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Merken   Drucken   01.07.2011, 00:00 Schriftgröße: AAA

Versicherungskolumne: Das Risiko, länger zu leben

Kommentar Die Lebenserwartung steigt weitaus schneller als vorhergesagt. Dies kann zu einer erheblichen Lücke zwischen dem Vermögen und den künftigen Verbindlichkeiten von Vorsorgeeinrichtungen führen. Bei den privaten Versicherern scheint das Problem noch nicht angekommen zu sein. von Thomas Witting 
Thomas Witting leitet die deutsche Niederlassung der Swiss Re Europe
Über die Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre ist politisch heftig diskutiert worden. Ziel war es, den Anstieg des Rentenbeitrags zu dämpfen. Aber die gesetzliche Rentenversicherung hat damit auch die Folgen der stetig steigenden Lebenserwartung für die Altersversorgung schonungslos aufgezeigt. Diese ist in den industrialisierten Ländern in den vergangenen 100 Jahren dramatisch angestiegen. Das Tempo des Anstiegs hat sich keineswegs verlangsamt, Neugeborene gewinnen im Durchschnitt pro Jahr zwei Monate an Lebenserwartung hinzu.
Eine solche Entwicklung hat starke gesellschaftliche Auswirkungen: Die traditionellen - nach dem Umlagesystem funktionierenden - Rentenversicherungssysteme geraten unmittelbar an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit.
Für die betriebliche Altersversorgung und die privaten Rentenversicherer besteht die Herausforderung bei der Bewältigung des Langlebigkeitsrisikos nicht darin, dass die Menschen länger leben, sondern darin, dass die Lebenserwartung weitaus schneller steigt als vorhergesagt - mit einer Rate, welche die versicherungsmathematischen Hochrechnungen ständig überholt. Dies kann zu einer erheblichen Lücke zwischen dem Vermögen und den künftigen Verbindlichkeiten der Vorsorgeeinrichtungen führen.
Im Gegensatz zu Ländern wie der Schweiz, den Niederlanden oder Großbritannien ist in Deutschland immer noch der größte Teil der betrieblichen Altersvorsorge durch Rückstellungen in den Bilanzen der Unternehmen abgesichert. Die dort berücksichtigten Rententafeln enthalten praktisch keine Sicherheitspolster für die weiter steigende Lebenserwartung, die verwendeten Diskontierungssätze liegen deutlich über den derzeit am Kapitalmarkt erzielbaren Renditen. Hier tickt eine Zeitbombe, die möglichst bald entschärft werden muss.
Bei den privaten Versicherern scheint das Problem noch nicht ganz angekommen zu sein. Der Anteil der bereits in der Auszahlung befindlichen Rentenpolicen ist noch sehr klein und wird durch die zunehmende Anzahl der in der Ansparungsphase befindlichen Policen gut kompensiert. Wie aber wird die Situation in 15 bis 20 Jahren aussehen, wenn sich das Verhältnis dreht? Mit Einführung von Solvency II müssen Versicherer für dieses Risiko schon jetzt mehr Kapital unterlegen. Dennoch kann die private Versicherung helfen, die entstehenden Rentenlücken mit garantierten Leistungen für die komplette Lebensdauer zu schließen.
Rückversicherung wiederum kann Erstversicherer bei der Finanzierung des Langlebigkeitsrisikos unterstützen. Sie hilft, bestmögliche Diversifikation mit dem beim Erstversicherer ebenso anfallenden Todesfallrisiko zu gewährleisten oder ein Übermaß an Langlebigkeitsrisiken zu übernehmen beziehungsweise es an die Kapitalmärkte zu transferieren. Um zu nachhaltigen Lösungen für die Finanzierung der Vorsorgeinstrumente zu kommen, ist es entscheidend, dass alle Rententräger das Langlebigkeitsrisiko in ihren Büchern in Bezug auf realistische Lebensdauern, Abzinsungsfaktoren und Kapitalunterlegung konsistent und risikogerecht bewerten. Das jüngste EuGH-Urteil zu Unisex-Tarifen und die noch unterschiedliche Bewertung von Pensionsrisiken bei Unternehmen, Versicherern oder staatlichen Versorgungswerken stellen hierbei besondere Herausforderungen dar.
  • FTD.de, 01.07.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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