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Merken   Drucken   19.09.2012, 20:30 Schriftgröße: AAA

Berufshaftpflicht: Ärzte im Versicherungsnotstand  

Gynäkologen und Humangenetiker finden kaum noch Schutz bei Versicherungen - und wenn, dann nur zu einem hohen Preis.
© Bild: 2012 FTD.de/hgm-press
Premium Gynäkologen und Humangenetiker finden kaum noch Schutz bei Versicherungen - und wenn, dann nur zu einem hohen Preis.
von Hamburg

Krankenhäuser und Ärzte in bestimmten Fachrichtungen wie Gynäkologie, Humangenetik und Chirurgie haben es immer schwerer, eine bezahlbare Berufshaftpflichtversicherung zu finden. Das beklagt der Verband Deutscher Versicherungsmakler (VDVM) in Hamburg. "Die Zahl der Versicherer, die auch schwere Risiken und Fachrichtungen zeichnen, ist spätestens seit 2012 äußerst begrenzt", sagte VDVM-Vorstandsmitglied Sven Erichsen, Geschäftsführer bei Aon, dem größten deutschen Versicherungsmakler.

So seien große Gesellschaften vollständig aus der Deckung von Krankenhäusern ausgestiegen. Die wenigen, die noch Risiken zeichneten, seien äußerst wählerisch. Hintergrund ist meistens die erhebliche Verteuerung von schweren Personenschäden, die wegen ärztlicher Fehler während der Schwangerschaft oder bei der Geburt entstehen. Das hatte auch schon bei den Hebammen zu einer Vervielfachung der Versicherungsprämien und zu entsprechenden Protesten geführt.

Maklerin und VDVM-Vorstandsmitglied Adelheid Marscheider aus Oberfranken spürte den neuen Ton der Assekuranz bei einem ihrer Kunden. In dem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) arbeiten 33 Ärzte, unter ihnen Gynäkologen und Humangenetiker. "Die R+V Versicherung kündigte die Police aus einem Rahmenvertrag sehr kurzfristig zum 1. Juli 2012", sagte Marscheider. Der Vertrag bestand mit dem Berufsverband der Frauenärzte. Die R+V bestätigte die Kündigung. "Die Versicherungsnehmer wollten das Risiko der Präimplantationsdiagnostik nicht aus ihrem Tätigkeitsschwerpunkt ausschließen", erklärte ein Sprecher. Daraus ergäben sich unkalkulierbare Risiken.

Da die Ärzte ihren Tätigkeitsschwerpunkt nicht wie gefordert ändern wollten, mussten sie einen neuen Versicherer suchen. Für die R+V-Police hatte das MVZ 20.000 Euro Prämie pro Jahr bezahlt. "Wir haben danach erfolglos versucht, bei einem deutschen Versicherer das Risiko neu zu decken", sagte Marscheider. Auch Marktführer Allianz habe das MVZ abgelehnt. "Die Allianz hat mitgeteilt, sie versichert das Risiko nicht, würde sie es versichern, betrüge die Prämie mindestens 140.000 Euro", sagte Marscheider. Schließlich fand die Maklerin die österreichische Donau Versicherung, die zur Vienna Insurance Group gehört. Die neue Jahresprämie: 72.000 Euro. "Manche Praxen stehen vor der Schließung, wenn sie keinen Versicherungsschutz finden", sagte sie.

"Es ist für alle Seiten sehr unbefriedigend, wenn Versicherer sich einfach zurückziehen, statt die Preise angemessen zu erhöhen", sagte der VDVM-Vorsitzende Peter Wesselhoeft vom Makler Gossler Gobert & Wolters. Kritik hatte der VDVM nicht nur an der Risikopolitik der Versicherer, sondern auch an ihrem Verhalten bei Schäden. Wesselhoeft beklagte Probleme mit Callcentern, ungeschulten Mitarbeitern und schlechter Erreichbarkeit. Erichsen formulierte es noch drastischer. "Die Regulierung erfolgt bisweilen unter dem Motto: Der Schaden ist nicht versichert, ein Grund wird sich schon finden", sagte er.

  • Aus der FTD vom 20.09.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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