zu wandeln. Deshalb meldete der Vorstand Zweifel an der oberen Grenze seiner Umsatzprognose für das Geschäftsjahr 2012 an. Zwar erwartet Nordex weiterhin einen Anstieg auf 1 Mrd. bis 1,1 Mrd. Euro, nach 921 Mio. Euro im Vorjahr. Voraussetzung sei aber die beschleunigte Abwicklung von Projekten. Nordex rechnet 2012 vor Zinsen und Steuern mit einem kleinen Gewinn. Die Quandt-Erbin Susanne Klatten hält über die Beteiligungsgesellschaft Skion fast 25 Prozent an dem Unternehmen, der Rest befindet sich in Streubesitz.
Bei Suzlon, der Nummer sieben des Weltmarkts, sieht die Lage noch deutlich düsterer aus. Das Unternehmen, das 2007 in einem Bieterwettkampf um die Macht bei Repower gegen Areva aus Frankreich als Sieger hervorging, schreibt seit drei Jahren rote Zahlen. Zwischen April und Juni verbuchte es einen Nettoverlust von 8,5 Mrd. Rupien (rund 125 Mio. Euro), im Vorjahreszeitraum schaffte es noch einen Gewinn von 601,2 Mio. Rupien.
Suzlon drückt zudem eine hohe Schuldenlast, laut Daten der Agentur Bloomberg muss der Konzern mit Sitz im indischen Pune am 11. Oktober Schuldverschreibungen in Höhe von 142,2 Mio. Dollar zurückzahlen. Dazu will Finanzchef Kirti Vagadia im dritten Quartal Anleihen in Höhe von bis zu 500 Mio. Dollar begeben. Außerdem soll es ein Sparprogramm geben, das die Kosten um 20 Prozent senkt. Wie viele Arbeitsplätze wegfallen, wollte er Bloomberg nicht sagen.
Von wachsenden Märkten werden die Unternehmen jedenfalls vorerst nicht aus der Krise gerettet, erwarten Experten. Der deutsche Markt wächst in diesem Jahr zwar leicht, hat mit 5,1 Prozent der Installationen und sechs Prozent der Investitionen aber nur noch einen sehr kleinen Anteil am Weltmarkt - seine Hochzeiten sind längst vorbei, in denen er deutsche Hersteller wie Nordex oder Repower groß gemacht hat. Im ersten Halbjahr wuchs die Nachfrage laut Make Consulting nur in den USA, dort um 13 Prozent, alle anderen Märkte verloren deutlich an Schwung.