FTD.de » Unternehmen » Versicherungen » Gleitflug in niedriger Höhe

Merken   Drucken   08.09.2010, 10:56 Schriftgröße: AAA

Firmenverbundene Vermittler: Gleitflug in niedriger Höhe

In Deutschland sind die Preise für Industrieversicherungen niedrig. Obendrein halten Unternehmen viele Risiken selbst, um die Kosten für die Policen zu sparen. Genau das sorgt so manchen Fachmann. von Herbert Fromme 
Große Teile der deutschen Industrie haben sich aus der Krise gerobbt, die Nachfrage nach Versicherung steigt leicht - aber die Preise für die Deckungen bleiben im Keller. "Offensichtlich gibt es nach wie vor viel Kapital im Markt", sagt Stefan Sigulla. Er ist Versicherungschef bei Siemens  und Vorsitzender des Deutschen Versicherungs-Schutzverbands (DVS), der Lobby der Industrie in Assekuranzfragen. "Die Preise haben deshalb nicht angezogen in der Form, die erwartet worden war."
Versicherungseinkäufer machen durchweg diese Erfahrung. "Es geht nicht nach oben bei den Preisen", sagt Hans-Otto Geiger, Versicherungschef beim Pumpenhersteller KSB  in Frankenthal. "Allerdings sind auch keine großen Prämienreduzierungen zu erlangen. Wir sind schon ziemlich unten." Geiger hat einen guten Überblick: Er ist Vorsitzender des Bundesverbands firmenverbundener Versicherungsvermittler und -gesellschaften (BfV), in dem Konzerne mit eigenen Maklern sich zusammengeschlossen haben.
Die Stimmung dürfte deshalb nicht schlecht sein bei den Hunderten von Versicherungseinkäufern und Risikomanagern, die sich in dieser Woche auf der jährlichen Fachtagung von DVS und BfV in München treffen. Christian Hinsch, stellvertretender Vorstandsvorsitzender bei Talanx  und Chef der Industrieversicherung des Konzerns, widerspricht der Beobachtung der Einkäufer nicht. "Wir haben einen weichen Markt", sagt er. Als weich bezeichnet die Branche eine Marktphase mit niedrigen Preisen und aus Kundensicht günstigen Bedingungen, als hart gilt eine Situation steigender Prämien und Bedingungsverschärfungen. Doch seien Anbieter durchaus in der Lage, Preise anzuheben, vor allem wenn Schadenserfahrung das nahe legt.
Gründe für diesen Stillstand auf niedrigem Preisniveau finden sich auf beiden Seiten des Marktes, bei Anbietern und Kunden. Die Marktführer in der Konzernversicherung verdienen ausgezeichnet. Das gilt sowohl für die Allianz Global Corporate & Specialty als auch für die Talanx-Tochter HDI-Gerling . Da sehen es gerade die Großen nicht ein, warum sie sich in einem zunehmend aggressiver werdenden Wettbewerb von kleineren Anbietern die Butter vom Brot nehmen lassen sollten.
Die Preise für die Versicherung von Industrieanlagen bleiben niedrig   Die Preise für die Versicherung von Industrieanlagen bleiben niedrig
Stattdessen verteidigen sie ihre Kundenbasis - und erhöhen trotz aller Rhetorik über dringend nötige Anpassungen die Preise nicht. Sie wissen genau, dass es sehr viel teurer sein kann, die Kunden später zurückzugewinnen. Neben den etablierten Adressen Axa , Chartis (früher AIG ), Chubb  und Zurich  sind auch Newcomer unterwegs, die bislang im großen Konzerngeschäft keine bedeutende Rolle spielten. Ausländische Anbieter haben sich etabliert, gute Beispiele sind Mitsui Sumitomo aus Japan und Mapfre aus Spanien. Im Inland verfolgt die R+V einen intelligenten Expansionskurs bei Industriekunden, die öffentlich-rechtlichen Versicherer widmen diesem Geschäftsfeld neue Aufmerksamkeit. Und mittelgroße Versicherer suchen sich Nischen; so gehört die Gothaer zu den führenden Anbietern von Deckungen für Erzeuger alternativer Energie.
"Kapital gibt es genug", sagt Gregor Köhler von der Bayer -Tochter Pallas. "Solange die Zinsen so niedrig sind, macht es für viele Investoren Sinn, Millionen in Versicherungsgeschäfte zu pumpen." Das gelte besonders für Bermuda und die USA, wirke sich indirekt aber auch in Europa aus.
Doch auch die Kaufzurückhaltung spielt eine Rolle für die Preisschwäche. Kunden haben in der Finanzkrise die Ausgaben für Versicherungsschutz dramatisch gestutzt. Mit geringeren Deckungen und höheren Selbstbehalten senkten sie die Ausgaben für Versicherungen. So mancher Finanzchef sieht gar nicht ein, warum sich das jetzt ändern sollte. Klar, bei umsatzabhängigen Verträgen steigen die Prämien mit dem wieder anziehenden Geschäft. Das gilt für viele Haftpflicht- und Transportverträge. Aber in anderen Bereichen wird das Konzept Versicherung light beibehalten.
Nach Ansicht von DVS-Vorsteher Sigulla wird hier oft zu kurz gedacht. "Versicherung ist Teil der Unternehmensfinanzierung", argumentiert er. Durch eine Police transferiere ein Unternehmen seine Risiken auf die Bilanz des Versicherers. "Damit setzt es bei sich Risikokapital frei." Erhöht ein Unternehmen die Selbstbehalte, muss es dafür eigentlich Risikokapital hinterlegen, sagt Sigulla. "Wenn es einen Selbstbehalt von 100 Mio. Euro vereinbart, braucht es, je nach Schadenerwartung, bis zu 30 Mio. Euro Risikokapital." Schließlich wird eine abgebrannte Fabrik oder ein Produkthaftpflichtschaden dann aus eigenen Mitteln finanziert. "Und diese 30 Mio. Euro müssen intern verzinst werden", sagt Sigulla.

Teil 2: Das Beispiel BP - Grenzen von Selbstbehalt und Versicherung

  • Aus der FTD vom 08.09.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
FTD-Versicherungsmonitor
FTD-Versicherungsmonitor

Der FTD-Versicherungsmonitor hat alle wichtigen Namen und Nachrichten auf dem Radar und bündelt die wichtigsten Informationen aus verschiedenen Quellen. So erhalten Sie einen exzellenten Überblick über die Assekuranz, analytisch kommentiert von FTD-Versicherungskorrespondent Herbert Fromme.

Jetzt kostenlos abonnieren
Tweets von FTD.de Unternehmens-News

Weitere Tweets von FTD.de

  16.05. Wissenstest Sind Sie Flughafenkenner?

Die verschobene Eröffnung des Berliner Großflughafens BER schlägt Wellen. Die internationalen Flughäfen sind nicht nur dynamische Orte, sondern auch Großunternehmen. Kennen Sie sich gut mit Airports aus?

Zunächst eine Frage zum weltgrößten Flughafen. Derjenige mit dem größten Passagieraufkommen ist …

Wissenstest: Sind Sie Flughafenkenner?

Alle Tests

Tools für Unternehmer
 
Gründung Finanzierung Steuern Firmenwert Vorlagen
Verträge und Vorlagen Sie benötigen Dokumente und nützliche Arbeitshilfen für Ihren Geschäftsalltag? Wählen Sie aus fast 5.000 rechtssicheren und aktuellen Verträgen, Vorlagen, Checklisten, Rechentabellen oder Ratgebern. mehr

Newsletter:   Eilmeldungen Unternehmen

Autobauer unterschreibt milliardenschwere Übernahme? Mit uns wissen Sie es, bevor die Tinte trocken ist.

Beispiel   |   Datenschutz
  • Ackermann-Nachfolger: Anshu Jain - Wider die Deutschtümelei

    Eine Bilanz vor dem Amtsantritt? Verbietet sich. Eigentlich. Nicht so bei Anshu Jain. Denn Josef Ackermanns Nachfolger hat schon vor dem Start bei der Deutschen Bank viel verändert. mehr

  •  
  • blättern
  Bilderserie Deutsche Bank Ackermanns Meilensteine

Bilderserie

  31.05. Wirtschaft Spendierhosen bei VW sitzen enger
Wirtschaft: Spendierhosen bei VW sitzen enger (00:01:36)

Der Tarifabschluss für die Angestellten des Automobilkonzerns entspricht weitgehend dem Flächenvertrag in der Metall- und Elektrobranche. Laut IG-Metall ist er aber "einen Schnaps besser". mehr

FTD-Blogs
Weitere FTD-Blogs

alle FTD-Blogs

 



markets
  DAX 6264,38  [-16.42 -0,26%
  Dow Jones 12393,45  [-26.41 -0,21%
  Nasdaq Composite 2827,34  [-10.02 -0,35%
  Euro Stoxx 50 2118,94  [2.76 +0,13%
VERSICHERUNGEN

mehr Versicherungen

INDUSTRIE

mehr Industrie

FINANZDIENSTLEISTER

mehr Finanzdienstleister

HANDEL+DIENSTLEISTER

mehr Handel+Dienstleister

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote