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Merken   Drucken   24.09.2010, 00:00 Schriftgröße: AAA

Versicherungskolumne: Die Industrieversicherung ist des Teufels

Kommentar Die Sparte dreht sich im Kreis: Mithilfe von neuen Konzepten versuchen die Versicherer, die Preise niedrig und die Bedingungen großzügig zu halten. Hohe Schäden machen den Gesellschaften dann einen Strich durch die Rechnung, die Branche gelobt Besserung. Doch von den guten Vorsätzen bleibt im nächsten Zyklus nicht viel übrig. von Gerhard Heidbrink 
Gerhard Heidbrink ist Vorstandsmitglied der HDI-Gerling Industrie Versicherung AG
Erinnern Sie sich noch an das Jahr 2001? Die Preise in der Industrieversicherung waren auf dem absoluten Tiefpunkt, Bedingungswerke der Sparten diskutierten nur noch die ewig Gestrigen. Multiline- und Multiyear-Produkte und ART erschienen als Heilsbringer, die angeblich soviel Kosten sparten, dass man sich jede Schadenquote erlauben konnte. Einige erfahrene Manager, die Ähnliches schon in einem früheren Zyklus erlebt hatten, versuchten, zehn fachliche Gebote niederzuschreiben, was, obwohl die Gebote keiner beachtete, den Versicherern eine Kartellstrafe in dreistelliger Millionenhöhe einbrachte. Und dann kamen zur ohnehin schlechten Schadenquote die Großschäden, die im Terroranschlag am 11. September gipfelten und sich im Einbruch der Kapitalmärkte fortsetzten. Die Industrieversicherungsmärkte kollabierten wegen fehlenden Eigenkapitals weltweit.
Auch in Deutschland sagten viele Versicherer: "Industriegeschäft ist des Teufels, damit hat man auch nie Geld verdient". Und sie stellten dieses Geschäftsegment ein. Die verbleibenden Marktteilnehmer schworen ewige fachliche Disziplin. "Es wird nie wieder einen weichen Markt geben", sagte ein Vorstandskollege des führenden Meinungsbildners auf mehreren Versicherungsforen, mit denen er auch in diesem Medium zitiert wurde.
Und heute: Was ist von den guten Vorsätzen geblieben? Die Prämien sind auf dem Niveau von 2001, ebenso die Bedingungswerke. Nur die kostenlose Mitversicherung der Vermögensschäden, ohne dass ein Sachschaden eingetreten ist (Stichwort Aschewolke), befindet sich noch in der Diskussion. Aber auch diese Bastion dürfte bald fallen, denn durch die wirtschaftliche Rezession im Jahr 2009 wurden die Industrieanlagen deutlich schlechter ausgelastet und damit blieben die durch Menschen verursachten Schäden deutlich hinter den Erwartungen zurück. Gleiches gilt 2009 auch für Schäden durch Naturkatastrophen. So haben die Versicherer 2009 mit viel Glück Geld verdient.
Und es gibt natürlich wieder wie in jeder Weichmarktphase etwas Neues: Diesmal sind Poolingkonzepte von Maklern neu im Angebot. Verträge werden nicht mehr einzeln ausgeschrieben, sondern der Makler poolt über einen Rahmenvertrag seinen gesamten Bestand oder den eines Segmentes. Die Arbeitsvereinfachung beim Makler belohnt der glückliche Versicherer, der dieses Poolingkonzept zeichnen darf, mit einer Courtage von 25 Prozent und mehr, für die Sparte D&O werden über 35 Prozent genannt. Der Versicherungsnehmer bekommt nicht den auf seine Bedürfnisse bezogenen besten Preis oder die adäquaten Bedingungen, sondern beste Konditionen für das gesamte gepoolte Geschäft. Statt maßgeschnittenen Anzügen gibt es Stangenware.
Auf der Strecke bleibt die Transparenz - ein Kriterium, das Industriekunden bei Kosten und Vergabebedingungen zu Recht fordern.
Ich bin mir sicher, dass die jetzige Marktphase wie im Jahre 2001 enden wird und fachliche Fehlentwicklungen korrigiert werden. Der Markt wird über den Zyklus erneut Geld verloren haben, einige weitere Marktteilnehmer werden ausscheiden und einige werden wieder rufen: "Das Industriegeschäft ist des Teufels".
  • FTD.de, 24.09.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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