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Merken   Drucken   30.11.2012, 00:00 Schriftgröße: AAA

Versicherungskolumne: Aus einer Hand

Kommentar Nicht nur Industrieversicherer bieten Unternehmen aktive Unterstützung bei Risikominimierung und Schadenbegrenzung an, sondern auch externe Dienstleister. Doch Risikovorsorge und Police aus einer Hand zahlt sich aus - nicht nur für den Versicherer, sondern auch für die Kunden.

Axel Theis ist Chef der Allianz Global Corporate & Specialty

Die Ruhe vor dem Sturm war hektisch. Als Hurrikan Sandy auf die US-Ostküste zusteuerte, hatten Unternehmen und Haushalte nur wenig Zeit, ihre Anlagen und Gebäude wind- und wasserfest zu machen. Und auch im Nachhinein sind viele Unternehmen unsicher: Wie soll man am besten den Betrieb wieder starten, wenn Salzwasser in Maschinen eingedrungen ist oder diese durch Stromausfall abrupt gestoppt wurden? Ein klassischer Fall für die Risikoingenieure eines Versicherers, die amerikanischen Firmen vor und nach dem Sturm beratend zur Seiten stehen.

Unternehmen in Sachen Risikominimierung und Schadenbegrenzung aktiv zu unterstützen, zählt zu den Kernaufgaben eines Industrieversicherers. Dazu beschäftigen die führenden Anbieter mehrere Hundert Ingenieure aller Fachrichtungen und Branchenspezialisierungen. Solche Risk-Consulting-Dienste bieten auch unabhängige Firmen als sogenannte "unbundled services" an, also unabhängig von der Versicherungsleistung. Daher wird gelegentlich in Frage gestellt, ob sich für einen Versicherer die beachtlichen Kosten für eine internationale Expertenorganisation aus gut bezahlten Ingenieuren tatsächlich rechnen. Meine Antwort ist ein klares Ja.

Es liegt in der Natur der Sache, dass sich Aufwendungen für Schadenverhütung kaum messbar rechtfertigen lassen. Denn wer kann schon vorhersagen, ob ein Schaden tatsächlich aufgetreten wäre, wenn keine Vorkehrungen getroffen worden wären? Allenfalls sogenannte "near misses" gelten als Belege für erfolgreiche Risikoprüfung im Vorfeld: Ein Underwriter nimmt aufgrund eines negativen Votums des Risikoingenieurs von der Zeichnung eines Risikos Abstand - und später tritt tatsächlich ein Schaden ein, von dem man selbst verschont bleibt. Doch solche Fälle sind selten.

Letztlich geht es also im Risk Consulting vor allem darum, die Eintrittswahrscheinlichkeit und die Höhe eines potenziellen Schadens günstig zu beeinflussen. Unter diesem Blickwinkel sind Industrierisiken im eigenen Portfolio konsequent zu durchforsten. Dazu ist es allerdings notwendig, das Zusammenwirken von Risk Consulting, Underwriting und Schadenabteilungen intelligent zu vernetzen. Es geht hier nur vordergründig um Prozessabläufe, Tools und Systeme. Viel wichtiger ist es, eine Risikokultur zu schaffen, in der alle Beteiligten ihr Bestes geben, Schäden zu vermeiden oder, wo dies nicht möglich war, zumindest aus den schmerzlichen Schadenerfahrungen für die Zukunft klüger zu werden.

Soweit der eigene Nutzen eines Inhouse-Risk-Consulting. Auch für die Industriekunden zahlt es sich aus, Risikovorsorge und Versicherung aus einer Hand zu erhalten. Generell hat sich in den meisten Unternehmen durchgesetzt, dass die "zusätzlichen" Kosten für Schadenverhütung gut angelegt sind. Manch einer mag sich jedoch die Frage stellen, auf wessen Seite der Risikoexperte des Versicherers steht: Stellt er überzogene Forderungen, oder ist seine unabhängige technische Expertise die Grundlage einer echten Risikopartnerschaft?

Diese Frage ist berechtigt - und ich sehe sie weniger als Konflikt denn als Chance eines simplen Kosten-Nutzen-Vergleiches seitens des Kunden. Für "bundled"-Services sprechen einige Pluspunkte: Der Risk Consultant eines Versicherers ist nah am Risiko. Er hat - über verschiedene Unternehmen, ja sogar Branchen hinweg - die ganze Bandbreite von Minimalstandards bis Best Practices gesehen. Zweitens hat er Zugriff auf umfangreiche Schadenerfahrungen aus einem globalen Portfolio von Industrierisiken. Diese beiden Vorzüge wissen viele Industrieunternehmen durchaus zu schätzen. Nicht von ungefähr beauftragen viele von ihnen die Risk Consultants von Versicherern über das eigentliche Versicherungsinteresse hinaus.

Technische Kompetenz auf Augenhöhe der Kunden wird für Industrieversicherer weiter an Bedeutung gewinnen. Sie ist Basis ausgewogener Underwriting-Entscheidungen und sie hilft den Schadenabteilungen bei komplexen industriellen Großschäden, die eigene Position zu bestimmen. Nicht zuletzt ist technische Kompetenz auch der Nährboden für unsere eigene Innovationskraft, wenn es um neuartige Risiken geht: Ohne ingenieurwissenschaftliche Methoden lassen sich prototypische Technologien - wie beispielsweise in der Offshore-Windkraft - kaum bewerten und versichern, denn eine aktuarische Modellierung wird erst im Zeitverlauf möglich. Technische Kompetenz ist für Industrieversicherer ein wichtiger Differenzierungsfaktor in einem Markt, in dem viele Kapazität bieten, aber nicht jeder exzellente Expertise.

  • FTD.de, 30.11.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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