Die Autoindustrie, Arbeitgeber für 750.000 Menschen in Deutschland, produziert derzeit viele Negativschlagzeilen. "Ich habe noch nie eine derartige Drosselung der Produktion erlebt", kommentierte kürzlich ein Sprecher des Zentralverbandes deutschen Kraftfahrzeuggewerbes. Namhafte Konzerne kündigten an, in diesem Jahr weniger Autos zu produzieren als ursprünglich geplant. Am Freitag stürzten die Aktien einiger Hersteller zweistellig ab.
Neben der schwächeren Konjunktur macht den deutschen Traditionsunternehmen auch die Klimadebatte zu schaffen. Kritiker werfen ihnen vor, den Öko-Trend verschlafen zu haben. Die Probleme sind also zum Teil hausgemacht. FTD.de gibt einen Überblick, wer spart, wer die Bänder anhält und wer Personal abbaut.
Die Presseabteilung des Wolfsburger Herstellers hat derzeit alle Hände voll zu tun. In dieser Woche musste sie gleich mehrmals in die Bresche springen, um Äußerungen ihrer Führungsriege im Sinne des Unternehmens zu interpretieren oder Presseberichte zu dementieren.
So sah sich die Konzernkommunikation am Donnerstag gezwungen, am Markt kursierende Gerüchte über eine bevorstehende Gewinnwarnung mit dem Prädikat "gegenstandslos" zu zerstreuen. VW-Chef Martin Winterkorn hatte gesagt, die Autobranche habe 2009 ein sehr schwieriges Jahr vor sich. Volkswagen-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch schlug in die selbe Kerbe: "Wir haben es schon länger mit einer schwachen Konjunktur zu tun. Die Finanzkrise wirkt da wie ein Turbo."
Einige Stunden später meldete die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", der Konzern wolle sich von einem Großteil seiner 25.000 Leiharbeiter trennen. Ein Konzernsprecher dementierte, ein Sprecher des Betriebsrats bezeichnete die Zahlenangabe als "völligen Quatsch". Er fügte hinzu: "Wir lassen uns nicht in eine Krise reden, die uns im Gegensatz zu anderen noch gar nicht erfasst hat." Wie viele Leiharbeiter Volkswagen als Folge von Produktionskürzungen entlassen wird, sei noch nicht entschieden.
Bis Jahresende sollten die Verträge von 750 Leiharbeitern in Deutschland auslaufen, teilte VW am Mittag mit. Insgesamt seien in den Werken des Unternehmens zurzeit 3700 Leiharbeiter beschäftigt.
Im Gegensatz zur Konkurrenz hat der Wolfsburger Konzern bisher keine nennenswerten Produktionskürzungen eingeleitet. Noch hält das Unternehmen an seinem Ziel fest, 2008 mehr Fahrzeuge zu verkaufen als im vergangenen Jahr. 2007 setzte VW 6,2 Millionen Autos ab.
"Wir sehen mit Sorge, dass sich die Lage für die gesamte Branche im September weltweit noch einmal deutlich verschlechtert hat", sagte Vertriebschef Detlef Wittig am Freitag bei der Vorlage der Neunmonatszahlen.
Von Januar bis September steigerte VW dank abermals starker Zuwächse in Schwellenländern wie Brasilien, Russland und China die Auslieferungen weltweit um 3,9 Prozent auf 4,8 Millionen Fahrzeuge. Dabei legte die Kernmarke VW allerdings nur um 3,1 Prozent zu. Im September betrug das Absatzplus im Konzern 0,7 Prozent auf 550.000 Einheiten.
Der französische Autokonzern kündigte am Freitag massive Produktionskürzungen an und senkte gleichzeitig die Prognosen. Der Konzernumsatz werde 2008 um 3,5 Prozent niedriger als 2007 ausfallen. "Wir werden im vierten Quartal die Produktion massiv zurückfahren, um für 2009 in einer guten Position zu starten", sagte Unternehmenschef Christian Streiff.
Die Peugeot-Aktie brach ein. Für das Gesamtjahr rechnet der Konzern mit einer operativen Marge von etwa 1,3 Prozent, bisher galten 3,5 Prozent als Zielmarke. Der westeuropäische Markt werde 2008 im Vergleich zum Vorjahr um etwa 8 Prozent schrumpfen, schätzen die Franzosen.
Die Nachfrage nach Nutzfahrzeugen in Europa sank im September den fünften Monat in Folge. Im Vergleich zum Vorjahresmonat betrage der Rückgang 8,8 Prozent, rechnete der Herstellerverband ACEA am Freitag in Brüssel vor. Besonders stark leidet Volvo unter dieser Situation.
Beim schwedischen Nutzfahrzeughersteller und MAN -Konkurrenten brach das Ergebnis im dritten Quartal noch stärker ein als befürchtet. Der Nettogewinn schrumpfte um 36 Prozent auf 2,0 Mrd. Kronen (200 Mio. Euro), teilte Volvo am Freitag in Göteborg mit. Der Umsatz stieg nur noch ein wenig - um zwei Prozent auf 69,6 Mrd. Kronen. Der internationale Abschwung habe sich nach Rekordwachstum und -gewinnen im ersten sowie zweiten Quartal durch die Finanzkrise deutlich beschleunigt, sagte Konzernchef Leif Johansson.
Wegen des unerwartet schnellen Nachfragerückgangs habe Volvo nicht in demselben Tempo Kosten senken können. Den derzeitigen Auftragseingang bezifferte Johansson auf "praktisch Null". Für Nordamerika rechnet der schwedische Konzern mit einen Absatzrückgang von rund zehn Prozent im laufenden Geschäftsjahr. Auch in Europa seien die Verkaufszahlen bereits deutlich zurückgegangen.
Der schwedische Nutzfahrzeughersteller steigerte seinen Gewinn im dritten Quartal zwar noch einmal leicht. Aber auch Scania sieht die Zukunft düster: Es gibt zu wenig Aufträge. Der Auftragsbestand lag mit 11.356 Bestellungen um 37,8 Prozent unter dem des Vorjahres, teilte das mehrheitlich zu Volkswagen gehörende Unternehmen am Freitag in Södertälje mit.
Konzernchef Leif Östling kündigte an, dass Scania von seiner "erhöhten Flexibilität" durch einen Anteil von 20 Prozent Beschäftigten mit Zeitarbeitsverträgen Gebrauch machen werde. Sprich: Auch hier müssen Zeitarbeiter gehen.
Der deutschen Tochter geht es deutlich besser als der Mutter General Motors , die Entlassungen plant. Der größte US-Autohersteller hatte bereits im Juli angekündigt, die Zahl der Angestellten in Nordamerika um 15 Prozent zu verringern. Nun müssen nach Reuters-Informationen weitere Mitarbeiter um ihre Jobs fürchten. Entlassungswellen hatte es bei GM in der vergangenen Jahren immer wieder gegeben.
Die Jobs der Opel-Mitarbeiter Europa und damit auch in Deutschland stünden nicht zur Disposition, heißt es dazu von Opel. Allerdings hatte das Unternehmen in den vergangenen Tagen bereits mehrmals angekündigt, seine Produktion zu drosseln. Betroffen sind in Deutschland die Fabriken in Kaiserslautern, Eisenach und Bochum.
Der französische Autohersteller will seine Fabriken in Frankreich wochenweise schließen. So sollten die hohen Lagerbestände abgebaut werden, schrieb die Zeitung "Le Figaro" am Freitag. Es sei das erste Mal, dass alle Renault-Werke von den Produktionskürzungen betroffen seien.
Auch Renault meldete in dieser Woche einen Umsatzrückgang. Die Erlöse sanken im dritten Quartal um 2,2 Prozent. Die Renault-Aktie fiel am Donnerstag auf den tiefsten Stand seit 1998.
Es ist nicht erst die Finanzkrise, die den Autobauern zu schaffen macht: Die Konjunkturflaute kündigte sich bereits Monate früher an. Dies wird auch am Beispiel BMW deutlich. Zeitweilige Produktionspausen gibt es in den Werken München, Dingolfing und Regensburg. Die Krise in den USA trifft das Unternehmen hart: Bereits im August kündigte der Münchner Konzern an, insgesamt 40.000 Fahrzeuge weniger für den US-Markt produzieren zu wollen als geplant.
15.000 bis 20.000 davon sollten stattdessen auf anderen Märkten wie Russland und China verkauft werden, sagte ein Sprecher auf Anfrage von FTD.de. "20.000 bis 25.000 Stück werden wir nicht produzieren." Schätzungen über Verkäufe mag BMW für dieses Jahr derzeit nicht abgeben. 2007 hatte das Unternehmen insgesamt 1,5 Millionen Pkw der Marken BMW, Mini und Rolls-Royce verkauft.
Das Unternehmen gab am Donnerstag eine Gewinnwarnung heraus. Bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr kürzte Daimler seine Prognose. Konzernchef Dieter Zetsche kündigte einen konsequenten Sparkurs an und will die Entwicklung neuer Produkte forcieren. Sollte sich die Lage nicht bessern, sei eine weitere Drosselung der Produktion nicht ausgeschlossen. Bislang soll der Ausstoß bis zum Jahresende um 45.000 Fahrzeuge gesenkt werden.
Der Betriebsrat hält betriebsbedingte Kündigungen zwar für undenkbar. Angebote zum freiwilligen Ausscheiden aus dem Unternehmen kann sich Gesamtbetriebsratschef Erich Klemm aber durchaus vorstellen. Genau wie beispielsweise Konkurrent BMW reagierte der Stuttgarter Konzern bereits im Sommer auf die Vorboten der Rezession und kündigte Produktionskürzungen an. "Diese betrifft alle Fabriken", sagte ein Sprecher. Einzelne Schichten fielen aus. Die Mitarbeiter würden stattdessen in Schulungen geschickt oder bekämen Gutschriften auf ihren Arbeitszeitkonten.
Die Produktion drosseln muss ebenfalls die deutscheTochter des US-Herstellers Ford . Bis Jahresende befristete Verträge von Leiharbeitern des Saarlouiser Werks werden gekündigt, teilte das Unternehmen bereits vor Wochen mit.
Der Turiner Konzern stellt sich angesichts der schwachen Konjunktur auf massive Einbußen im kommenden Jahr ein. Die Nachfrage nach Produkten des Unternehmens könnte 2009 um 10 bis 20 Prozent einbrechen, teilte der italienische Hersteller von Autos, Lastwagen und Landmaschinen am Donnerstag mit. Damit verbunden ist auch ein Gewinneinbruch. In diesem Jahr sieht sich Fiat allerdings noch auf Kurs.