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Merken   Drucken   01.10.2010, 00:00 Schriftgröße: AAA

Versicherungskolumne: Welche Folgen hat der digitale Erstschlag?

Kommentar Alle, die Verantwortung für die sichere Steuerung von technischen Anlagen und Netzwerken tragen, sind nach der Computerwurm-Attacke auf iranische Atomanlagen in heller Aufregung. Der Vorfall wird auch eine Diskussion um die Versicherbarkeit von IT-Risiken anstoßen. von Hans-Jürgen Allerdissen 
Hans-Jürgen Allerdissen ist Geschäftsführer der Deutschen Verkehrs-Assekuranz-Vermittlungs-GmbH
Das gezielte Eindringen in die Computer iranischer Atomanlagen mittels Computerwurm wird nicht nur die Hersteller und Verwender von USB-Sticks betreffen, über die sich der Wurm verbreitet hat. Schon in früheren Jahren sind gelungene Angriffe auf digitalisierte Prozesssteuerungen bekanntgeworden: 2005 wurde rein zufällig die Einschleusung von höchst wirksamen Trojanern in das griechische Mobilfunknetz offenbar. 2007 erfolgte ein massiver Angriff auf die Netzwerke von Estland. Sicherheitsbehörden und Ministerien waren betroffen. Es wurde befürchtet, dass auch die Kontrolle über Wasser-, Strom- und Kommunikationsnetze verlorengehen könnte. Ebenfalls 2007 gelang der Versuch des Idaho National Laboratory, durch digitale Manipulationen gezielt einen Kraftwerksgenerator zu zerstören. Im selben Jahr war ein israelischer Luftangriff auf einen im Bau befindlichen Nuklearreaktor auch deswegen erfolgreich, weil mit Computer-Manipulationen das syrische Radarsystem geblendet wurde. 2008 gelang es einem Geheimdienst, sich Zugang zum US-Kommando für die Afghanistan- und Irak-Operationen zu verschaffen und wichtige Informationen auszuspähen.
Die Beispiele zeigen die Verwundbarkeit digitalisierter Prozesse, und zwar weltweit. Diese Bedrohung ist inzwischen um ein Vielfaches größer geworden. Waren es früher einzelne oder miteinander verbundene Wohnzimmerhacker, die Angriffe gestartet haben, muss man heute annehmen, dass derartige Strategien zumindest mit Wissen, wenn nicht mit Unterstützung von Regierungen entwickelt werden. Die Urheber des aktuellen Cyber-Angriffs haben nach Meinung von Kennern siebenstellige Euro-Beträge aufgewendet und höchst qualifizierte Experten beschäftigt. Man ist auch das Risiko eingegangen, den "rauchenden Revolver" - den Computervirus Stuxnet - auffindbar zurückzulassen. Da gewinnt der Terminus "Cyber-war" eine neue Dimension.
Die Cyber-Attacke auf iranische Atomanlagen hat IT-Verantwortliche ...   Die Cyber-Attacke auf iranische Atomanlagen hat IT-Verantwortliche in helle Aufregung versetzt
Die Herausforderung für die Industrie ist also immens. Großtechnische Anlagen, Versorgungsnetzwerke und logistische Abläufe sind heute weitestgehend computergesteuert. Die Fachleute behaupten, dass binnen weniger Monate die jetzt angewandte Technik in immer größeren Kreisen bekannt und verwendbar sein wird. Sie vermuten sogar, dass Terroristen oder Hackergruppen demnächst so aktiv werden könnten.
Selbstverständlich ist es zuerst Aufgabe der Entwickler und Verwender von Steuerungssoftware, diese sicher zu entwickeln, ihre Unversehrtheit zu kontrollieren und damit die betrieblichen Abläufe sicher zu gestalten. Trotzdem verbleibt ein Restrisiko und damit auch Versicherungsbedarf. Deswegen sind grundsätzlich sowohl in der Haftpflicht- als auch in den Sachversicherungen derartige Risiken bis heute mitversichert.
Es ist aber absehbar, dass sich nun eine Diskussion um die Versicherbarkeit dieser Risiken auftun wird. Die Industrie kann nur hoffen, dass die Versicherungswirtschaft nicht wieder reflexartig ruft: "Ausschluss!". Zumindest eine Prämienerhöhung bei Weiterversicherung dieses Risikos wird sicher angesprochen werden. Beide Marktseiten haben also neue Hausaufgaben bekommen. Die Industrie muss ihre IT-Risiken - soweit eben möglich - beherrschbar machen, die Rück- und Erstversicherer sind aufgerufen, nicht hektisch Bedingungswerke oder Prämienvorstellungen zu verändern. Eins steht fest - man wird darüber intensiv im Gespräch bleiben müssen.
  • FTD.de, 01.10.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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