Der Großangriff hat begonnen. Verbraucherschützer, EU-Kommission und deutsche Politiker aus allen Lagern schießen sich auf die Vertriebsmethoden der Versicherer ein. Ihr Angriffsziel ist die Provision, die Summe, die bei Abschluss eines Vertrags zum größten Teil an den Vermittler fließt. Sie ist der Hauptanreiz für die Vertriebler - die eigenen Vertreter der Branche, für Mitarbeiter von Banken, Großvertriebe und für Versicherungsmakler. Und den Kritikern der Versicherungsbranche ist sie ein Dorn im Auge. Die Provisionsberatung führe zu Fehlsteuerungen, argumentieren sie. Bestimmte Finanzangebote seien für die Vertriebsleute lukrativer als andere, der Vermittler berate eher im eigenen Interesse als dem des Kunden.
Die Versicherungswirtschaft reagiert darauf mit ihrem üblichen Reflex. Sie bestreitet, dass es überhaupt ein Problem gibt. Und sie weigert sich, über Alternativen nachzudenken. Aber der Versuch, die Kritik abperlen zu lassen und die Debatte auszusitzen, wird nicht funktionieren. Denn hinter der Diskussion steckt ein sehr reales Problem, das sogar einigen Versicherungsunternehmen zum Verhängnis werden könnte, wenn sie nicht bald handeln.
Milliardenschwere Fehler
Eine von Verbraucherministerin Ilse Aigner in Auftrag gegebene Studie geht davon aus, dass die deutschen Verbraucher für ihren Versicherungsschutz 20 Mrd. Euro pro Jahr zu viel ausgeben, weil sie falsche Policen bei schlechten Versicherern haben. Belege für die Höhe liefert die Studie kaum. Aber sie demonstriert, warum das Thema für Politiker wichtig geworden ist.
Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat die Debatte weiter angeheizt. Dabei unterscheiden Politiker kaum zwischen Bankern, die älteren Anlegern Lehman-Zertifikate als besonders sicher verkauft haben, und Versicherungsvertretern, die fondsgebundene Lebensversicherungen absetzten.
Das Zaubermittel der Versicherungskritiker heißt Honorarberatung. Der Berater wird vom Kunden mit einem Honorar bezahlt, die Prämie liegt um den Satz niedriger, den sonst die Provision gefressen hätte. Bisher ist die Honorarberatung kaum verbreitet. Aber in der EU-Kommission gibt es starke Kräfte, die sie unbedingt fördern wollen. Entsprechende Vorgaben wird Brüssel in der Überarbeitung der EU-Vermittlerrichtlinie für Versicherer machen. Einzelne EU-Mitglieder wie Finnland oder Dänemark haben die Provisionsberatung bereits in weiten Teilen verboten. Über Erfolg oder Misserfolg dieses Verbots wird noch gestritten.