Die Ära der großen Spritschlucker geht auch in den USA zu Ende. 100 Jahre lang spielte der Verbrauch für die Autoindustrie in Amerika praktisch keine Rolle, jetzt zwingt Barack Obama die Industrie mit einem neuen Gesetz zu sparsameren Motoren.
Wenige Wochen vor der Wahl verordnet der Präsident strenge Grenzwerte für den Verbrauch: Ab 2025 darf die gesamte verkaufte Pkw-Neuwagenflotte eines Konzerns im Durchschnitt nur noch höchstens 4,3 Liter auf 100 Kilometern verbrauchen. Erreicht ein Hersteller diese Vorgaben nicht, drohen empfindliche Strafen.
Die neuen Regeln markieren für die Vereinigten Staaten eine Zeitenwende: Innerhalb von gut zwölf Jahren müssen die Autokonzerne den Verbrauch der im US-Markt verkauften Pkw damit nahezu halbieren. Allerdings erlaubt Washington Ausnahmen für Pick-ups und schwere Geländelimousinen (SUVs), die deutlich mehr verbrauchen dürfen. Dies kommt fast ausschließlich den US-Herstellern General Motors , Ford und Chrysler zugute. Deutsche Hersteller wittern daher eine unfaire Marktverzerrung. Daimler und Volkswagen unterstützen das neue Gesetz als einzige Hersteller nicht.
Obama sagte, die Verbrauchsobergrenzen seien "die wichtigste Einzelmaßnahme" bei dem Vorhaben der US-Regierung, die Abhängigkeit von ausländischem Öl zu senken. Sollten die Hersteller die Vorgaben erreichen, könnten die USA offiziellen Berechnungen zufolge ihren Ölimport aus dem Ausland um ein Drittel reduzieren - und zudem den Ausstoß von Abgasen deutlich reduzieren. "Dieses Gesetz ist genau zugeschnitten auf die Interessen der US-Konzerne aus Detroit", hieß es dagegen bei den deutschen Herstellern. "Wirklich fair ist das nicht."
Tatsächlich dürfte es für Daimler, BMW, Audi und Porsche besonders schwierig werden, die Regeln einzuhalten. Denn die deutschen Konzerne verkaufen in den USA bislang überwiegend große, stark motorisierte Fahrzeuge der Oberklasse. Diese Autos verbrauchen zwar, gemessen an ihrem Gewicht und ihrer Leistung, vergleichsweise wenig - liegen aber im Durchschnitt über den neuen Grenzwerten.
Die deutschen Hersteller sehen sich nun gezwungen, im zweitgrößten Automarkt der Welt vermehrt kleinere Modelle anzubieten, um so den Durchschnittsverbrauch ihrer Flotten zu senken. Ob sie sich künftig auch mit ihren relativ teuren Kompaktwagen im harten Wettbewerb behaupten können, ist allerdings ungewiss.
Also bleibt ihnen - ebenso wie den Rivalen aus Amerika und Asien - keine Wahl: Sie müssen in großem Umfang in Leichtbau, kleinere Motoren und vor allem in alternative Antriebe investieren und deutlich mehr Hybrid-, Elektro- oder Erdgasfahrzeuge anbieten. Zwangsläufig steigen damit die Kosten der Autobauer - und die Anschaffungspreise für die Verbraucher.
Der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney lehnte den Vorstoß der Regierung umgehend als "zu teuer" ab. Gleichwohl rechnet die Industrie damit, dass auch Romney nach einem Wahlsieg an den neuen Werten festhalten dürfte. Denn auch in den USA waren die Spritpreise in den vergangenen Monaten stark gestiegen. Aktuell kostet eine Gallone Benzin dort rund 4 Dollar, das entspricht weniger als 1 Euro pro Liter.
Obama folgt mit seinen neuen Regeln für die Autoindustrie dem Vorbild aus Europa. Dort müssen die Hersteller bereits ab 2020 strengere Grenzwerte zum CO2-Ausstoß ihrer Fahrzeuge einhalten. Diese laufen im Ergebnis auf nahezu dieselbe Senkung des Verbrauchs hinaus.