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Merken   Drucken   17.02.2012, 00:00 Schriftgröße: AAA

Versicherungskolumne: Innovation im Kleinen wie im Großen

Kommentar Industrieversicherer wollen und müssen für Kunden mehr als "Feuerschreiber" sein. Neuartige Deckungskonzepte sind auf Partnerschaften angewiesen. Innovation findet im Dreieck zwischen Kunden, Erstversicherern und Rückversicherern statt. von Axel Theis 
Axel Theis ist Chef der Allianz Global Corporate & Specialty
Ob Euroforum Haftpflichtkonferenz in Hamburg oder das Treffen der französischen Risikomanager Rencontres AMRAE in Deauville - ein Schlagabtausch entwickelt sich quasi zum Ritual auf fast jedem Branchentreffen: Die Riskomanager der Unternehmen kritisieren unisono, die Industrieversicherer seien zu wenig innovativ. Wir bringen sehr wohl neue Produkte auf den Markt, nur sobald sie verfügbar sind, sind die Kunden nicht mehr interessiert, halten wir dagegen. Wer hat Recht? Grund genug für einige grundsätzliche Gedanken.
Innovation in der Industrieversicherung, das wird leicht übersehen, ist evolutionär statt revolutionär. Haftpflicht bleibt Haftpflicht und Sachversicherung Sachversicherung. Aber im Innenleben der Klassiker verbergen sich durchaus neuartige Risiken und Deckungskonzepte, um bewährten Versicherungsschutz auf neue Technologien, ja sogar Branchen auszudehnen. Ein Einkaufszentrum braucht ebenso einen Feuerschutz wie ein Reinraum zur Halbleiterfertigung. Eine Bauleistungspolice garantiert die Errichtung eines Offshore-Windparks ebenso wie den Bau einer Autobahn. Innovation im Kleingedruckten der Klauseln hat noch eine weitere Dimension: nämlich jene der individuellen Anpassung. Mit Deckungserweiterungen finden wir laufend neue Produktantworten auf nationale Besonderheiten, spezielle Kundenanforderungen oder veränderte Regulierung. Den Maßstab setzt die Selbstbehalt-Versicherung, die seit 2010 D&O-Policen ergänzt: Damit waren wir zeitgleich mit der Gesetzeseinführung auf dem deutschen Markt.
Schwieriger wird es zugegebenermaßen, wenn Unternehmen nun verstärkt die Deckung von reinen Vermögensschäden fordern. Ohne Schadenhistorie lässt sich der Risikopreis nur bedingt aktuarisch ermitteln. Die Prämie orientiert sich somit hinsichtlich der Eintrittswahrscheinlichkeit eines Schadens an einem theoretischen "worst case" - und scheint damit mitunter schlichtweg zu teuer. Um zu einer realistischeren Bewertung für neue Risiken zu kommen, müssen wir uns zunächst auf das Expertenurteil unserer Underwriter und Risikoingenieure stützen; erst mit wachsender Versicherungserfahrung sind dann wieder Daten zur Risikomodellierung verfügbar. Daher haben wir stark in den Aufbau von Know-how investiert.
Nur weil wir den Reifegrad der IT-Sicherheit in Unternehmen fachmännisch beurteilen können, trauen wir es uns zu, Schäden durch Hackerangriffe abzusichern. Nur weil wir die Risiken in globalen Lieferketten auf Augenhöhe mit unseren Kunden diskutieren können, werden wir bald ausgewählten Unternehmen eine Deckung für Betriebsunterbrechungen ohne Sachschaden anbieten können. Wo sich jedoch beim besten Willen aller Beteiligten keine klassische Versicherungslösung findet, ist wie sooft an der Grenze zweier Bereiche Neues entstanden: Ein alternativer Risikotransfer über Kapitalmarktverbriefungen gewinnt für Kunden wie für Industrieversicherer an Bedeutung.
Wenn es um industrielle Großrisiken geht, ist Innovation nicht zuletzt auch auf Partnerschaft angewiesen. Sie findet im Dreieck zwischen Kunden, Erstversicherer und Rückversicherer statt. Die Unternehmen müssen bereit sein, sich mit Versicherungslösungen gegen neue Risiken zu wappnen und dafür auch zu bezahlen, sei es durch höhere Budgets oder eine Umschichtung durch höhere Selbstbehalte an anderer Stelle. Und sie müssen bereit sein, mehr Informationen zu ihrer Gefährdung zu teilen. Umgekehrt haben wir gelernt, neue Produkte in einem kontinuierlichen Dialog mit unseren Kunden zu entwickeln. Dies bewahrt hoffentlich künftig beide Seite vor unliebsamen Überraschungen bei der Markteinführung. Aber auch die Rückversicherer müssen neue Lösungen mittragen. Wenn deren Risikoappetit durch hohe Schadenbelastung, Niedrigzinsumfeld und Konjunkturflaute abnimmt, dann dämpft dies auch die Innovationsmöglichkeiten der Erstversicherer.
Risiken sind unser Geschäft, jahrhundertealte ebenso wie brandneue. Als Industrieversicherer wollen und müssen wir für unsere Kunden mehr als ein "Feuerschreiber" sein. Dazu werden wir weiter global in den Aufbau von Know-how investieren, um die sich schnell verändernden Risikolandschaften unserer Kunden verstehen und attraktive Produktantworten finden zu können. Was eine systematische Entwicklung und bessere Vermarktung neuer Ideen betrifft, können wir uns sicherlich gerade von unseren Kunden aus der Konsumgüterbranche noch einiges abschauen. Vielleicht gelten wir künftig als kreativer, wenn wir Deckungserweiterungen in regelmäßigen Zyklen als Update oder Facelift lancieren? Für uns wäre das sicherlich ein kleiner Quantensprung.
  • FTD.de, 17.02.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland,
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Kommentare
  • 17.02.2012 17:17:38 Uhr   Heiner Eickhoff: D&O Selbstbehaltversicherung

    Herr Theis behauptet in seiner "Innovations"-Kolumne, daß die AGCS mit einer D&O Selbstbehaltversicherung mit Gestzeseinführung 2010 zeitgleich auf dem Markt gewesen wäre. Er sollte sich besser informieren lassen: Das Gesetz trat am 04.08.2009 in Kraft und wir waren die einzigen Anbieter, die an diesem Tage ein fertiges Produkt zur Verfügung hatten, welches auch heute noch marktführend ist. Siehe Dossier "Pädagogisches Paradoxon" von Anja Krüger in der FTD vom 04.08.2009. Die AGCS brauchte Monate, um ein einigermaßen akzeptables Produkt anbieten zu können.
    Heiner Eickhoff
    DUAL Deutschland GmbH

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