Versicherungsaufsicht
Dass ein Ex-Versicherungsmanager künftig die deutsche Assekuranz beaufsichtigen soll, ist eine Kapitulation vor den immer komplexeren Kapital- und Bilanzregeln dieser Branche. Offensichtlich hat in den Reihen der Finanzbehörden niemand mehr genügend Durchblick, um diese wichtige Position zu besetzen. An dieser Situation sind sowohl die Versicherer mit ihrem Hang zu komplizierten Regelwerken schuld als auch die Politik, die diese Vorliebe bedient. Prominentestes Beispiel ist das Vorschriftenungetüm Solvency II, dessen Einführung nun noch einmal um ein Jahr verschoben wurde. Wenn schon die Aufsichtsbehörden nicht mehr durchblicken, ist es höchste Zeit für eine grundlegende Vereinfachung des Systems.
Zwar ist es international nicht ungewöhnlich, dass Manager auf staatliche Aufsichtsposten wechseln. So ist etwa Adair Turner, Chef der britischen Finanzaufsicht FSA, von Haus aus Banker. Und auch die oberste BaFin-Chefin Elke König war in ihrer Laufbahn Versicherungsmanagerin. Das heißt jedoch nicht, dass dies das optimale Konzept ist. Schließlich geht es bei der Versicherungsaufsicht um den Schutz der Kunden. Es ist absurd, dass die Expertise dafür aus den Unternehmen selbst akquiriert wird.
Doch offensichtlich bleibt dem Finanzministerium nichts anderes mehr übrig, denn die Aufseher sind überfordert. Die Bilanz- und Kapitalregeln der Versicherungsbranche treiben die Behörde jetzt schon dazu, komplizierte Prüfungen an externe Wirtschaftsprüfer abzugeben, statt sie selbst vorzunehmen.
Immerhin soll bei der Neubesetzung des Versicherungsaufsehers auf Skandalfreiheit und eine Karenzzeit geachtet werden - wenn der Kandidat einen hohen Posten innehatte. Doch das kann nur eine Notlösung sein. Vielmehr müssen auf Behördenseite mehr gute Leute herangezogen werden. Die Beamten brauchen eine bessere Ausbildung - und einen Grund, um zu bleiben.
Dafür müssen im Zweifel die Gehälter steigen: Die Privatwirtschaft zahlt jedenfalls deutlich mehr für kluge Köpfe. Auch wenn eine Behörde dabei nicht unbegrenzt mithalten kann, sollte die Förderung von Talenten gerade im Bereich der Finanzaufsicht dem Staat etwas wert sein. Sie später aus Unternehmen anzuheuern ist jedenfalls keine Alternative.