Der Autohersteller Daimler sucht mit einem Tabubruch in der Produktion Anschluss an seine profitabler arbeitenden Rivalen. Der Konzern erwägt, erstmals gemeinsam mit dem Partner Renault-Nissan Pkw der Kernmarke Mercedes zu bauen. Nach FTD-Informationen könnten schon ab 2016 kleinere Mercedes-Modelle und Autos der Nissan-Premiumtochter Infiniti zusammen vom Band laufen.
Für Mercedes wäre dies ein gewaltiger Schritt. Die Allianz mit Renault-Nissan besteht seit 2010. Die Konzerne teilen eine Fahrzeugplattform, tauschen Motoren aus und sind aneinander beteiligt - doch eine gemeinsame Produktion gibt es bislang nur bei Nutzfahrzeugen. Die Stuttgarter tun sich schwer damit, ihre Kernmarke Mercedes über einzelne Komponenten hinaus mit dem Partner zu teilen. Hardliner im Konzern befürchten einen Imageschaden für die Marke, deren Gründer das Auto einst erfand.
Der erste gemeinsam produzierte Pkw könnte ein kleiner Geländewagen sein. Als möglichen Standort für die Fertigung auf Basis der Mercedes-A- und -B-Klasse nannten hochrangige Konzerninsider Osteuropa. Mercedes baut bereits im ungarischen Kecskemet Autos der Kompaktklasse. Nissan besitzt eine Fabrik im russischen Sankt Petersburg. Eine Entscheidung könnte Ende des Jahres fallen.
Im Gespräch ist zudem ein Austauschprogramm für Manager der Autohersteller. Eine Daimler-Sprecherin wollte zu den Informationen nicht Stellung nehmen: "Zu Spekulationen äußern wir uns grundsätzlich nicht." Generell sei der Konzern aber offen für Projekte mit Partnern. Derzeit würden viele Themen durchdacht.
Der wachsende Druck durch die Konkurrenz zwingt Daimler dazu, sich zunehmend auf die französisch-japanische Allianz zu stützen. Audi und Daimler haben beide angekündigt, BMW mittelfristig als größten Premiumhersteller der Welt abzulösen. Für den Stuttgarter Konzern gestaltet sich dies besonders schwierig. Denn der Hersteller gerät bei Investoren immer stärker in die Kritik. Zwar stimmen die Verkaufszahlen, doch Daimler erwirtschaftet weniger Gewinn pro Auto als BMW und Audi. Anders als die Konkurrenten entwickeln die Stuttgarter ihre Autos zu aufwendig und bauen zu wenig gleiche Teile in ihre unterschiedlichen Fahrzeugmodelle ein. Bei der A- und B-Klasse geschieht dies nun erstmals konsequent: 60 bis 70 Prozent der Teile sind identisch.
Daimler-Chef Dieter Zetsche, dessen Vertrag Ende des Jahres verlängert werden soll, hatte das Problem kürzlich auch in einem Brief an seine Mitarbeiter angesprochen. Darin mahnte er ein geschärftes Kostenbewusstsein an. Ausgaben für "Entbehrliches" würden den Kostendruck erhöhen, so der Automanager in dem Schreiben. Gesamtwirtschaftlich müsse man sich auf "stärkeren Gegenwind einstellen". Deshalb sei es wichtig, "das eigene Gepäck so leicht wie möglich zu machen".
Eine engere Bindung an Renault-Nissan könnte den Stuttgartern nun helfen, ihre Position gegenüber Audi und BMW zu verbessern. Dazu eignet sich besonders das viel verkaufte Kompaktsegment - also die Modelle der A- und B-Klasse. Nach Berechnungen des Analyseunternehmens IHS Automotive wird Daimler ab 2015 rund eine halbe Million Pkw dieser Klasse verkaufen. Damit wäre etwa jedes dritte vom Konzern gebaute Auto ein Kompaktfahrzeug. Im vergangenen Jahr waren es 178.000.
Auch Infiniti will die Verkaufszahlen in diesem Wachstumssegment deutlich ausbauen. Ab 2014 werden die Japaner auf Basis der A- und B-Klasse erstmals ein Modell beim Zulieferer Magna fertigen lassen - ein Coupé, das bislang den Konzeptnamen Etherea trägt. Konzernkreisen zufolge plant Infiniti, zunächst etwa 50.000 bis 65.000 Autos auf Basis der A-Klasse zu verkaufen. In einem zweiten Schritt - frühestens ab 2016 - sollen es dann 100.000 sein.
Zetsche und Renault-Nissan-Chef Carlos Ghosn werden beide auf dem Pariser Automobilsalon am 28. September erwartet. Vorgesehen ist, dass sich die Manager dann auch zu Details ihrer Kooperation äußern.