Die Bewertungen beeindrucken. Bei Tripadvisor, Pflichtportal des modernen Reisenden, findet das "Hedonism II" jede Menge Freunde. Jeder zweite findet es dort gar "ausgezeichnet". Schnell wird klar, wohin die Reise geht. Für Familien ist das Etablissement auf Jamaika eher ungeeignet, für tolerante Paare dagegen ein Paradies. Ein User fasst es anschaulich zusammen: "Lustige Sex-Anlage...empfehlenswert für FUN-Leute ohne Hemmungen". Ein Blick in die "Bild"-Zeitung gibt ihm Recht. Unter dem Titel "Nackt-Polonaise beim Deutschen Herold" tanzen dort prächtig gelaunte, nach altrömischer Manier spärlich bekleidete Versicherungsvertreter durch die karibische Nacht. Mittendrin: eine Lady mit blanken, tätowierten, gepiercten Brüsten.
So etwas verträgt sich eher schlecht zum Image der Schweizer Finanzbranche. Und deshalb hat die Zurich -Gruppe jetzt ein Problem. Zu deren Reich gehört seit 2002 der Deutsche Herold. Zwar schob sich beschriebene Polonaise schon 1998 durch die Sex-Anlage, und die Vertreter kamen nicht vom Deutschen Herold direkt, sondern von einem Vertriebspartner. Aber den Stallgeruch von Ergo wollen die Schweizer vermeiden. Schließlich tummelten sich von 2009 bis 2011 auch Mitarbeiter des sündigen Wettbewerbers im "Hedonism". Möglicherweise hatte sich die Herold-Aktion herumgesprochen.
Ein Sprecher der Zurich-Gruppe Deutschland sagte, man nehme die Informationen der "Bild" sehr ernst und arbeite mit Nachdruck daran, den Sachverhalt lückenlos aufzuklären. Dies benötige aber Zeit. Schließlich liege das Ereignis schon 14 Jahre zurückliegt." Damals gehörte der Herold noch zur Deutschen Bank . Spannt man den Bogen also ganz, ganz weit, war Rolf Breuer oberster Verantwortlicher für das Treiben auf Jamaika.
Der Fall erinnert stark an den legendären Budapest-Ausflug von Ergo: Laut "Bild" sind die 30 erfolgreichsten Vertreter eines Dienstleisters mit dem recht weitläufigen Namen "Internationaler Finanz-Service" zu einer "Belohnungsreise" eingeladen worden. Die Zeitung berief sich am Montag auf mehrere Teilnehmer, die das besagte Foto mit pikanten Details garnierten. Einer erzählte der "Bild": "Wir flogen von Düsseldorf nach Jamaika, sieben Tage, alles inklusive. Schon als wir im Hotel ankamen, lagen die Gäste nackt am Strand, hatten miteinander Sex."
Was sich amüsant liest, kann für ein Unternehmen zum lang Dauerproblem werden. Diese Erfahrung macht Ergo, das sein Schmuddelimage derzeit mit einer großen Transparenz-Offensive wegzuspülen versucht - und das mehr als ein Jahr, nachdem die Sex-Reise nach Budapest öffentlich geworden war. Der Versicherer hat eine Internetseite freigeschaltet, auf der Vergehen und vermeintliche Vergehen seiner Mitarbeiter detailliert aufgeführt werden. Freunde halbseidener Geschichten werden dort vorzüglich bedient. Selbst Rechnungen sind einzusehen. Bleibt für die Zurich-Gruppe nur zu hoffen, dass sie auf einen derartigen Strip verzichten kann.
Wen die Vertreter auf das "Hedonism II" aufmerksam gemacht haben, der sei gewarnt: Die Zimmer sollen renovierungsbedürftig sein.