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Merken   Drucken   23.10.2008, 21:39 Schriftgröße: AAA

Agenda: Es ist angerichtet

Dossier Gewinnwarnung, Werkschließung, Kurssturz: Gerade schien Daimler genesen, jetzt herrscht in Stuttgart wieder Krisenstimmung. Und Konzernchef Dieter Zetsche muss eine feindliche Übernahme fürchten. von Kristina Spiller (Stuttgart) und Stephan Radomsky (Hambach)
Zärtlich streicht Volker Stauch über den silbern glänzenden Motor. Dreieinhalb Jahre lang hat er die Entwicklung des neuen OM 651 begleitet. Nun steht der Prototyp vor ihm, ein fast drei Zentner schwerer Koloss. "Das ist unser neuestes, heißestes Eisen", sagt der Mercedes-Manager. Der 56-Jährige leitet die Antriebsfertigung - und Daimlers altes industrielles Herz: das Werk Untertürkheim. Dort soll der neue Vierzylinder vom Band laufen. In einem Monat geht es los. "Alle sind angespannt", sagt Stauch.
Nichts darf schiefgehen. Der OM 651 ist mehr als nur irgendein Antrieb. Er ist der Zukunftsmotor für Mercedes. Ein Triebwerk für fast alle Mercedes-Modelle, von der A-Klasse bis zum Sprinter. Längs einbaubar in großen Autos, quer und platzsparend in kleinen. Sprit sparen soll der OM 651 bei alldem auch noch: Nur 5,2 Liter Diesel auf 100 Kilometer soll er verbrauchen, in der 204-PS-Spitzenversion.
Rund 1 Mrd. Euro hat Daimler in das Aggregat gesteckt. "Wir können was", sagt Stauch, und seine Augen glänzen. Die öffentliche Schelte an der Mercedes-Qualität vor Jahren, sie schmerzt die Firmenseele noch immer. "Die Mitarbeiter wollen nicht wie die Deppen dastehen", sagt Stauch.
Wir können was! Ja, das sollte eigentlich jetzt Tenor sein bei Daimler. Konzernchef Dieter Zetsche hat das Unternehmen seit seinem Amtsantritt 2006 verschlankt, schlagkräftiger gemacht. Er hat die Probleme bewältigt, die ihm sein Vorgänger Jürgen Schrempp mit der "Welt AG" hinterlassen hat: Qualität und Ergebnis von Mercedes sind aufpoliert, der Anteil am kränkelnden US-Hersteller Chrysler ist fast verkauft, die Beteiligung an Mitsubishi ganz. Selbst die Dauersorgenmarke Smart schreibt Gewinne. Und doch ist die Stimmung in der Konzernspitze am Boden: Konsumflaute, Finanzkrise und das neu erwachte Umweltbewusstsein bei Verbrauchern und Politikern verderben Zetsche die Feierlaune.
Am Donnerstag musste Zetsche schon wieder eine Gewinnwarnung verkünden, die zweite innerhalb weniger Monate. 7,7 Mrd. Euro wollten die Stuttgarter ursprünglich im laufenden Geschäftsjahr erwirtschaften, nun sind es nur noch 6 Mrd. Euro. Im dritten Quartal ist der Profit gegenüber dem Vorjahr um zwei Drittel eingebrochen. Und dann der Aktienkurs: Er liegt fast 80 Prozent tiefer als zu den besten Zeiten des aus dem Amt geprügelten Schrempp. Rund 80 Mrd. Euro Börsenwert wurden seither vernichtet. Groß ist die Sorge, Daimler könne nun geschluckt werden.
"Zetsche hat eine enorme Restrukturierung durchgezogen", lobt Credit-Suisse-Analyst Arndt Ellinghorst. Doch jetzt werde das Unternehmen "mit voller Wucht von der wirtschaftlichen Abkühlung getroffen". Absatzeinbrüche in den USA und längst auch in Westeuropa machen der Autobranche schwer zu schaffen. Zugleich geht der jahrelange Boom in Europas Lkw-Markt zu Ende - und die Talfahrt in Amerika unaufhaltsam weiter. Weltmarktführer Mercedes muss die Lkw-Produktion zurückfahren, schließt Werke in den USA, gibt die Marke Sterling auf. "Die Risiken sind momentan höher als die Chancen", sagt Robert Heberger, Analyst bei Merck Finck.

Teil 2: Glorreiche Vergangenheit

  • Aus der FTD vom 24.10.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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