Es gibt private Bedürfnisse, für die sich auch Spitzenmanager Zeit nehmen. Oft ist es das Laufen. So auch bei Karl-Thomas Neumann. Die Joggingschuhe immer im Gepäck, dreht er auch auf Dienstreisen vor oder nach der Arbeit gern ein paar Runden. Schließlich ist der künftige Opel-Chef leidenschaftlicher Marathonläufer. Bei den Klassikern in New York und Berlin war er schon dabei.
Verbissenheit, Kampfgeist und Vorwärtsdrang sind Eigenschaften, die Neumann gebrauchen kann, wenn er im Lauf des nächsten Jahres an die Spitze des Rüsselsheimer Autobauers wechselt. Kaum ein Job in der internationalen Autoindustrie ist derzeit so schwierig wie der des Chefs von Opel und der britischen Schwestermarke Vauxhall. Ihr Marktanteil sinkt, der Verlust geht in die Milliarden. Was den Nervfaktor erhöht: Jenseits des Atlantiks scharren die Manager der US-Muttergesellschaft General Motors ungeduldig mit den Füßen. Sie wollen Gewinne sehen - möglichst bald. Warum tut sich ein Spitzenmanager diesen Job an? Vielleicht, weil er mit 51 Jahren voller Tatendrang steckt? Oder aber, weil er nichts mehr zu verlieren hat.
In der Tat ist die Karriere des Elektroingenieurs Neumann in den vergangenen Jahren, sagen wir, glücklos verlaufen. Im Sommer schied er zum zweiten Mal in seinem Leben beim Volkwagenkonzern aus. Er ist bei VW zwar noch angestellt - hat dort aber faktisch nichts mehr zu tun. Zuletzt war er für den extrem wichtigen chinesischen Markt zuständig, reagierte aber offenbar nicht wie gewünscht, als es dort Probleme mit Direktschaltgetrieben gab. Beim großen Personalumbau strafte ihn Konzernchef Martin Winterkorn mit Missachtung. "Wir suchen für Herrn Dr. Neumann eine neue Aufgabe im Konzern", sagte er. Diese Suche endete offenbar erfolglos.
Dabei war dieser Job bei VW ein tolles Sprungbrett, um wieder ganz oben an die Spitze eines großen Konzerns zu kommen. Denn China ist der wichtigste Zukunftsmarkt der Autobranche, nirgendwo sonst sind die Wachstumsraten so hoch. Neumann war bei VW zunächst für Elektroantriebe verantwortlich. Eine Technologie, deren Zeit zwar noch nicht gekommen scheint, die aber irgendwann den Autobau revolutionieren kann. Neumann stellte die Weichen.
Wegbegleiter sagen, dass ihm bei VW womöglich die Hausmacht gefehlt hat, die richtige Seilschaft. Obwohl Neumann als mitreißend, teamfähig und unprätentiös gilt, mangele es ihm manchmal an Diplomatie, sagt man über ihn. Wie zum Beispiel vor drei Jahren als Vorstandschef von Continental . Damals brannte in Hannover die Hütte. Die Wirtschaftskrise wütete, außerdem war der Rivale Schaeffler gerade dabei, den viel größeren Konzern aus Hannover zu schlucken - und hatte sich dabei verschluckt. Neumann legte sich mit den neuen Eigentümern an, warf ihnen indirekt eine "unkontrollierte Entwicklung" vor. Die mochten das nicht. Im August 2009 musste Neumann gehen.
Dabei bringt Neumann gute Voraussetzungen für einen modernen Automanager mit. Schon in den 80er-Jahren schrieb er seine Doktorarbeit über Computerarchitekturen für Mikrocontrollerchips und deren Nutzen für das Auto. Mittlerweile bestimme die Elektronik mehr als jedes Metallteil das Leben eines Autos. Neumann kennt diesen Bereich. Als Entwicklungsingenieur stieg er zunächst beim Elektronikkonzern Motorola ein, wo er später das weltweite strategische Automobilmarketing verantwortete.
Kurz darauf erfolgte zum ersten Mal der Wechsel nach Wolfsburg. Bei Volkswagen wurde er Leiter der Konzernforschung, kümmerte sich um Elektrik und Elektronik. Später warb ihn Continental ab und machte ihn zum Vorsitzenden.
Bei Opel kann Neumann wieder in der Chef-Liga mitspielen. Auch wenn er Frustrationsresistenz, Ausdauer und einen langen Atem braucht. Aber das sind ja Eigenschaften eines Marathonläufers.