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16.06.2008, 20:49
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AIG schwer unter Druck
Seit Jahren schleppt sich der Versicherungsriese AIG durch die Finanzkrise. Jetzt haben die Aktionäre durchgegriffen und Konzernchef Sullivan gefeuert. Doch auch der Nachfolger wird mit den Altlasten kämpfen müssen.
von Herbert Fromme (Köln) und Sebastian Bräuer (New York)
Nummer 70 Pine Street ist nicht irgendeine Adresse. Hier residiert die
American International Group (AIG) , der Versicherer mit dem weltgrößten Börsenwert. Das Art-déco-Hochhaus in einer Seitenstraße der Wall Street ist so sehr Wahrzeichen New Yorks, dass es eine Hauptrolle spielt in Filmen wie "Spiderman", "Armageddon" oder "Independence Day". Hinter der imposanten Fassade des Prachtbaus ist der Glanz jedoch verblasst. Wer sich auf die Feuertreppe verirrt, sieht, dass dringend renoviert werden muss und dafür mehr als ein paar Eimer Farbe nötig sind. Ein Sinnbild für den Zustand des gesamten Unternehmens.
Der Lack ist ab. Nach gerade mal drei Jahren im Amt ist Konzernchef
Martin Sullivan am Sonntag zurückgetreten, sein Büro im 18. Stock hat er bereits geräumt. Der Verwaltungsrat hat ihn dazu gezwungen. Ein Nachfolger ist noch nicht in Sicht. Der 62-jährige Chairman Robert Willumstad wird den Konzern mit seinen 116.000 Mitarbeitern zunächst leiten.
Von Versicherungen versteht der langjährige Citigroup-Banker nicht viel. Aber AIG wäre auch von einem Fachmann kaum mehr zu führen. Zu schwerwiegend der Schock der Kreditkrise, zu verschachtelt und langsam das Unternehmen. Die Krise ist katastrophal. AIGs Geschäftsmodell hat offenbar keine Zukunft mehr.
Schon die jüngsten Zahlen machen den Anlegern Angst. Mehr als 13 Mrd. $ Verlust hat Sullivan in den vergangenen zwei Quartalen gemeldet. Ursache waren riskante Wetten auf Hypothekendarlehen. Zwar hatte Sullivans Vorgänger Maurice Greenberg die Geschäfte eingefädelt und Sullivan sie 2005 beendet. Aber die Risiken sind weiter im Bestand. Die Kreditkrise brachte sie ans Licht und vertrieb die Anleger in Massen. Allein seit Anfang des Jahres hat AIG 41 Prozent seines Börsenwerts verloren. Zu viel für Sullivan - auch wenn die verbliebenen Anleger und Analysten dem Geschassten nicht die Geschäfte an sich vorwerfen.
Martin Sullivan ist als AIG-Chef zurückgetreten
Sie sind empört, weil Sullivan noch im Dezember von "überschaubaren" Belastungen gesprochen hat. Weil die Wahrheit über die Verluste erst Stück für Stück herauskam. Weil deshalb die Börsenaufsicht SEC den Konzern unter die Lupe nimmt. Und weil sich Sullivan im Mai ohne Vorwarnung 20 Mrd. $ am Kapitalmarkt besorgen musste, um das Unternehmen vor dem Absturz zu bewahren.
Diese Intransparenz war und ist die Hauptsorge der Anleger. "Das AIG-Management wurde überrascht von der Entwicklung der Papiere", sagt der Marktkenner David Schiff. "Sie wussten einfach nicht, was sie taten. Ihre Strategie war weitaus riskanter als beabsichtigt." Als in der vergangenen Woche auch noch Aktionäre eine Revolte anzettelten, war Sullivan nicht mehr zu halten. Die drei Großanleger Eli Broad, Shelby Davis und Bill Miller schrieben einen Brandbrief, in dem sie "umfassende und sofortige" Änderungen im AIG-Management forderten.
Der Aufsichtsrat nahm die Beschwerde ernst und setzte am Sonntag eine Krisensitzung an. Bei diesem dreistündigen Treffen wurden Fakten geschaffen: Noch am späten Abend gab der Aufsichtsrat das Ende der Amtszeit von Sullivan bekannt. Der war zu dem Treffen erst gar nicht erschienen. Willumstad hatte ihn zuvor informiert, worum es gehen sollte: das Ende seiner Karriere als CEO.
Teil 2: Die Branche in Aufruhr
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Aus der FTD vom 17.06.2008
© 2008 Financial Times Deutschland,
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