Lässig lehnen sich zwei langbeinige Schönheiten an die glitzernde Karosserie. "Lächeln!", schreit der Fotograf, und artig zeigen die beiden Damen ihre Zähne. Von nebenan tönt laute Musik durch die Ausstellungshalle. Die Scheinwerfer leuchten hell. Der Fotograf knipst und zieht weiter. Er hat ein neues Auto ausgemacht - und zwei neue Schönheiten.
Auf dem Internationalen Moskauer Autosalon drängen sich in diesen Tagen die Fahrzeughersteller im Rampenlicht; 21 Weltpremieren und 24 Europa-Premieren werden vorgestellt. Mittendrin: Opel. "Wir haben unseren Ausstellungsfläche gegenüber der letzten Motorshow verdoppelt", wirbt ein Sprecher. Stolz verweist er auf die vier Weltpremieren, die Opel präsentiert. Die wichtigste davon ist der Astra Sedan, für den die Rüsselsheimer Russland als wichtigsten Absatzmarkt auserkoren haben.
Deutschland scheint in diesem Moment so weit weg. Die Suche nach einem neuen Vorstandschef? Für den Moment ausgeblendet, ebenso wie das endlose Gezerre um eine Strategie für die seit Jahren kriselnde Tochter des US-Konzerns General Motors (GM). Denn eines steht schon jetzt fest: Egal, welche Weichen der Vorstand und die Aufsichtsräte - die sich am Donnerstag zu ihrer jüngsten Sitzung treffen - stellen: Russland ist als wichtiger Markt für Opel gesetzt. Hier gilt die Marke als cool; der russische Opel-Besitzer ist im Schnitt 38 Jahre alt und verdient überdurchschnittlich gut.
Zwar betont Opel-Vertriebschef Alfred Rieck, dass der Konzern "genug Potenzial in Europa" habe, das es auszuschöpfen gelte. Aber, fügt er hinzu: "Russland ist ein gezielter strategischer Schritt, um einen wachsenden Markt zu erobern." Tatsächlich boomt der Autoabsatz in Russland, ein Plus von 14 Prozent gibt es branchenweit, und Opel ist auf der Überholspur. "In den vergangenen zwei Jahren haben wir deutlich Gas gegeben und wachsen doppelt so schnell wie der Markt", sagt Rieck. Seit 2009 sei der Absatz um 250 Prozent gestiegen.
2009 sollte eigentlich eine Zeitenwende darstellen. Der austrokanadische Automobilzulieferer Magna und die russische Sberbank standen bereit, um Opel zu übernehmen. Der einst als Wolga-Produzent bekannte Konzern Gaz wollte die Produktion ankurbeln. Doch GM verweigerte den Verkauf in letzter Sekunde. "Das Hin und Her hat unserem Image in Russland mächtig geschadet", gesteht GM-Vize Tim Lee, verantwortlich für das internationale Geschäft, heute ein.
Opel hingegen hat der geplatzte Deal überraschende Sympathien in Russland eingebracht. In Moskau gilt Opel als deutsches Qualitätsprodukt. "Wir merken, dass die Marke in Russland unheimlich gefragt ist", sagt Rieck. Das freut die Marketingverantwortlichen genauso wie die Händler: Opel ist in Russland teurer als die Schwesterprodukte von Chevrolet.
Wurden 2011 noch 67.700 Fahrzeuge verkauft, will der Konzern dieses Jahr den Absatz auf über 80.000 steigern. Damit trägt Opel einen Gutteil zum Gesamtergebnis der GM-Gruppe bei, die dieses Jahr 300.000 Autos in Russland verkaufen will. Die Gewinne sollen den Rückgang in Südeuropa kompensieren. Alle Opel-Fahrzeuge, die in Russland verkauft werden, kämen der Bilanz von GM Europe und der Adam Opel AG zugute, versichert GM-Russland-Chef Jim Bovenzi - und widerspricht damit Meldungen, wonach sich der Mutterkonzern den Erfolg selbst anrechnet.
"GM weiß um den Wert der Marke Opel", glaubt Rieck. Und doch ist Russland für die Rüsselsheimer auch eine Bewährungsprobe. Nur wenn es gelingt, hier dauerhaft Kunden zu gewinnen, dürfte GM weiter Geduld mit der Tochter zeigen. Die Vorgaben sind hart. Sechs Prozent Marktanteil soll Opel mindestens erobern. Derzeit ist der Autobauer bei knapp der Hälfte.