Der Münchener Forderungsaufkäufer CR Collective hat bei der Finanzaufsicht BaFin eine Anzeige wegen des Verdachts der Marktmanipulation gegen den Versicherungskonzern Talanx gestellt. Risiken aus der Versicherung von Filmfonds-Initiatoren durch die Tochter HDI-Gerling Industrie seien nicht ausreichend im Anlegerprospekt für den Talanx-Börsengang berücksichtigt.
Die BaFin bestätigte den Eingang der Meldung. "Wir schauen uns das natürlich an", sagte eine Sprecherin. Allerdings gebe es bislang keine an einer Börse gehandelte Talanx-Aktie, nur dann greife der Vorwurf der Marktmanipulation.
CR Collective hat Forderungen von 2000 Anlegern in Cinerenta Medienfonds gegen den Versicherungskonzern aufgekauft. Die Gesamtsumme beläuft sich auf 150 Mio. Euro. Geführt wird das Unternehmen von Florian Lechner, gleichzeitig Chef der Cine Picture Managements, die den Fonds Cinerenta abwickelt. Mit seiner Anzeige bei der BaFin will Lechner offenbar Druck bei der Durchsetzung der Forderungen machen.
"Es ist für mich nicht nachvollziehbar, warum die HDI-Gerling bekannten Schadensersatzansprüche in Millionenhöhe im Emissionsprospekt der Talanx für den Börsengang 2012 nahezu unerwähnt bleiben", sagte Lechner der FTD. "Die Hinweise auf den Seiten 92 und 93 sowie 301 des Emissionsprospektes sind so allgemein gehalten, dass sie den sich aus dieser Angelegenheit ergebenden finanziellen Risiken der Talanx nicht ansatzweise gerecht werden." Es gehe schließlich um Schadenersatzansprüche, die bis 10 Prozent des Unternehmenswertes der Talanx ausmachen könnten.
HDI-Gerling Industrie hatte die Versicherungsdeckung des Filmfondsinitiators Contor Treuhand aus der Vermögensschadenhaftpflicht im Juli 2010 zurückgezogen - nachdem der Versicherer in einigen Verfahren vorher Verteidigungskosten gezahlt und außergerichtliche Vergleiche mit Anlegern geschlossen hatte.
"Der Versicherungsnehmer hat wissentliche Pflichtverletzungen begangen", sagte Christian Hinsch der FTD. Er ist Chef von HDI-Gerling Industrie und stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Talanx. Bislang habe es rund ein Dutzend Verfahren gegeben, in denen Anleger HDI-Gerling Industrie auf Deckung verklagt hätten. "Alle gingen zu unseren Gunsten aus."
Die Summen, die Lechner nenne, hätten mit dem tatsächlichen Risiko nichts zu tun. "Wir sind Industrieversicherer, da gehören Großschäden zu unserem Geschäftsmodell", sagte Hinsch. "Solche Schäden sind natürlich rückversichert. Die mögliche Nettobelastung für uns ist deutlich geringer." Summen wollte er nicht nennen, die Rückstellungen seien ausreichend. Der Anlegerprospekt für den Börsengang sei völlig in Ordnung, so Hinsch.
CR Collective-Chef Lechner glaubt dennoch, dass Käufer der Talanx-Aktie getäuscht würden. "Die Frage ist, ob ein Anleger sein Geld in Talanx-Aktien stecken würde, wenn er wüsste, dass eine Klageflut auf Talanx zurollt." Bislang habe sein Unternehmen nicht geklagt, werde das aber bald tun. "Wir bereiten das sehr sorgfältig vor."
Der Streit ist eine Überbleibsel des Filmfonds-Booms der 90er-Jahre. Damals investierten Zehntausende jährlich rund 2 Mrd. Euro in angeblich steuersparenden Filmfonds.
Ende der 90er-Jahre änderten die Finanzämter ihre Sichtweise bei den Filmfonds, auch rückwirkend. Die Folge: Anleger mussten hohe Summen an Steuern plus Zinsen nachzahlen.
Für den Cinerenta-Filmfonds hatten die cleveren Initiatoren 9000 Anleger geworben, die insgesamt 450 Mio. Euro einzahlten. Treuhänder des Fonds war die Contor Treuhand Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Ihr Geschäftsführer war der bekannte Jurist Alexander Hemmelrath. Versichert war die Gesellschaft bei HDI-Gerling und der Versicherungsstelle Wiesbaden, die sich auf Wirtschaftsprüfer spezialisiert hat.
Teil 2: Streit um mögliche Pflichtverletzungen