Die Studenten der Universität Bremen wollten eigentlich nur einen Rhetorikkurs machen. Lernen, wie man ein gutes Referat hält, Tipps bekommen, wie man sich in einem Vorstellungsgespräch am besten verkauft. Solche Sachen. Eine Lebensversicherung jedenfalls wollten sie nicht abschließen. Doch genau die wurden ihnen am Ende des Seminars angeboten - von ihrem Rhetoriklehrer. Der packte einen großen Ordner mit Angeboten für Lebensversicherungen sowie zur Altersvorsorge aus und bot an, mit ihnen über "die persönliche Finanzplanung" zu sprechen.
Gebucht hatten die Studenten den Kurs beim Career-Center ihrer Hochschule, gehalten wurde er allerdings von einem Mitarbeiter des Finanzdienstleisters MLP. Der Heidelberger Konzern hat sich auf Finanzprodukte für Akademiker spezialisiert. Da liegt es nahe, sie direkt an der Uni anzusprechen. "MLP versteht sich als langfristiger Finanzberater, der seine Kunden auch in Karrierethemen begleitet", sagt ein Unternehmenssprecher. "Selbstverständlich ist es das Ziel, Studierende auch in wirtschaftlichen Fragestellungen zu beraten."
Die Bremer Studenten waren von so viel Fürsorge allerdings wenig begeistert. Bei Sören Böhrnsen vom Allgemeinen Studierendenausschuss (Asta) häuften sich im vergangenen Jahr die Beschwerden über die als Rhetorikkurse oder Bewerbungstrainings getarnten Verkaufsveranstaltungen von MLP . Böhrnsen beklagte sich mehrfach bei der Hochschulleitung, im Sommer 2011 stellte das Career-Center der Uni Bremen die Zusammenarbeit mit dem Finanzdienstleister ein.
An nahezu allen deutschen Hochschulen gibt es mittlerweile einen Career-Service, der Absolventen bei der Berufsvorbereitung unterstützt und Kontakte zu potenziellen Arbeitgebern herstellt. Doch Ausstattung und Qualität der Betreuung sind vielerorts mangelhaft. Beinahe jede zweite Einrichtung hat nur einen bis drei Mitarbeiter, dazu ein schmales Budget für Honorarkräfte. Um den Studenten trotzdem ein vielfältiges Programm bieten zu können, greifen fast alle Career-Center auf Kursangebote von Unternehmen zurück.
Das muss für die Studenten kein Nachteil sein: Durch Vorträge aus der Praxis gewinnen sie neue Eindrücke, die ihnen so an der Uni nicht vermittelt werden. Problematisch wird es allerdings, wenn die Firmenvertreter die Kurse als Werbeplattform missbrauchen.
Nicht nur MLP bietet sich Unis als "Campuspartner" an, auch Vertreter von Krankenkassen wie der Barmer Ersatzkasse oder der Debeka geben gern Seminare, um bei den Studenten für sich zu werben. "Diese Art von Anfragen muss ich fast wöchentlich ablehnen", sagt Andreas Eimer, Leiter des Career-Service an der Uni Münster. "Wir kooperieren mit Firmen nur, wenn sie sich als potenzieller Arbeitgeber präsentieren wollen."
Andere Hochschulen sind da weniger zimperlich."Für viele ist das eine Frage des Überlebens", sagt Eimer. Manche Einrichtung lässt sich die Kurse von den Firmen sogar bezahlen, um sich damit zu finanzieren. Kein Wunder, dass die Unternehmen dann eine Gegenleistung erwarten. "Wir müssen ja auch sehen, dass wir uns positionieren", sagt die Mitarbeiterin einer großen deutschen Krankenkasse, die ungenannt bleiben möchte. Zusammen mit dem Career-Service der Hochschule Magdeburg bietet sie immer wieder Vorträge an, die sich um das Thema Versicherung drehen. "Wir fragen da schon, ob Interesse besteht, und laden die Studenten zu Beratungsgesprächen ein."
Marcellus Menke, Vorsitzender des Career Service Netzwerk Deutschland, kennt das Problem: "Es gibt immer wieder solche Versuche. Die Unternehmen wollen gerne in ihrer Zielgruppe Mitarbeiter anheuern oder ihre Produkte bewerben." Er weiß von Fällen, in denen Firmen den Career-Services vorschreiben wollten, dass nur Studenten mit Bestnoten zu ihren Vorträgen kommen dürften.
Immer wieder in der Kritik: MLP. Da sich der Heidelberger Finanzdienstleister in erster Linie an Akademiker wendet, tritt er an vielen Unis bei Karrieremessen auf, sponsert Veranstaltungen und bietet sich als Partner des Career-Service an. Das Unternehmen kooperiert nach eigenen Angaben mit 40 Hochschulen bundesweit. An einigen, wie an der privaten Fachhochschule der Wirtschaft in Hannover, betreibt MLP sogar den ganzen Career-Service selbst. Das Karriereangebot der Uni Heidelberg wird "im Rahmen einer Public Private Partnership unterstützt von MLP", so steht es auf der Homepage. Manfred Lautenschläger, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender ist Ehrensenator und Ehrendoktor der Uni.
Der Finanzdienstleister nennt Vorfälle wie in Bremen "Einzelfälle", doch nachdem sich die Beschwerden häuften mahnte kürzlich auch die Hochschulrektorenkonferenz (HRK), die Career-Services sollten sich von Kooperationen fernhalten, "in die lediglich das Interesse von Unternehmen einfließt, Studierende als Kunden für Produkte und Dienstleistungen zu gewinnen". Die Unis sollten ihre Beratungszentren finanziell und personell so ausstatten, dass sie nicht auf Zuwendungen aus der Wirtschaft angewiesen seien. "Nur so kann eine von externen Interessen unabhängige und inhaltlich an den Interessen der Studierenden ausgerichtete Career-Service-Arbeit gewährleistet sein", so die HRK. "Die Regie und vor allem auch die Expertise muss im Career-Service liegen und darf nicht nur von außen kommen", pflichtet der Münsteraner Career-Center-Leiter Eimer bei.
Mittlerweile sind die Universitäten vorsichtiger geworden. Der Beratungszentren überprüfen ihre Verträge, verteilen Feedback-Bögen und schicken auch schon mal Mitarbeiter zu Stichproben in Kurse.