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Merken   Drucken   19.11.2012, 11:49 Schriftgröße: AAA

Schäden durch Naturkatastrophen: Wenn der Staat mal wieder alles richten soll

Kommentar Naturkatastrophen wie der Hurrikan "Sandy" sind ohnehin existenzbedrohend. Doch die öffentliche Hand erhöht das Risiko noch durch falsches Versicherungsengagement.

Clement Booth ist Vorstandsmitglied der Allianz SE

Unerbittlich schlagen Naturkatastrophen Schneisen der Verwüstung in gewachsene Siedlungsstrukturen, fordern Tote und bringen Überlebende an den Rand ihrer Existenz. Die Zerstörungen entlang der US-Küste durch Hurrikan "Sandy" sind nur das jüngste Beispiel in einer langen Serie verheerender Ereignisse. Mehr als 100 Tote und erste Schätzungen der gesamtwirtschaftlichen Schäden von bis zu 50 Mrd. Dollar verdeutlichen: Das Schadenpotenzial von Naturkatastrophen ist in neue Dimensionen gewachsen.

Siedlungsmuster wie die entlang der US-Küste tragen erheblich dazu bei, dass Schäden solcher Naturereignisse ins Unermessliche steigen. Inzwischen leben mehr als die Hälfte aller US-Bürger innerhalb eines 50-Meilen-Küstenstreifens, in einer Zone erhöhter Gefahr. Bedenkenlos wird an den Küsten und Flüssen in einer Bauweise weitergebaut, die kaum Rücksicht auf die steigende Gefahr nimmt. Schutzvorkehrungen des Staates sind Mangelware. Die nachsorgende öffentliche Hilfe nach Wetterkatastrophen setzt zusätzlich falsche Signale. Sie könnte sich schneller als gedacht zum Albtraum auswachsen.

Damit das nicht geschieht, muss die privatwirtschaftliche Versicherbarkeit auch in solchen Gebieten erhöhter Gefahr erhalten bleiben. Dazu gehört der Einsatz von Katastrophenmodellen, die die Dynamik zukünftiger Schadenentwicklungen einfangen. Sie erst ermöglichen der Assekuranz, Tarife zu errechnen, die auch in Zukunft risikogerecht sind. Die Assekuranz muss das Risiko verstärkt an den Kapitalmarkt weiterreichen. Katastrophenanleihen ("Cat-Bonds") sind eines der wichtigsten Instrumente, um die finanziellen Risiken von Naturkatastrophen breiter zu streuen und damit insgesamt privatwirtschaftlich versicherbar zu halten.

Der Staat sollte sich deshalb nicht weiter zu Versicherungsengagements in Gefährdungszonen verleiten lassen. Die Verträge sind in aller Regel subventioniert, die Prämie entspricht also nicht dem Risiko. Meist fehlt auch eine Risikobeteiligung des Kunden, die ihn zur Vorsicht anhalten würde. Dadurch entstehen Fehlallokationen von großer volkswirtschaftlicher Relevanz. Künstlich niedrig gehaltene Versicherungstarife verleiten die Bürger, sich nicht risikoavers, sondern risikoaffin zu verhalten. Sie bauen beispielsweise bedenkenlos weiter in Gebieten, die von Naturkatastrophen bedroht sind. Schlussendlich verlassen sie sich auf den Staat; er wird schon für einen unterversicherten Schaden eintreten.

Öffentliche Hand und Assekuranz müssen zu neuen Kooperationsmodellen finden, besonders beim Rückversicherungsschutz. Er sollte vom Staat allerdings nur ab einer bestimmten Schadenhöhe angeboten werden und nur, wenn anders keine Streuung des Großschadenrisikos zu erzielen ist. Außerdem müssen private Rückversicherungen beteiligt sein und risikogerechte Prämien gezahlt werden. Unter solchen Voraussetzungen erhöhen staatliche Rückversicherungsprogramme die Versicherbarkeit von Naturkatastrophen, ohne direkt in das freie Marktgeschehen einzugreifen.

Wo Versicherbarkeit herrscht, entfällt die Notwendigkeit aufwendiger Hilfeleistungen nach Naturkatastrophen. Daran zu erinnern, lieferte "Sandy" einen weiteren, traurigen Anlass.

  • Aus der FTD vom 19.11.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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