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Merken   Drucken   09.12.2008, 21:53 Schriftgröße: AAA

Agenda: Zeitenwende an der Stechuhr

Dossier Mit Arbeitszeitkonten glaubten sich die Autobauer gegen Krisen gewappnet. Nun müssen sie erleben, wie das Erfolgsmodell früherer Tage an seine Grenzen stößt. Es drohen Kurzarbeit und Entlassungen. von Heimo Fischer (Stuttgart), Maike Rademaker (Berlin) und Kristina Spiller (Hamburg)
Schwer hängen die Regenwolken am Mittag über dem Daimler -Werk in Stuttgart-Untertürkheim. Heiner Brügger*, Facharbeiter in der Logistikabteilung, eilt zum Schichtbeginn. Noch hat er was zu tun: verpacken, verschicken, organisieren. Abgebummelt sind die vielen Überstunden, die er in den vergangenen Jahren gemacht hat. Innerhalb weniger Wochen hat der 46-Jährige sein Arbeitszeitkonto ins Soll gebracht. "Zurzeit liege ich mit 14 Stunden im Minus", sagt er. Und er rechnet damit, dass das Defizit steigt.
Die Krise trifft Daimler hart. Wie viele Tausend Mitarbeiter wird Brügger weiter Freistunden anhäufen. Bis zu 150 Stunden darf er ins Soll rutschen, dann könnte es ihm ergehen wie seinen Kollegen aus dem Werk im benachbarten Sindelfingen. Dort haben sich Betriebsrat und Unternehmen am Montag auf zweieinhalb Monate Kurzarbeit geeinigt. "Bei vielen Beschäftigten war mit gleitender Arbeitszeit nichts mehr zu machen", sagt die Sprecherin des Gesamtbetriebsrats. 20.000 Arbeiter werden deutlich weniger Geld verdienen - trotz des staatlichen Zuschusses, der bei Kurzarbeit gezahlt wird. Das tut weh. Nicht nur bei Daimler.
Die Krise räumt überall in der Branche die Arbeitszeitkonten leer, Volkswagen , Audi und Porsche  mussten die Produktion drosseln, BMW  schickte die Beschäftigten seines Münchner Stammwerks schon zu Nikolaus in die Weihnachtsferien, und nach mehreren Produktionsstopps erwägt Opel nun, im Werk Eisenach die Wochenarbeitszeit von 38 auf 33 Stunden zu verringern.
Wie gewonnen, so zeronnen - Deutschlands Autobauer können die ...   Wie gewonnen, so zeronnen - Deutschlands Autobauer können die Krise mit ihren Arbeitszeitmodellen nicht mehr meistern
Mit Gleitzeit lässt sich das nicht mehr regeln. Das seit Jahren propagierte Flexibilisierungsmodell hat seine Grenzen erreicht. Die Folgen könnten dramatisch sein. Schon sagen Experten Werksschließungen und Entlassungen voraus. "Wir werden bei vielen sehr bald Kurzarbeit sehen", prophezeit ein Unternehmensberater. "Wenn sich im ersten Quartal 2009 keine Trendwende beim Absatz zeigt, wird es im zweiten Quartal zu Werksschließungen und massiven Entlassungen kommen."
Fast kein Tag mehr ohne Schreckensmeldung aus der Autobranche: BMW wird in diesem Jahr 65.000 Autos weniger herstellen als vorgesehen, Daimler etwa 90.000 Fahrzeuge. Für 2009 erwarten die Autobauer auf dem Heimatmarkt den schwächsten Absatz seit der Wiedervereinigung - was Zehntausende Jobs gefährdet. Gerade musste BMW verkünden, dass neben den geplanten 8100 festen Jobs auch 400 Zeitarbeitsplätze im Werk Leipzig wegfallen.
Die Krise hat längst auf die Zulieferer übergegriffen. Mit flexibler Arbeitszeit lässt sich der Einbruch nicht mehr abfedern. Der Wälzlagerhersteller Schaeffler will Schichten ausfallen lassen und die Zahl der Zeitarbeiter reduzieren. Der jüngst übernommene Zulieferer Continental  hat bereits für einige Standorte Kurzarbeit angekündigt - ebenso wie der Elektronikkonzern Bosch  für sein Bamberger Werk.
Einigen Zulieferern droht sogar die Pleite. Gerade hat der Leverkusener Bremsenhersteller TMD Friction mit rund 2000 Beschäftigten in Deutschland Insolvenz angemeldet. BMW-Finanzvorstand Friedrich Eichiner forderte unlängst für solche Kandidaten einen staatlichen Rettungsschirm: "In einer so schwierigen Krisensituation muss der Staat einspringen."
* Name von der Redaktion geändert

Teil 2: Warum versagt das Heilsmodell

  • Aus der FTD vom 10.12.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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