Das Büro von Harald Schomburg hat sich in den vergangenen Monaten stark verändert. Statt auf weichen Teppichfliesen steht sein Schreibtisch auf Backsteinboden. Wenn das Telefon klingelt, geht keine Sekretärin an den Apparat. Schomburg erledigt alles selbst: "Ich habe hier in der Halle erst einmal fünf Tage lang geputzt", sagt der 52-Jährige.
Im Gewerbegebiet Braunschweig, umgeben von Oldtimern, ist Harald Schomburg in einem neuen Leben angekommen - als Händler für historische Fahrzeuge. "Die Idee zur Oldtimer-Botschaft hab ich ewig mit mir herumgetragen", erklärt er. "Autos sind meine Passion. Schon der Uropa hatte einen Opel-Betrieb im Osten."
Als Schomburg Ende März als Vertriebschef bei VW Nutzfahrzeuge abgelöst wurde, war die Zeit reif. Er tauschte das aufreibende Managerleben gegen die Selbstständigkeit ein. Schomburgs Liebe zu altem Blech teilen viele. Während der Automarkt in Europa schrumpft, nimmt die Zahl der historischen Pkw zu. 2011 waren es in Deutschland weit über 230.000 Exemplare - ein Plus von knapp elf Prozent.
Europaweit ist aus dem einst reinen Hobbythema ein wachsender Wirtschaftszweig geworden. Laut einer Marktanalyse von Allensbach zusammen mit dem Verband der Deutschen Autoindustrie (VDA) betragen die Umsätze aus Handel und Gewerbe mit Oldtimern weit mehr als 5 Mrd. Euro jährlich. Ausgaben für Rallyes, Gutachten oder Fachzeitschriften nicht mitgerechnet. Diese Extras bringen über die Haltungsdauer des Fahrzeugs oft mehr Geld ein als der Autoverkauf selbst. Allensbach zufolge beträgt der Markt für Kleidung, Veranstaltungen, Bücher und Modelle im Oldie-Bereich 500 Mio. Euro jährlich. Allein in Deutschland interessieren sich über vier Millionen Menschen für das Thema.
Martin Halder beispielsweise verdient sein Geld mit Oldtimer-Parkhäusern de luxe. Dabei kommt der Wirtschaftsingenieur nicht aus der Autoindustrie, sondern ist in der Immobilienbranche zu Hause. "Meilenwerk" heißt seine Geschäftsidee. In ausgedienten Industriebauten richtet er Erlebnisparks rund um alte Fahrzeuge ein. Das Meilenwerk vor den Toren Stuttgarts nutzt das Gelände eines alten Flughafens. Neben Lamborghini, Porsche oder Bugatti-Modellen darf der Besucher im selben Trakt durch verglaste Wände den Mechanikern bei der Arbeit zuschauen. "Es ist ein Ausdruck von Sinnlichkeit, wenn sie in Handarbeit aus einem Stück Blech einen passenden Kotflügel formen", erzählt Halder. Derzeit gibt es das Meilenwerk in Stuttgart, Hamburg und Zürich. Weitere sind in Planung. Das Prinzip ist einfach. Der 43-Jährige entwickelt das Konzept, sucht dann Investoren aus der Immobilienbranche. In Zürich kosteten der Bestand und das Gebäude des Meilenwerks etwa 60 Mio. Euro, in Hamburg 25 Mio. Euro. Halder und seine Mitarbeiter kümmern sich um den Ausbau, werben Mieter an und verwalten das Zentrum. Aus den Mieteinnahmen werden die Kosten der Investition beglichen.
Dass Oldtimer das Geschäftsmodell des Meilenwerks werden, war nicht von Anfang an klar. Halder und sein Team wollten ein Immobilienkonzept entwickeln, das eine kultivierte, wohlhabende und möglichst exklusive Zielgruppe anspricht. Nach Monaten der Recherche stießen sie auf die wachsende Gruppe der Oldtimer-Fans.
Dass diese einkommensstark sind, zeigt allein die Bereitschaft, für Wochenendrallyes oft mehrere Tausend Euro auszugeben. Die Zahl der Veranstaltungen für alte Autos steigt seit Jahren deutlich. Der Stuttgarter Zeitschriftenverlag Motorpresse zum Beispiel entwickelt daraus einen eigenen Geschäftsbereich. "Die Nachfrage ist hoch", sagt ein Sprecher. Veranstalter nutzen den Trend und lassen alte Rallyenamen wieder aufleben, um Oldtimer-Fans zur Teilnahme zu bewegen. Das Bergrennen am Großglockner etwa fand 2012 zum ersten Mal seit 1939 wieder statt.
Auch Autohersteller entsenden zunehmend Oldtimer aus ihren alten Beständen. Mercedes etwa will nächstes Jahr bei 20 bis 25 dieser Rallyes mitmachen. Vor zehn Jahren waren es nicht mal halb so viel. Für Mercedes fallen diese Veranstaltungen in die Kategorie Traditionspflege, um ihren Markenwert zu stärken. Der Hersteller pflegt unter anderem für diese Zwecke einen Bestand von mehr als 800 alten Fahrzeugen.
Harald Schomburgs Oldtimer-Botschaft kommt mit weniger aus. Acht Modelle vom Heinkel-Roller bis zum Porsche Targa stehen zum Verkauf. Dazwischen Glasvitrinen und kolorierte Schwarz-Weiß-Bilder aus dem Motorsport an der Wand. "Es gibt viele Leute, die nur zum Kaffee kommen und Bücher lesen", erzählt Schomburg. Es geht um Wohfühlatmosphäre. Die schöne neue Oldie-Welt - sie kommt ohne schmutzige Finger aus.