Axel Theis ist Chef der Allianz Global Corporate & Specialty
Kostenblock oder Kapitalschutz? Das ist die Gretchenfrage der Industrieversicherung. Die Grundsatzdiskussion wird durch eine neue Tendenz im Versicherungseinkauf wieder angefacht. Traditionell Aufgabe des operativen Risikomanagements, das meist im Finanz- oder Rechtsressort angesiedelt ist, haben einige Unternehmen die Beschaffung von Sach- oder Haftpflichtpolicen in den allgemeinen Einkauf eingegliedert. Dies ist mehr als eine rein organisatorische Veränderung. Es geht um einen grundsätzlichen Zielkonflikt zwischen Einkäufern und Risikomanagern.
Gut ist, was bestmöglich schützt. Der Risikomanager sieht sein Unternehmen durch die "Brille" der Gefahren: Welche Risiken gibt es, wie lassen sich diese minimieren, welche kann das Unternehmen selbst tragen, und für welche braucht es Versicherungsschutz? Wenn letzterer die richtige Antwort ist, dann zählen bei der Auswahl der Anbieter der Preis, aber mindestens gleichwertig auch weitere Entscheidungskriterien: Welche individuellen Deckungsvereinbarungen beinhaltet die Police? Gibt es ein weltweites Netzwerk, das die Einhaltung der lokalen Rechts- und Steuervorschriften im Vertragswerk sicherstellt? Und wie sehen Philosophie und Praxis der Schadenregulierung aus? Seine Versicherungspartner wählt der Risikomanager mit langfristigem Horizont aus: Wichtig ist, dass diese auch in zwanzig Jahren noch Forderungen aus Schadenfällen erfüllen können.
Gut ist, was günstig ist. Der Einkäufer erhält den Beschaffungsauftrag - in die vorangegangene Entscheidung der Risikominimierung war er allenfalls am Rande involviert. Er kauft Schutz für Industrierisiken ebenso wie seine Kollegen Bleistifte, Büromöbel und Softwarepakete ordern: Am Ende ist es vor allem die Frage des Preises. Für diesen wünscht sich der Einkäufer größtmögliche Vergleichbarkeit. Der beschaffungstypischen Anreizstruktur folgend, sieht er Versicherung als Budgetposten, den es fortlaufend um ein paar Prozentpunkte zu optimieren gilt. Lassen sich Kostenvorteile erzielen, tauscht er bereitwillig Anbieter aus - gerade als Beteiligte in Versicherungskonsortien finden sich immer Kapazitätsgeber, die mit Kampfpreisen antreten.
Die Wirklichkeit mag nicht ganz so schwarz-weiß sein. Doch Fakt ist: Die Logik eines Einkäufers greift zu kurz, wenn es um ein komplexes, individuelles Dienstleistungsprodukt wie eine Versicherungslösung für einen Konzern geht. Und, was noch schwerer wiegt: Eine solche Logik verkennt die grundsätzliche Bedeutung einer Versicherung. Sie ist weniger Kostenblock als vielmehr Kapitalersatz und Bilanzschutz. Verzichtet ein Unternehmen darauf, dann muss es selbst Risikovorsorge betreiben und Rücklagen bilden. Eine Versicherung entlastet demgegenüber das betriebliche Kapital und schafft dem Unternehmen dadurch Freiräume, geschäftspolitisch "sinnvolle" Risiken einzugehen und das verfügbare Kapital für Wachstum im Kerngeschäft einzusetzen.
Diesen Wert von Versicherungsschutz kann der Risikomanager besser im Unternehmen vertreten. Daher hoffen wir, dass diese Experten auch in Zukunft im Versicherungseinkauf ein wichtiges Wort mitreden werden. Damit ist beiden Seiten gedient. Wir haben Ansprechpartner, mit denen wir komplexe Deckungskonzepte diskutieren und die uns zielgerichtet Informationen aus dem Unternehmen bereitstellen können - die Transparenz der Risiken wird für die Versicherungsbranche weiter an Bedeutung gewinnen. Auch das Unternehmen profitiert: Ein Insider, der Stärken und Schwächen des eigenen Hauses analysiert hat, kann ein individuelles Deckungskonzept entwerfen, das heikle Bereiche absichert, aber großzügige Selbstbehalte dort vorsieht, wo die eigenen Standards und Vorkehrungen auf hohem Niveau sind. Damit kauft der Risikomanager also unterm Strich nicht teurer ein!
Wenn wir uns Risikomanager als Gegenüber wünschen, geht es nicht um den mitunter kritisierten "Kuschelkurs" in einer überschaubaren Gruppe von wenigen hundert Spezialisten für Industrierisiken in Deutschland. Denn die Risikomanager werden nur dann eine starke Rolle bei der Versicherungsplatzierung behalten, wenn sie weit über diese hinaus agieren und die Risikosituation eines Unternehmens ganzheitlich im Blick haben. Auf einer Augenhöhe mit Management und Finanzexperten und mit starkem Augenmerk auf Kosteneffizienz müssen sie die Rolle des Ratgebers für Risiken ausfüllen.