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Merken   Drucken   09.07.2008, 19:15 Schriftgröße: AAA

Agenda: Die Big Three am Abgrund

Dossier Sinkende Verkaufszahlen, schrumpfende Marktanteile, fallende Aktienkurse - GM, Ford und Chrysler stecken in der größten Krise ihrer Geschichte. Selbst das bisher Undenkbare wird nicht mehr ausgeschlossen: eine Pleite. von Michael Gassmann (New York) und Oliver Wihofszki (Stuttgart)
Optimismus ist heutzutage erste Bürgerpflicht für den Chef eines US-Autokonzerns. Rick Wagoner ist gut darin. Sehr gut sogar. Das Öl wird knapp? "Wir werden acht Hybride bis Ende 2008 bringen", antwortet der Chef von General Motors  (GM). Und das sei erst der Anfang. "Wir bauen bis Ende 2010 ein aufregendes Auto, den Chevy Volt. Das ist der Beginn einer ganz neuen Art von Automobil", preist Wagoner das künftige Elektroauto. Und dann beginne ja erst die Wasserstoff-Ära, tönt er bei einer Diskussion im großen Saal der Carnegie Mellon Universität in Pittsburgh vor dekorativen US-Fahnen mit goldenen Fransen.
Das war vor genau zwei Wochen. Tags drauf diktierte derselbe Rick Wagoner seiner Sekretärin eine E-Mail an die Beschäftigten von GM, die ganz anders klang. GM stehe vor gewaltigen Herausforderungen, hieß es da. "Wir werden schnell und aggressiv reagieren." Den Beschäftigten ist klar, was das bedeutet: Stellenabbau, Werksschließungen, Kapazitätseinschnitte.
Über fünf Jahrzehnte waren die legendären "Big Three" ...   Über fünf Jahrzehnte waren die legendären "Big Three" ein Eckpfeiler der US-Volkswirtschaft
Bei Ford  und Chrysler sieht es nicht besser aus. Über fünf Jahrzehnte waren die legendären "Big Three" ein Eckpfeiler der US-Volkswirtschaft. Und immer noch prägen das Trio und seine Zulieferer mit 800.000 Arbeitsplätzen ganze Landstriche in den USA, beliefern die Hälfte des größten Automarkts der Welt. Doch diese Konstellation wird wohl bald Geschichte sein.
Die US-Autoindustrie steckt in der größten Krise seit Gründung der Big Three. Die Absatzzahlen sinken dramatisch, die Marktanteile der Hersteller schrumpfen, die Aktienkurse fallen. Seit Jahren währt die Dauermisere, nun wird sie existenzbedrohend. 300.000 Jobs gingen seit 1999 verloren, ganze Fabriken wurden geschlossen. Die einst übermächtige Position auf dem Weltmarkt scheint für GM, Ford und Chrysler unwiederbringlich verloren. Und die Konkurrenz aus Europa und Asien mit ihren zuverlässigen, sparsamen Autos steht bereit, die Lücke zu füllen.
Verkaufte Autos der "Big Three" in den USA   Verkaufte Autos der "Big Three" in den USA
Schuld an der Misere, so das Klagelied in Detroit, seien der hohe Ölpreis und die Konjunkturflaute. Aber die Probleme wurzeln tiefer. Viel zu lange setzten die Big Three auf bullige Geländewagen, weil man mit ihnen kurzfristig mehr Geld verdienen konnte. Sie nahmen Milliardenverluste, ineffiziente Strukturen und Qualitätsprobleme hin. Und sie unternahmen nichts gegen die horrenden Arbeitskosten, scheuten den Konflikt mit der mächtigen Autogewerkschaft UAW. Erst im vergangenen Herbst rangen die Auto-Bosse der Gewerkschaft nennenswerte Zugeständnisse ab - vielleicht zu spät. Die Kunden sind bereits in Scharen weggelaufen, zur ausländischen Konkurrenz. 1980 stammten drei Viertel der in den USA verkauften Autos aus Detroit, im Juni 2008 waren es nur noch 46,4 Prozent.
Die Prognosen sind erschütternd. Chrysler geben Experten kaum noch Überlebenschancen als eigenständiges Unternehmen. Im Juni musste die frühere Daimler-Tochter einen Absatzeinbruch um sage und schreibe 36,1 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat hinnehmen. "Es ist äußerst wahrscheinlich, dass Chrysler zerschlagen und 2009 verkauft wird", prophezeit Sean McAlinden vom Center for Automotive Research im Autostaat Michigan. Und auch der Analyst Aaron Bragman von Global Insight "weiß nicht, wie Chrysler die nächsten zwei Jahre als selbstständiges Unternehmen überstehen soll".

Teil 2: Das Heil liegt in neuen Kooperationen

  • Aus der FTD vom 10.07.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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