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Merken   Drucken   26.04.2012, 11:46 Schriftgröße: AAA

Finanzmarktreform: Nicht alle über einen Kamm scheren

Kommentar Bei der umfangreichen Regulierung der Finanzmärkte wird oft die Verschiedenheit der Akteure ignoriert. Das führt zu Fehlinvestitionen bei Banken und Versicherern.
von Walter Kielholz

Walter Kielholz ist Verwaltungsratspräsident der Swiss Re

Die Finanzkrise hat unter anderem auch dazu geführt, dass zahlreiche neue Regulierungsvorschriften eingeführt und geplante Änderungen noch verschärft wurden. Wie umfangreich all diese Vorhaben sind, veranschaulichen zwei Beispiele: Allein die Europäische Union hat knapp 30 größere Regulierungsvorhaben in Arbeit, die in den nächsten zwölf Monaten zum Abschluss kommen sollen. Der Dodd-Frank Act, das Gesetz des US-Kongresses zu diesem Thema, ist mehrere Tausend Seiten lang.

Die Gesetze haben eines gemeinsam: Sie sind sehr ambitioniert und spannen einen weiten Bogen. Banken, Versicherungen, Anlagefonds, Pensionskassen, Ratingagenturen, Venture Capital und Private Equity, Derivativprodukte und Hypotheken sollen verstärkt beziehungsweise neu reguliert werden. Die Regulierungen betreffen direkt oder indirekt alle Akteure der Wirtschaft und damit jeden von uns.

Die Intention ist richtig. Hinter diesen Vorhaben stecken beste Vorsätze. Ob sich die Regulierenden dabei aber nicht übernehmen? Die Frage muss zumindest gestellt werden.

Die Regelwerke sollen und dürfen nicht zu massiven Wettbewerbsverzerrungen zwischen einzelnen Sektoren oder zwischen den wichtigsten Finanzzentren führen. Sie sollten vor allem keine negativen, unbeabsichtigten Auswirkungen haben. Außerdem sollen die Reformvorhaben weltweit möglichst zeitgleich umgesetzt werden. Das ist sehr ambitioniert.

Bereits zu Beginn des Reformprozesses wurde Kritik laut, dass in der Diskussion um systemrelevante Finanzinstitute der Impuls zwar von dem Financial Stability Board, dem Gremium der G20, kommen solle, die legislative und administrative Umsetzung aber national erfolgen müsse, um eine adäquate Umsetzung zu erzielen.

Walter Kielholz fordert mehr Fingerspitzengefühl bei der ...   Walter Kielholz fordert mehr Fingerspitzengefühl bei der Regulierung der Finanzmärkte

Die Kritiker werden immer lauter - und inzwischen auch ernst genommen. Es zeigt sich, dass gewisse Maßnahmen in einem Sektor der Finanzwirtschaft unbeabsichtigte Konsequenzen in einem anderen Sektor zur Folge haben können. So stellt sich beispielsweise die Frage, wer denn als Investor auftreten soll, wenn die Banken ihre Eigenkapitalquoten erhöhen und umfangreich Aktiva abstoßen müssen. Solche und ähnliche Implikationen stellen die ursprünglich guten Absichten infrage.

Das hat nicht nur Folgen für den Finanzsektor, sondern wirkt sich potenziell auf die gesamte Wirtschaft aus.

Um die Folgen dieser Vorhaben zu verstehen, ist es wichtig, sich die Aufgaben und die Architektur des Finanzsektors wieder einmal vor Augen zu führen. Der wichtigste Unterschied zwischen den verschiedenen Sektoren von Finanzintermediären ist der Anlagehorizont.

Den kürzesten Anlagehorizont hat die Bank. Sie erwirbt Aktiva wie Kredite, meist mit festen Laufzeiten. Eine Bank ist im Krisenfall jedoch dem Risiko der ungenügenden Liquidität ausgesetzt, dass also sämtliche Einleger ihr Geld schnell abheben wollen, die Kredite aber nicht fällig sind.

Ganz anders sieht dies für Lebensversicherer aus. Sie unterstützen Personen in der Regel beim langfristigen Sparen inklusive Versicherungsschutz. Dazu schließen sie mit ihren Kunden langfristige Verträge ab, die nicht oder nur zu sehr unvorteilhaften Konditionen vorzeitig gekündigt werden können. Der Versicherer garantiert den Policenwert, hat aber kein oder zumindest kaum ein Risiko des sofortigen, vorzeitigen Abflusses der Kundengelder.

Einen noch längeren Anlagehorizont hat die Pensionskasse. Sie hilft ihren Mitgliedern, in der beruflichen Vorsorge kollektiv zu sparen, und zahlt die angesparten Mittel dann meist über einen langen Zeitraum als Rente aus.

Pensionskassen und Versicherungen könnten theoretisch antizyklisch investieren, da sie in guten Zeiten meist keine großen außerordentlichen Zuflüsse haben, die sie in den Märkten zu immer höheren Preisen investieren müssen. In Krisen haben sie keine abrupten Abflüsse und können so Gelegenheiten wahrnehmen, wofür anderen, wie zum Beispiel Anlagefonds, schlicht genau zu diesem Zeitpunkt die Liquidität fehlt.

Eine moderne Volkswirtschaft ist darauf angewiesen, dass alle drei Finanzintermediäre ihre jeweilige Rolle optimal wahrnehmen können. Die Regulatoren müssen anerkennen, dass die Risiken der einzelnen Finanzintermediäre unterschiedlicher nicht sein könnten.

Die Beratungsfirma Oliver Wyman hat hierzu interessante Zahlen zusammengestellt: Vor allem auch wegen der regulatorischen Vorschriften legen Versicherer und Pensionskassen ihr Kapital fünf bis 15 Jahre zu kurz an, gemessen an ihren Verpflichtungen. Die Banken wiederum investieren zu langfristig. Oliver Wyman schätzt, fünf Jahre zu lang. Diese nicht fristenkongruente Mittelallokation führt dazu, dass den Unternehmen in der Realwirtschaft vielfach das langfristige Kapital fehlt, die Banken ein erhöhtes Liquiditätsrisiko eingehen und die Versicherungsnehmer und Pensionäre einen zu geringen Ertrag erwirtschaften können.

Als Rückversicherer habe ich derzeit große Bedenken, dass Regeln aus dem Bankensektor undifferenziert auf den Versicherungssektor übertragen werden, dies gilt vor allem für die Debatte um systemische Risiken. Diese Regeln versuchen mitunter, Probleme zu lösen, die es in der Versicherung so gar nicht gibt.

Die regulatorische Debatte bereitet Sorge, denn sie könnte verhindern, dass die verschiedenen Akteure an den Finanzmärkten die ihnen zugedachten Aufgaben wahrnehmen können. Meines Erachtens fehlt eine klare, langfristige Vision, wie der ideale Finanzsektor der Zukunft aussehen soll. Zweifel an der Realisierbarkeit des bisherigen regulatorischen Umbaus sind sicherlich angebracht.

  • Aus der FTD vom 26.04.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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