Mangelnden Ehrgeiz konnte man Ferdinand Piëch noch nie vorwerfen. Deutschlands umtriebigster Automanager hat aus der verschlafenen
Volkswagen AG einen Weltkonzern gemacht, der den globalen Marktführer
Toyota angreifen will. Zählt man Porsche mit, laufen mittlerweile zehn Marken unter dem VW-Dach. Vom Kleinwagen bis zur Luxuskarosse ist alles dabei. Besser als viele Wettbewerber sind die Wolfsburger daher gegen Schwankungen in einzelnen Marktsegmenten abgesichert.
Doch mittlerweile besteht die Gefahr, dass sich die Mehr-Marken-Strategie zur fixen Idee verselbstständigt. Dass die Vision sich zur Allmachtfantasie entwickelt. Dass das Mittel zum Selbstzweck wird.
Noch zwei weitere Marken würde er gern in den VW-Konzern holen, sagte Piëch auf der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt. Stutzig macht die Erklärung: "Weil ein Dutzend sich leichter merken lässt als zehn." Eine schlüssige ökonomische Begründung sieht anders aus. Genau eine solche dürfen die übrigen VW-Aktionäre aber erwarten, wenn mit ihrem Geld weitere Milliardenzukäufe gestemmt werden und sie für die Risiken bei der Integration weiterer Unternehmen geradestehen sollen.
Ohne Zweifel, Piëchs Strategie ist bisher aufgegangen. Volkswagen profitiert durch Größenvorteile von erheblichen Synergien bei Einkauf, Entwicklung und Vertrieb. Das Unternehmen steht so gut da, dass es nun die Krise nutzen kann, um schwächelnde Konkurrenten hinter sich zu lassen. Und anders als etwa
General Motors , das in seinen besseren Zeiten ebenfalls über ein beachtliches Portfolio verschiedener Marken verfügte, versteht Volkswagen die Kunst, diese Marken strategisch so zu führen, dass sie sich ergänzen, statt sich zu kannibalisieren.
Damit ist aber nicht gesagt, dass sich diese Erfolgssträhne beliebig verlängern lässt. Je größer der Konzern wird, je mehr Marken er unter seinem Dach managen muss, desto schwieriger wird es.
Besondere Vorsicht ist geboten, wenn Piëch, wie offenbar derzeit, Zukäufe außerhalb des Pkw-Kerngeschäfts anpeilt. Eine höhere Beteiligung an
MAN würde den Konzern zwar um eine starke Nutzfahrzeugsparte bereichern. Doch nennenswerte Synergien lassen sich dabei nicht heben. Außerdem ist das Lkw-Geschäft extrem zyklisch und würde den Gewinn in schlechten Jahren deutlich drücken. Ähnlich riskant sind Gedankenspiele, Volkswagen um eine Motorradmarke zu bereichern.
Beides legt den Verdacht nahe, dass es Piëch inzwischen vor allem um schiere Größe geht - oder um eine persönliche Sammlerleidenschaft.
Nur sollte diese Leidenschaft nicht auf Kosten der betriebswirtschaftlichen Vernunft ausgelebt werden. Blanke Größe schafft noch keinen Wert. Im Gegenteil: Wenn Größe sich mit Unübersichtlichkeit paart, sind Firmengiganten im Nachteil. An diesen Maßstäben sollte der Ehrgeiz des VW-Aufsichtsratsvorsitzenden gemessen werden.