Axel Theis ist Chef der Allianz Global Corporate & Specialty
In der Industrieversicherung besteht an Wettbewerb wahrlich kein Mangel. Und doch zieht die kleine, spannende Nische weitere Mitspieler an. Dass nun Rückversicherer im großem Stil in die Erstversicherung von Industrieunternehmen einsteigen wollen, war Anfang September eines der Hauptthemen beim Symposion des Deutschen Versicherungs-Schutzverbands, dem Branchentreff der versicherungsnehmenden Industrie.
Das Phänomen ist nicht neu, wohl aber die Dimension. Rückversicherer machen schon seit Jahren auch direkte Geschäfte mit Industriekunden beispielsweise bei der Absicherung von deren firmeneigenen Versicherern, den Captives, oder alternativem Risikotransfer. Vor allem aber sahen sie sich bisher als Partner der Industrieversicherer bei Großrisiken. Jetzt stößt mancher Vertreter der Branche in ein anderes Horn: So kündigte jüngst der Vorstand eines führenden Rückversicherers an, man wolle künftig auch bei der Versicherung von Großunternehmen zu den großen Anbietern aufrücken.
Ein solcher Anspruch ist neu, ebenso wie der Ton, mit dem die teilweise kühn formulierten Ziele verkündet werden. Setzten die Rückversicherer im direkten Industriegeschäft bislang auf Diskretion, so sollen nun plakative Schlagzeilen offenbar potenzielle Kunden auf die neuen Anbieter aufmerksam machen. Untermauert werden solche Ankündigungen durch die klare Abgrenzung der Industrieversicherungsaktivitäten in organisatorisch eigenständigen Einheiten.
Warum erfolgt der Einstieg gerade jetzt? Die Gründe liegen auf der Hand: Die Erhöhung von Selbstbehalten der Erstversicherer beim Rückversicherungseinkauf, das anhaltende Niedrigzinsumfeld und bestenfalls stagnierende Prämieneinnahmen beflügeln die Wachstumsphantasien im Kerngeschäft der Rückversicherer nicht gerade. Anders als im prämientechnisch kleinteiligen Privatkundengeschäft lassen sich im Industriesegment zügig und mit überschaubarem Einsatz stattliche Prämienvolumina erzielen - so zumindest die strategische Theorie. Und auch wenn an Kapazität derzeit kein Mangel besteht, so gibt es doch noch unterversorgte - weil risikoreiche - Nischen wie beispielsweise die Offshore-Wind-Industrie. Nicht zuletzt spekulieren die neuen Wettbewerber wohl auch auf eine Trendwende bei den Prämien nach einer mittlerweile achtjährigen Durststrecke. Allerdings könnten sie den Markt durch ihr eigenes Agieren weicher halten, als ihnen womöglich lieb ist.
Als Industrieversicherer sind wir als Kunde und Konkurrent zugleich betroffen. Als Kunde der Rückversicherer sind wir natürlich nicht gerade "amused". Dass "Chinese Walls" zwischen Industrie- und Rückversicherungsaktivitäten eingezogen werden und funktionieren, dass Kundeninformationen also nicht ausgetauscht werden, darauf mögen wir ja noch vertrauen.
Der wunde Punkt ist ein anderer: Einerseits ist der Rückversicherer Partner bei Großrisiken - und argumentiert hier eher mit knapper werdenden Kapazitäten. Andererseits attackiert er seine Kunden nun frontal - wenn es sein muss mit Kampfpreisen, denn zumindest in Europa lassen sich Marktanteile nur über Verdrängung gewinnen. Daher ist es verständlich, dass mancher Industrieversicherer nun womöglich neu überdenken wird, wer künftig seine bevorzugten Rückversicherungspartner sein werden.
Als Konkurrent sehen wir die neuen Wettbewerber sportlich und mit Respekt. Schließlich handelt es sich um etablierte und hoch kapitalisierte Gesellschaften. Das Wetteifern wird sich nicht nur auf die Industriekunden konzentrieren, sondern auch auf die besten Mitarbeiter. Gerade auch in den Zukunftsmärkten wie Brasilien wird mit harten Bandagen um die wenigen Risikoingenieure, Underwriter und Schadenregulierer gekämpft.
Doch gleichzeitig sind wir auch ein Stück weit gelassen. In meiner Laufbahn habe ich schon viele Wettbewerber kommen - und auch wieder gehen - sehen. Zwar mögen die Einstiegshürden niedrig sein, aber ein Vollanbieter im Industriesegment entsteht nicht von heute auf morgen, zumal die Synergien mit dem Rückversicherungsgeschäft begrenzt sind. Und bei allen vollmundigen Kampfansagen räumen die neuen Wettbewerber selbst ein, sich noch in der "in der Start-up-Phase" zu befinden, was Strukturen für Policierung und Verwaltung, internationale Versicherungsprogramme, Schadenregulierung und Maklerbeziehungen betrifft. Dieser Vorsprung der etablierten Industrieversicherer wird nicht mühelos aufzuholen sein.