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Merken   Drucken   04.04.2007, 15:10 Schriftgröße: AAA

Das Bloghaus

Ihr Arbeitsvertrag verpflichtet sie zum Bloggen. Die Mitarbeiter des IT-Unternehmens Pentos schreiben im Intranet über Kunden, Kinder und Kraftsport - und arbeiten nicht nur effektiver zusammen, sondern lernen ihre Kollegen auch richtig gut kennen. von Swantje Wallbraun

Tims Chilipflanzen wachsen prächtig auf seinem Münchner Balkon - und seine Arbeitskollegen im Büro schauen zu. Denn Tim, Mitarbeiter des IT-Unternehmens Pentos, berichtet über seine Chilizucht im firmeninternen Blog, Fotos inklusive. Seine Schoten sind aber eher der unwichtige Teil seines Blogs. Vor allem schreibt Tim über den Stand der Projekte, an denen er beteiligt ist.
Jeder Angestellte der Münchner Pentos AG bloggt beruflich; einmal wöchentlich soll jeder über seine Arbeit berichten. Seit vier Jahren bereits sind die Pentos-Angestellten Blogger. "Das hilft uns sehr, unsere Firma zusammenzuhalten", sagt Vorstand Nikolaus Krasser.
In ihren Büros am Münchner Firmensitz sitzen viele Angestellte nur selten. Pentos entwickelt Softwareanwendungen - die Mitarbeiter arbeiten deshalb häufig direkt bei den Kunden. Über das, was sie dort tun und was in der Zwischenzeit die Kollegen in München machen, tauschen sie sich in internen Blogs aus. Fast alle machen mit. Aber das war nicht von Anfang an so.
Nikolaus Krasser lässt seine Mitarbeiter bloggen   Nikolaus Krasser lässt seine Mitarbeiter bloggen
"Am Telefon muss man alles mehrmals erzählen"
"Als wir Pentos mit fünf Leuten im Jahr 2000 gegründet haben, haben wir alle an unterschiedlichen Orten gearbeitet", sagt Nikolaus Krasser. Das machte es schwierig, den Überblick zu bewahren. "Über Telefon Kontakt zu halten, ist aufwändig, weil man immer alles mehrmals erzählen muss." Persönliche Treffen oder Telefonkonferenzen fielen oft aus, weil jemandem kurzfristig etwas dazwischenkam. Deshalb kamen die fünf Gründer schon 2001 auf die Idee, schriftliche Wochenberichte zu schreiben. Nach einer Testphase von einem halben Jahr forderten die Chefs alle der damals zehn Mitarbeiter zum Bloggen auf.
"Einige haben erst mal geschluckt - wir haben ja auch Mitarbeiter, die aus anderen Ländern kommen und nicht so gut Deutsch schreiben", sagt Annette Klausmann, Personalentwicklerin bei Pentos. Mehr Arbeit, keine Zeit, wehrten andere ab. Etwa ein Viertel der Mitarbeiter ignorierte die Aufforderung.
"Wir haben es erst mit gutem Zureden versucht", berichtet Krasser. Besser wurde es aber erst, als das Bloggen in die Mitarbeiterziele aufgenommen wurde. Von da an wurden gute Blogger mit Prämien belohnt. Die letzten Zweifler packte Krasser bei ihrem Ehrgeiz: "Wir haben eine Statistikfunktion eingebaut. Damit konnte jeder sehen, wie oft welcher Blog gelesen wird", sagt der Vorstandsvorsitzende. Das half.
Die Personalabteilung hilft Schreibmuffeln
Heute schreiben 85 Prozent der 27 Mitarbeiter jede Woche, der Rest etwa alle zwei Wochen. Wer wenig Zeit oder Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache hat, kann einer Kollegin aus der Personalabteilung am Telefon über seine Arbeit berichten und den Blogeintrag von ihr schreiben lassen. Das nutzen allerdings nur wenige.
Was Pentos durchgesetzt hat, kommt bei Personalexperten nur bedingt an. "Irgendjemand muss das alles schließlich lesen - dadurch entsteht für die Mitarbeiter Stress", sagt Christian Scholz, Professor für Personalmanagement an der Universität Saarbrücken. Wer Blogs in seinem Unternehmen nutzen will, muss klare Grenzen ziehen: etwa die Länge der wöchentlichen Einträge vorgeben.
Für die Pentos-Blogs gelten nur wenige Spielregeln: Ein Eintrag soll etwa 10 Zeilen lang sein, zum Schreiben sollen 15 Minuten ausreichen, zum Lesen der Einträge der Kollegen rund 45 Minuten. Jeder Mitarbeiter soll also pro Woche etwa eine Stunde in die Blogs investieren. Ein ebenso großes Problem wie unmotivierte Blogger sind dabei passionierte Vielschreiber. "Wir hatten zwischendurch einen Mitarbeiter, der täglich mehrere Absätze schrieb", sagt Nikolaus Krasser. Unter diesem Blog standen aber bald genervte Kommentare der Kollegen: "Sorry, ich hab keine Zeit, das alles zu lesen." Die Kommentarfunktion, meint Krasser, führt dazu, dass sich das System selbst reguliert. Außerdem ist an dem Klischee des schweigsamen Informatikers etwas dran: "Wir sind eine technische Firma - unsere Mitarbeiter sind eher introvertiert."
Führungskräfte verlieren Macht
Trotzdem möchten viele Pentos-Angestellte die Blogs inzwischen nicht mehr missen. "Wenn ich ein Projekt leite und Mitarbeiter für mein Team suche, schreibe ich das in meinen Blog - und wer gerade Zeit hat, meldet sich bei mir", berichtet Entwickler Marcus Förster. Neulich arbeitete er bei einem Kunden, der ein besonderes kaufmännisches Computersystem installiert hatte. Ein Eintrag im Blog - schon fand sich ein Kollege, der mit diesem System vertraut war und Förster helfen konnte.
Umfrage Umfrage: "Was Privates liest jeder gern"
Dass die Mitarbeiter sich zunehmend selbst organisierten und Informationen austauschten, hatten Krasser und seine Vorstandskollegen nicht in dem Maße erwartet. "Für die Führungskräfte bedeutete das zunächst einen Machtverlust", berichtet der gelernte Betriebswirt. Früher waren die Projektleiter zu ihnen gekommen, um ein Team zusammenzustellen. Heute finden sie sich selber zusammen. "Bald haben wir das aber als sehr angenehm empfunden - so haben wir mehr Zeit für andere Aufgaben", sagt Krasser.
Ganz vorne in der internen Klickstatistik stehen die Blogs der Führungskräfte. Sie müssen mit gutem Beispiel vorangehen: "Die Blogs sind für uns eine enorme Selbstverpflichtung", sagt Krasser. "Wir müssen unseren Mitarbeitern zeigen, was wir als Führungskräfte leisten."
Konferenzen werden effizienter
Meinungsaustausch und Diskussion ist in den Blogs ausdrücklich erwünscht, wer um Hilfe bittet, wird von den Kollegen unterstützt. "Wenn jemand nur Erfolge berichtet, dann ist das für die Vorgesetzten ein Grund, nachzuhaken", sagt Personalentwicklerin Annette Klausmann: Vielleicht ist er nicht ausgelastet? Mit den Informationen aus den Blogs - ausdrücklich oder zwischen den Zeilen - wird zudem für die Chefs und die Kollegen klarer, wer eine Beförderung verdient hat.
Dass die Blogs bei Pentos so gut funktionieren, ist nach Meinung von Blogexperte Christian Scholz nicht selbstverständlich: "Blogs machen nur Sinn, wenn man angstfrei alles schreiben kann. Das setzt eine offene Unternehmenskultur voraus - und die gibt es nicht in jedem Unternehmen." Selbst dann kann ein Blog nicht jede Konferenz ersetzen. Aber er kann helfen, die Konferenzen effektiver zu halten: Zu den monatlichen Office Meetings bei Pentos kommen die Leute nun besser vorbereitet, berichtet Annette Klausmann.
"Hilft uns, die Mitarbeiter an uns zu binden"
Arbeit ist das eine. Schoten das andere: Der Punkt "Sonstiges" in den Blogs ist besonders beliebt. Hier können die Mitarbeiter über sich, ihre Familie und ihre Hobbies schreiben - etwa über die Chilizucht. "Das sind Anknüpfungspunkte für Gespräche", sagt Nikolaus Krasser. Die Mitarbeiter lernen sich besser kennen, manche machen zusammen Sport. Der neue Teamgeist zahlt sich aus: "Das hilft uns, die Mitarbeiter an uns zu binden", meint Krasser. Deshalb hält Krasser die Arbeitszeit, die seine Mitarbeiter in die Blogs stecken, für eine gute Investition - auch wenn sich der Vorteil in Zahlen nicht messen lässt.
Bleibt die Gefahr, dass Interna aus den Blogs nach draußen sickern - an die Kunden oder, schlimmer, an die Konkurrenz. "Wenn ein Mitarbeiter Passagen aus den Blogs kopiert und per E-Mail verschickt - wer haftet dafür?", gibt Christian Scholz zu bedenken. Der Siemens-Konzern hat diese Erfahrung machen müssen: Im vergangenen Jahr hatten Mitarbeiter wütende Kommentare zum internen Blog von Vorstandschef Klaus Kleinfeld geschrieben, nachdem dieser die Vorstandsgehälter erhöht hatte. Auszüge davon waren an die Presse gelangt.

Auf die Frage, ob die Pentos-Blogs nicht auch ein Informations-Leck sein könnten, schweigt Nikolaus Krasser kurz. "Natürlich ist das möglich", gibt er dann zu. "Aber da wir nur ein kleines Unternehmen sind und unsere Mitarbeiter gut kennen, ist das nicht sehr wahrscheinlich." Außerdem sei ihm wichtig, dass die Blogs seiner Mitarbeiter sachlich gehalten sind: "Lästereien gibt es da nicht. Ich würde in den Blogs nichts finden, was mich verlegen machen würde, wenn es nach draußen gelangen würde."

Krasser hat vorher nie gebloggt, auch die meisten seiner Mitarbeiter - im Schnitt 34 Jahre alt - haben das Bloggen erst bei Pentos kennengelernt. Mittlerweile sind aber viele auf den Geschmack gekommen. "Wir überlegen, ob wir einen externen Blog aufbauen zum Thema Technologie", sagt Krasser. "Das würde mir jetzt richtig Spaß machen."

  • FTD.de, 04.04.2007
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