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Merken   Drucken   23.02.2012, 10:00 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Gefährliche Schätze

Riesige Reserven an Schiefergas können künftig unsere Energieversorgung sicherstellen. Doch die Erdgasrevolution ist mit hohen Umweltkosten verbunden. von Martin Wolf
Martin Wolf ist Kolumnist der Financial Times.
Die Welt steckt mitten in einer Erdgasrevolution. Selbst die ansonsten eher nüchterne Internationale Energieagentur (IEA) spricht von einem "goldenen Zeitalter des Erdgases". Erweist sich der Optimismus als begründet, wären die Auswirkungen nicht nur deutlich größer als die des schmerzhaften Zerfalls der Euro-Zone, auch die wirtschaftlichen Folgen wären positiv. Man darf nicht vergessen, dass unsere Zivilisation auf einem Angebot billiger Energie basiert. In den kommenden Jahrzehnten wird der wirtschaftliche Aufstieg der Schwellenländer den Energiebedarf voraussichtlich dramatisch anschwellen lassen. Und Gas ist dabei wichtig.
Die Revolution hat einen Namen: "Hydraulic Fracturing", allgemein auch als "Hydrofracking" oder einfach "Fracking" bekannt. Wie fast alle technischen Revolutionen des vergangenen Jahrhunderts hatte auch diese ihren Ursprung in den USA. Die amerikanische Energiebehörde EIA erklärt, dass die Kombination aus horizontalem Bohren in Verbindung mit Fracking die Möglichkeiten der Produzenten deutlich verbessert hat, Erdgas aus geologischen Formationen mit geringer Durchlässigkeit und speziell aus Schieferformationen zu fördern. Das Bohren nach Schiefergas habe eine Umwälzung auf dem Erdgasmarkt in den USA ausgelöst, so die EIA.
Förderung von Erdgas in In Fort Worth, Texas   Förderung von Erdgas in In Fort Worth, Texas
Förderten die USA im Jahr 2000 noch elf Milliarden Kubikmeter Schiefergas, waren es 2010 bereits 136 Milliarden Kubikmeter, was 23 Prozent der gesamten Trockengasproduktion in den USA entspricht. Das ist erst der Anfang. Nach Schätzungen der EIA belaufen sich die "technisch förderbaren" Schiefergasreserven der USA auf 24.350 Milliarden Kubikmeter gegenüber 7730 Milliarden Kubikmeter an aktuell "nachgewiesenen Reserven". Das würde bedeuten, dass beim derzeitigen Verbrauch allein das Schiefergas ausreichen würde, die USA für 40 Jahre mit Erdgas zu versorgen.
Wie groß sind die weltweiten Schiefergasreserven? Die EIA bat Berater, 48 Schiefergasvorkommen in 32 Ländern zu prüfen. Der Bericht beziffert die "technisch förderbaren" globalen Schiefergasreserven auf 190.000 Milliarden Kubikmeter, was in etwa den aktuell nachgewiesenen Reserven entspricht. Die größten bekannten Vorkommen außerhalb der USA liegen in China (rund 36.100 Milliarden Kubikmeter), Argentinien (21900 Milliarden), Mexiko (19280 Milliarden), Südafrika (13730 Milliarden), Kanada (10990 Milliarden), Libyen (8215 Milliarden), Algerien (6540 Milliarden), Brasilien (6400 Milliarden), Polen (5300 Milliarden) und Frankreich (5100 Milliarden). Nicht in dieser Analyse erfasst wurden Russland, Zentralasien, der Nahe Osten, Südostasien und Zentralafrika. Das globale Potenzial sollte also noch deutlich größer sein.
Wie wirkt sich diese Fülle an Erdgas auf die Energiezukunft der Welt aus? In ihrem World Energy Outlook 2011 schreibt die IEA, dass der Anteil von Erdgas am Weltenergiemix bis 2035 zunimmt. Wenn sie vom "goldenen Zeitalter" spricht, prognostiziert die IEA bis 2035 einen jährlichen Anstieg der Nachfrage um zwei Prozent. Selbst in einem zurückhaltenderen Szenario wächst die Nachfrage um 1,7 Prozent jährlich oder um insgesamt 55 Prozent bis 2035. Das hat zur Folge, dass Erdgas vor allem bei der Stromerzeugung und beim Heizen andere Brennstoffe ablöst. 2030 könnte Erdgas mit Kohle und Öl um den Status als Hauptenergiequelle konkurrieren, prognostiziert BP.
Was die Emission von Treibhausgasen und anderen Schadstoffen anbelangt, ist es erstrebenswert, dass Erdgas Kohle oder Öl ablöst. Die CO2-Emissionen bei Erdgas betragen etwas über 50 Prozent des Werts von Kohle und 70 Prozent von Öl, die Emissionen von Kohlenmonoxid machen ein Fünftel des Werts von Kohle aus, der Ausstoß von Schwefeldioxid und Partikeln kann vernachlässigt werden. Bei jedem vernünftigen Szenario für den Umgang mit Treibhausgasen wird Erdgas andere Brennstoffe ersetzen müssen, wiewohl die Entwicklung günstiger Methoden zur CO2-Abscheidung und -Speicherung die Position der Kohle stärken würde. Speziell für China, das wegen seiner Kohlenutzung mit viel Umweltverschmutzung zu kämpfen hat, wäre ein rascher Umstieg auf Erdgas wohl die vernünftigste Lösung.
Steht Schiefergas also für den heilsame Wandel, wie seine Befürworter behaupten? Womöglich nicht. Umstritten an neuen Techniken ist ihre Auswirkung auf die Umwelt. In einem Artikel im "Scientific American" vom November 2011 schreibt der Wissenschaftsredakteur Chris Mooney: "Horizontales Fracking bedarf enormer Mengen an Wasser und Chemikalien. Zudem werden riesige Becken oder Tanks benötigt, in denen die mit Chemikalien versetzte Frack-Flüssigkeit gelagert wird, die nach dem Fracturing aus dem Loch zurückgespült wird." Für einen einzigen Seitenschacht sind 7500 bis 15.000 Kubikmeter Wasser und 57 bis 227 Kubikmeter Chemikalien erforderlich. Da ist es nicht verwunderlich, dass Kritiker anführen, die neue Technik drohe das Grundwasser erheblich zu verschmutzen und stelle aus diesem Grund einen ökologischen Albtraum dar. Der Artikel deutet an, dass noch nicht bekannt ist, ob eine solche Verseuchung stattgefunden hat. Zu diesem Zeitpunkt sind die Risiken ungewiss, so der Artikel. Die Aktivitäten der neuen Branche müssen streng überwacht werden, überall.
Wie rasch diese Technik weltweit zum Einsatz kommt, hängt von mehreren Aspekten ab: erstens von den lokalen Opportunitätskosten für Wasser, zweitens von den Fähigkeiten und der Verlässlichkeit der Betreiber, drittens von den Aufsichtsbehörden, viertens von den Vorteilen zusätzlichen Gases im Vergleich zu denen alternativer Energien einschließlich Sicherheit, und fünftens hängt es davon ab, welche weiter gehenden Kenntnisse wir noch über die Auswirkungen dieser Technik gewinnen.
Schiefergas zeigt den Einfallsreichtum derer, die neue Energiequellen finden müssen. Auch deutet die Entwicklung beim Schiefergas auf die Chance, noch über Jahrzehnte hinweg billiges Erdgas vorrätig zu haben. Doch diese Revolution könnte sich als Pakt mit dem Teufel herausstellen. Mit Umsicht muss darüber entschieden werden, wie - und wie schnell - die Technik eingeführt werden soll: Die Kosten für die Umwelt könnten sich als zu hoch herausstellen.
  • Aus der FTD vom 23.02.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland,
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