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Merken   Drucken   13.01.2012, 00:00 Schriftgröße: AAA

Versicherungskolumne: Licht in die Blackbox

Kommentar Industrieversicherer benötigen mehr Informationen über die Lieferketten von Unternehmen. Damit der Vorstoß für mehr Transparenz aber nicht ins Leere läuft, braucht es gerade in der Aufbauphase das richtige Maß und eine Portion Pragmatismus - statt Brechstange oder Drohgebärden. von Axel Theis 
Axel Theis ist Chef der Allianz Global Corporate & Specialty
Lokale Katastrophen, weltweite Schäden: Die Häufung von Naturkatastrophen im vergangenen Jahr hat uns auch vor Augen geführt, wie anfällig die globalen Lieferketten vieler Unternehmen sind. Weil infolge des Erdbebens in Japan Lackpigmente nicht mehr lieferbar waren, geriet die Produktion bei deutschen Automobilherstellern ins Stocken. Chip-Hersteller büßten an Umsatz an, weil ihre Abnehmer weniger PCs fertigen konnten - sie erhielten keine Festplatten mehr von flutgeschädigten Lieferanten aus Thailand.
Eine aktuelle Umfrage der Allianz Global Corporate & Specialty zeigt: Störungen in der Lieferkette und Betriebsunterbrechungen sehen viele Unternehmen als großes Geschäftsrisiko. Auch für die Versicherungswirtschaft haben die daraus folgenden Rückwirkungsschäden zuletzt eine neue Dimension erreicht. Allein für Betriebsausfälle in japanischen Firmen durch die Flut in Thailand rechnet Swiss Re  mit bis zu 11 Mrd. Dollar versicherten Schäden.
Betriebsunterbrechungsdeckungen sind im Grunde eine Blackbox: Brennt eine Fabrik, ist der Schaden groß, aber bezifferbar. Welche indirekten Schäden sich daraus vielleicht anderswo ergeben, lässt sich dagegen nur grob abschätzen. Kumulrisiken kumulieren sich - vor allem wenn Hersteller und Zulieferer in den Büchern stehen. Daher wundert es kaum, wenn die Munich Re  seit jüngstem energisch versucht, mehr Licht ins Dunkel der Lieferketten bringen.
Die Idee ist nicht neu. Vieles spricht jedoch dafür, dass ihre Zeit jetzt gekommen ist. Was Daten zu Lieferketten betrifft, stehen wir heute dort, wo wir vor zehn Jahren in punkto Naturkatastrophen waren. So wie wir heute das Schadenpotenzial durch Wirbelstürme an der US-Ostküste simulieren können, werden wir hoffentlich bald auch genauer abschätzen können, wo überall auf der Welt Ausfälle drohen könnten, wenn ein Zyklon einen Automobilproduktionscluster in Indien verwüsten würde.
Der Vorschlag steht und fällt mit der Komplexitätsreduktion. Kein Versicherer wird sich anmaßen, pro Unternehmen hunderte oder gar tausende Lieferanten in die Datenbank einzuspeisen und aktuell zu halten. Doch welche Daten sind sinnvoll? Uns als Industrieversicherer interessiert: Wer sind wichtige Schlüssellieferanten, die nicht oder nur schwierig ersetzt werden können? Und an welchen Standorten sind diese Zulieferer tätig? Solche Informationen sollten künftig geteilt werden. Mehr Transparenz der Lieferketten sind die eine, Einblicke in das Risikomanagement der Unternehmen die andere Seite. Im ureigenen Interesse adressieren mittlerweile viele Konzerne die Risiken in ihren Lieferketten selbst sehr professionell. Es ist immer am besten, wenn es erst gar nicht zu einer Betriebsunterbrechung kommt, weil etwa ein Ersatzlieferant bereit steht.
Die meisten Industrieunternehmen reagieren offen auf den Vorstoß. Die Daten selbst sind heute per Knopfdruck abrufbar. Manche Konzerne fürchten jedoch, sensible Informationen preiszugeben - Lieferantenmanagement ist längst ein Wettbewerbsfaktor - und/oder sich selbst den Bärendienst höherer Prämien zu erweisen. Klar ist jedoch: Unsicherheit wird künftig mehr kosten. Eine höhere Transparenz der Risiken und ein aktives Risikomanagement werden sich dagegen in mehr Kapazität und niedrigeren Prämien auszahlen. Als Industrieversicherer müssen wir im Gegenzug praktikable Methoden der Datenabfrage und -verarbeitung entwickeln, Vertraulichkeit zusichern und die Analysen unserer Risikoberater aktiv an unsere Kunden zurückspielen. Wir brauchen eine Win-Win-Situation für beide Seiten.
Jeder lange Weg beginnt mit einem ersten Schritt. Die Blackbox der Lieferketten zu erhellen, das wird nicht von heute auf morgen gelingen. Unternehmen und Versicherer müssen sich - auch über anfängliche Grauzonen und unfertige Kompromisse hinweg - annähern und gemeinsam Routinen und Systeme entwickeln. Weniger ist anfangs sicher mehr. Damit der Vorstoß für mehr Transparenz nicht noch einmal ins Leere läuft, braucht es gerade in der Aufbauphase das richtige Maß und eine Portion Pragmatismus - und nicht Brechstange oder Drohgebärden.
  • FTD.de, 13.01.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland,
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