Gleichzeitig gefährden niedrige Zinsen die Wettbewerbsfähigkeit. Die strategische Neuausrichtung der Branche ist überfällig. Die deutschen Lebensversicherer hangeln sich deshalb von einem Schlussverkauf zum nächsten. Im Jahr 2004 verzeichneten sie Rekordabsätze, weil sie mit Hinweis auf den Wegfall der Steuerfreiheit für Erträge aus Kapitallebensversicherungen Millionen von Policen an den Mann und die Frau brachten. 2005 stand im Zeichen der Riester-Rente, die sich vom Ladenhüter zum Verkaufsschlager entwickelte. Der Grund: Ab 2006 gelten für Männer und Frauen dieselben Tarife, die Verträge werden deshalb für Männer teurer.
Für das laufende Jahr bereiten Marketingstrategen der Branche ein neues Schlussverkaufsargument vor. Für Verträge, die ab 2007 geschlossen werden, sinkt die Garantieverzinsung des Sparanteils der zu zahlenden Prämie von 2,75 Prozent auf 2,25 Prozent. Das könnte Ende 2006 zu einem Aufflackern des ansonsten äußerst flauen Kundeninteresses sorgen.
Ein Strauß Probleme
Eine Branche, die drei Schlussverkäufe hintereinander braucht, um Umsatz zu generieren, hat offenbar ein Problem. Die deutschen Lebensversicherer haben sogar einen ganzen Strauß davon. Der Markt werde 2005 durch eine kollektive Lernphase gehen, prognostizierte vor 14 Monaten Norbert Heinen, Chef der Gerling Leben.
Lehrgeld haben die Versicherer in der Tat gezahlt, das Neugeschäft 2005 ist auch im Vergleich zum Jahr 2003 massiv eingebrochen. Aber Lernerfolge lassen auf sich warten. Mitnahmeeffekte von geänderten gesetzlichen Vorgaben sind etwas anderes als eine strategische Neuausrichtung. Anstatt eine ehrliche Bestandsanalyse vorzunehmen, rede sich die Assekuranz die Lage schön, kritisieren Experten.
Kein Ersatz für den Gewinnbringer
Nichts weniger als das Geschäftsmodell der Branche steht zur Disposition. Das vergangene Jahr hat gezeigt, dass die Assekuranz für ihren ehemaligen Gewinngaranten Kapitallebensversicherung keinen Ersatz hat. Die bloße Modernisierung des alten Vertragskonstrukts durch Flexibilisierung, etwa durch mögliche variable Höhen der Beiträge, rettet das Produkt und damit die für die Vertriebe überlebenswichtigen Provisionen nicht.
Zugleich bedrohen die anhaltend niedrigen Zinsen die Branche. Sie muss ihren Kunden im Schnitt 3,5 Prozent auf die angesparten Guthaben gewähren und erhält kaum so viel, wenn sie das Geld in festverzinslichen Papieren neu anlegt. Dazu kommt: Der wichtigste Wettbewerbsvorteil der Lebensversicherer, bei Rentenpolicen lebenslange Zahlungen zu garantieren, ist eines der größten Probleme der Branche. Auch sie hat das Problem der schwer kalkulierbaren steigenden Lebenserwartung bisher nicht gelöst.
Imageverlust für die Branche
Zwar eröffnet das Abschmelzen der Sozialsysteme den Versicherern einen gigantischen Wachstumsmarkt. Der Staat fördert den Aufbau privater und betrieblicher Altersvorsorge wie noch nie. Aber er macht den Versicherern im Gegenzug striktere Vorgaben. Mit der anstehenden Umsetzung der EU-Vermittlerrichtlinie und der Novellierung des Versicherungsvertragsgesetzes wird die Politik den Verbraucherschutz stärken, das Bundesverfassungsgericht hat eindeutige Vorgaben gemacht. Die Branche versucht, die von den Richtern geforderten Nachzahlungen an Kunden mit dem Verweis auf Verjährung zu verhindern - das kostet Image.
Auf diese Gemengelage zwischen geforderter höherer Transparenz und Kundenfreundlichkeit, niedrigen Zinsen und steigendem Wettbewerbsdruck haben viele der mehr als 100 Lebensversicherer noch keine Antwort. Auch auf den wachsenden Kostendruck reagieren viele unzureichend. Vor allem kleine und mittlere Versicherer mit großen Außendienstorganisation werden Probleme bekommen.
Die Konsequenz könnte eine Konsolidierungswelle sein. Gewinner werden große Versicherer sein, die sich frühzeitig auf Wachstumsmärkte wie die betriebliche Altersversorgung spezialisiert haben und den Kunden ein angemessenes Preis-Leistungs-Verhältnis bieten.
Die Auf- und Absteiger 2006 bei den Lebensversicherern
Asstel Die höchsten Zinsen im Markt bietet der zur Gothaer gehörende Direktversicherer Asstel. Er profitiert wie andere Direktversicherer von niedrigen Kosten. Dazu kommen bei Asstel gute Vertriebsverbindungen mit Firmen.
Allianz Leben Größe zählt: Die Allianz Leben gewinnt - auch wenn der Umbau des Konzerns intern und im Vertrieb für Unruhe sorgt. Gerade im Großgeschäft mit der betrieblichen Altersversorgung punktet der Marktführer.
Gerling Leben Die Gerling Leben könnte zu den Gewinnern der Übernahme des Gerling-Konzerns durch Talanx gehören und ihre Position ausbauen. Im betrieblichen Geschäft sind die Kölner besser aufgestellt als die Käufer.
VVaG Unter Druck kommen kleine Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit, die vor allem Lebensversicherung betreiben und keinem Konzern angehören. Transparenz- und Eigenkapitalvorschriften machen große Probleme.