Denis Kessler ist Vorstandsvorsitzender des Rückversicherers Scor
Eine der Schlussfolgerungen, die aus dem Rendezvous de Monte Carlo gezogen werden können, bei dem sich im September Versicherer und Rückversicherer aus der ganzen Welt getroffen haben, ist das neue auf die Aktiva der Unternehmen gerichtete Interesse, insbesondere, was die Vermögensrenditen betrifft. Im Allgemeinen sind Versicherer nicht oder nur recht wenig an Zentralbankpolitik interessiert.
Bisher hatten sich die Diskussionen in Monaco hauptsächlich um mit Versicherungsrisiken zusammenhängende Fragen gedreht: Terrorismus, Haftpflicht, Naturkatastrophen. Weiterhin standen die Entwicklungen in der Rückversicherung im Hinblick auf Tarife und angebotene Kapazitäten im Mittelpunkt. Die lange Zeit in den Diskussionen allgegenwärtige Frage nach dem Rückversicherungszyklus ist so gut wie verschwunden und Debatten über die Auswirkungen des aktuellen Finanzzyklus auf die Rentabilität und Solvabilität der Versicherungs- und Rückversicherungsgesellschaften gewichen.
Die Vermögensrenditen sind so niedrig wie noch nie. Tendenziell sinkende Renditen traten zwar bereits vor dem Beginn der aktuellen Finanzkrise auf, doch seitdem hat sich dieser Trend weltweit deutlich verstärkt. Einer kürzlich vom Beratungshaus Conning für die USA veröffentlichten Studie sind sehr interessante Zahlen zu entnehmen, anhand derer sich die Auswirkungen der veränderten finanziellen Umgebung auf die amerikanischen Lebens- und Sachversicherer hervorragend demonstrieren lassen.
Bei den Schaden- und Unfallversicherern sind die Vermögensrenditen um 200 Basispunkte von 5,7 Prozent im Jahr 1997 auf 3,7 Prozent Ende 2011 gesunken. Bei den Lebensversicherern beläuft sich der Rückgang auf 230 Basispunkte. Rund 5 Prozent betrug ihre Vermögensrendite Ende 2011. Die jeweilige Anlagenstruktur von Schadens- und Lebensversicherern unterscheidet sich selbstverständlich, da die Laufzeiten der Passiva im Lebensbereich viel länger sind als im Schadensbereich. In Europa fallen die gesunkenen Renditen ebenfalls happig aus: Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihen ist seit dem 1. Januar 2011 um 225 Basispunkte gefallen.
In erster Linie lassen sich die gesunkenen Renditen auf die seit September 2008 von den Zentralbanken verfolgte Geldpolitik zurückführen. Die Interventionen der Notenbanken hatten zum Ziel, die Zinskurve abzusenken, um Staaten und Banken die Refinanzierung zu erleichtern. Die gelockerte Geldpolitik führte zu außergewöhnlich niedrigen Zinssätzen für Staatsanleihen, mit Ausnahme selbstverständlich bei den Ländern der Eurozone, die sich im akuten Krisenzustand befinden. Die Zentralbankbilanzsummen haben sich innerhalb von vier Jahren mindestens verdreifacht. Die Versicherungs- und Rückversicherungsgesellschaften haben jedoch aus Vorsichts- und Ratinggründen einen Anreiz, in ihren Vermögensportfolios Staatstiteln den Vorzug zu geben.
Die Auswirkungen der gesunkenen Vermögensrenditen sind bereits bedeutsam und werden sich nach und nach weiter verstärken, wenn die in einer Zeit mit höheren Zinssätzen gezeichneten Anleihen fällig werden. Die durchschnittliche Rendite der derzeitigen Anlagenströme ist deutlich niedriger als die durchschnittliche Rendite der laufenden Anlagen. Die Hauptauswirkung betrifft offensichtlich die Rentabilität der Versicherungsgesellschaften. Dort tragen die Anlagen kaum noch etwas zu den Ergebnissen bei.
Manche Experten vermuten, dass die Unternehmen diese negative Auswirkung auf ihre Rentabilität mit erhöhten Margen im operativen Versicherungsgeschäft ausgleichen können: Hierfür sei es ausreichend, die technische Marge im Lebensbereich anzuheben und im Schadensbereich die Schaden-Kosten-Quote zu senken. Und tatsächlich hat die Mehrheit der Unternehmen diesen Weg gewählt. Man muss jedoch realistisch bleiben: Mit den technischen Margen können die gesunkenen Vermögensrenditen bestenfalls teilweise ausgeglichen werden. In der derzeitigen Situation am Versicherungsmarkt und in einem sich verschlechternden wirtschaftlichen Umfeld ist es schwierig, bezüglich einer starken Steigerung der technischen Rentabilität optimistisch zu sein. Speziell in der Lebensversicherung ist bei der schwachen Rentabilität des Neugeschäfts und der aktuellen Zinskurve nicht mit erhöhten Beitragseinnamen und einem stärkeren Cashflow zu rechnen.
Die derzeitige Geldpolitik mag für Staaten und Banken günstig sein, für Versicherungsgesellschaften und ihre Kunden hingegen ist sie sehr ungünstig. Es kommt tatsächlich zu einer Umverteilung von Schuldnern zu Gläubigern, von Verschuldeten zu Sparern, und diese wirkt sich für Erstere vorteilhalft, für Letztere nachteilig aus. Die Maßnahmen im Hinblick auf eine Zinssenkung zählen zu den Mitteln und Wegen der aktuellen Finanzpolitik, die auf der einen Seite Probleme beseitigt, auf der anderen Seite aber neue Probleme schafft.
Die Geschichte geht noch weiter, denn die derzeitige Geldpolitik ist nicht haltbar. Zu Recht wird von kritischen Stimmen Besorgnis über die vernunftwidrige Verwässerung der Zentralbankbilanzen geäußert. Die Befürchtung lautet, dass hierdurch das Risiko einer mittelfristigen erneuten Inflation entsteht. Als weiterer Kritikpunkt wird genannt, Geldpolitik sei immer weniger wirksam, und die massiven Liquiditätsspritzen schienen sich im System immer weniger auf die Realwirtschaft auszuwirken.
Tatsächlich kommt es trotz der sehr laxen Haltung der Zentralbank zu einer Verlangsamung oder Stagnation der Volkswirtschaften. In Wahrheit, so das Argument, käme es lediglich zu einer Vermögensumverteilung zwischen den Sektoren: von der Privatwirtschaft hin zu den Staaten, deren Zinslast sinkt; und innerhalb des Finanzsektors von den Versicherungen und sonstigen Vermögensverwaltern wie den Rentenfonds zu den Kreditinstituten, deren Zinsmargen steigen, was wiederum die Verwaltung des Entschuldungsprozesses und die Anpassung an die neue Solvabilitätsverordnung ermöglicht. In diesem Zusammenhang hat die europäische Bankenaufsicht übrigens gerade bestätigt, wie spektakulär die Kreditinstitute ihr Eigenkapital in nur wenigen Monaten gestärkt haben.
Als unbeabsichtigte Folge der Geldmengenerhöhung wird es früher oder später zu einer Erhöhung der Zinssätze kommen. Unklar ist noch, auf welche Weise diese Erhöhung der Zinssätze erfolgen wird. Wird es zu einer plötzlichen Erhöhung der langfristigen Zinssätze kommen, weil die Anleger eine Risiko- und Inflationsprämie fordern werden? Wird sich die gesamte Zinskurve nach oben verschieben? Werden nur die kurzfristigen Zinssätze steigen?
Für die Zeit nach der Geldspritze gibt es zahlreiche Szenarien. Allen diesen Szenarien ist gemein, dass die Versicherungsbranche von den höheren Zinssätzen betroffen sein wird. Diese schlagen sich in Wertminderungen des Anleihenportfolios nieder, die umso höher ausfallen, desto länger die Laufzeit ist. Bevor die höheren Renditen sich positiv auf die Rentabilität auswirken, wird eine gewisse Zeit verstreichen. Sollte es bei den Anleihen zu einem mit einem Zinsschock verbundenen Crash kommen, könnten die Versicherungsnehmer dazu tendieren, ihre Verträge aufzulösen. Das könnte wiederum in denjenigen Ländern zu Liquiditätsproblemen führen, in denen die für die Eingrenzung der vorzeitigen Rückkäufe beziehungsweise im Krisenfall für deren Begleitung auf Initiative der regulierenden Instanz notwendigen Maßnahmen nicht ergriffen wurden.