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Merken   Drucken   23.07.2008, 19:31 Schriftgröße: AAA

Agenda: Antrieb aus der Steckdose

Dossier Mit Millionen von Stromtankstellen will Shai Agassi das Elektroauto massentauglich machen. Auf der ganzen Welt findet der ehemalige SAP-Manager dafür Unterstützung - nur die Deutschen trauen seiner Vision nicht. von Matthias Lambrecht (Berlin/Paris)
Draußen vor dem Hotel fahren große, dunkle Limousinen vor: Audi , Mercedes , BMW . Shai Agassi steht im Foyer und wartet auf die Bundeskanzlerin, mit der er gleich auf dem Podium des Wirtschaftstags der CDU in Berlin sitzen wird. "Siehst du die Wolken, die da rauskommen", sagt der Ex-Vorstand des Softwarekonzerns SAP halb zu sich selbst und schüttelt den Kopf. "Wir bauen die falschen Autos."
Drinnen im großen Saal breitet er kurz darauf seine Vision von einer "Welt ohne Öl" aus. Einer Welt mit Elektroautos, die klimaschonend und lautlos dahingleiten und dabei pro Tag so viel Strom verbrauchen wie ein Laptop. Einer Welt, in der man für die gefahrenen Kilometer nur einen Bruchteil der heutigen Kosten für Benzin oder Diesel zahlt. Einer Welt, in der für S-Klassen, Cayennes oder 7er-Reihen schon bald kein Platz mehr ist. "Das ist das Projekt unserer Generation", wird er am Ende in den Saal rufen und dafür mehr Applaus bekommen als vor ihm die Kanzlerin.
Scheitern verboten: Shai Agassi gibt alles für sein neues Projekt   Scheitern verboten: Shai Agassi gibt alles für sein neues Projekt
Agassi hat für dieses Projekt vor gut einem Jahr seinen Vorstandsjob bei SAP aufgegeben, nach einer steilen Karriere und der Aussicht, dort mit kaum mehr als 40 Jahren die Nachfolge des Konzernchefs anzutreten. "Ich habe mich gefragt, was meine Leidenschaft ist", sagt er. Jetzt hat er sie gefunden, als Chef eines Startups mit knapp 50 Mitarbeitern in Palo Alto und Tel Aviv. Project Better Place heißt seine neue Firma, die die Welt aus der klimaschädlichen und politisch wie wirtschaftlich bedrohlichen Abhängigkeit vom Öl befreien soll.
Keine Ökoträumerei, sondern ein knallhart durchkalkuliertes Geschäftsmodell: Elektroautos will er wie Handys vermarkten - mit Leistungspaketen, in denen der Preis pro Kilometer deutlich unter dem heutiger Benzinkosten liegt. Die Lithium-Ionen-Batterien werden Reichweiten von mehr als 150 Kilometern mit einer Ladung ermöglichen. Better Place stellt den Strom über ein flächendeckendes Netz von Ladestationen zur Verfügung - an öffentlichen Parkplätzen, in Einkaufszentren oder vor Bürohäusern. Und natürlich können die Autos auch über Nacht zu Hause aufgeladen werden, wenn der Strom billig ist. Wer längere Strecken zurücklegen will, kann an Wechselstationen, die wie Tankstellen an den Hauptverkehrsadern liegen, den leeren Akku gegen einen vollen eintauschen. Die Batterien bleiben dabei im Besitz des Unternehmens.
Damit räumt Agassi die wichtigste Hürde beiseite, die bislang den Umstieg auf die umweltfreundliche Technik behindert: Denn die Lithium-Ionen-Akkus kosten immer noch rund 7000 Euro - das schreckt vom Kauf eines Elektroautos ab, auch wenn sich die Anschaffung dank der niedrigeren Kosten pro Kilometer nach einigen Jahren rechnet. Agassi nimmt dem Nutzer diese Investition ab - wie ein Mobilfunkkonzern, der Gratishandys ausgibt, damit schnell Kunden gewinnt und den Einsatz über die Gebühren wieder hereinholt. Mit einem Schlag könnte Better Place damit eine kostengünstige Alternative zu den herkömmlichen Automobilen bieten und wäre konkurrenzfähiger als Fahrzeuge mit Hybrid-, Brennstoffzellen-, oder Wasserstoffantrieb.
Agassis Modell ist mit dem Ölpreis gereift. Als er sein Unternehmen im vergangenen Herbst gründet, liegt der Preis pro Barrel bei 96 $. Inzwischen ist die 140-$-Marke erreicht - und Agassi macht eine einfache Rechnung auf: "Wenn es 1,50 Euro kostet, einen Liter Benzin zu kaufen, dann sind das etwa 15 Cent pro Kilometer - und ich weiß, dass wir das für 3 Cent anbieten können."

Teil 2: Wie Agassi den Renault-Nissan-Chef für sich einnahm

  • Aus der FTD vom 24.07.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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