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Merken   Drucken   04.04.2007, 15:03 Schriftgröße: AAA

Ein Netz von Freunden: "Wahre Freunde gibt es nur im wahren Leben"

Wer kennt wen woher - mit Einladung können User die Internet-Plattform lokalisten.de betreten, um dort mir Ihren Freunden zu chatten. Inzwischen sind rund 600.000 Lokalisten in etwa siebzig Städten registriert. Die Mitglieder sollen sich auch im wirklichen Leben treffen - nicht wie bei Second Life, was Gründer Andreas Degenhart "schlimm" findet. von Jochen Brenner, Katrin Schmiedekampf und Christine Zerwes

FTD.de sprach mit Andreas Degenhart (40) und Norbert Schauermann (36), zwei von insgesamt fünf Lokalisten-Gründern. An dem Gespräch nahm auch Valentin Bauer (28) teil, der erste von inzwischen 25 festen Lokalisten-Mitarbeitern.
FTD: Als "Lokalist" kann ich in einem "Freundesbaum" nachverfolgen, wer von meinen Freunden Leute kennt, die ich über Ecken vielleicht auch kenne. Warum sollte ich das wissen wollen?
Andreas Degenhart: Wenn man, wie ich, zum Studium nach München zieht und aus dem Bayerischen Wald kommt, aus einem Dorf mit dem Namen Finsterau, dem letzten Dorf vor der tschechischen Grenze, wo der Name Programm ist, dann hat man ein anderes Gefühl von Freundschaft, als der Großstädter. Ich habe oft festgestellt, dass es unter meinen Münchner Freunden so ein Grüppchenverhalten gibt. Da ist eine Grupppe A und eine Gruppe B, die leider nicht miteinander kommunizieren. Genau dieses Phänomen wollte ich mit einer Software aufbrechen. Das ist die Lokalisten-Grundidee.
Nobert Schauermann: Das Lokalisten-Schlüsselerlebnis ist: Man geht auf die Party eines Bekannten und plötzlich steht da ein Freund und man fragt sich, wie der da hinkommt. Dann stellt man fest, dass die Gastgeberin eine gemeinsame Freundin ist - was man jahrelang nicht wusste. Jeder von uns Lokalisten-Gründern hat mehr als hundert Freunde, da ist die Chance groß, eine solche Situation zu erleben.
Die Lokalisten von innen
FTD: Hundert Freunde? Was macht in Ihren Augen einen Freund aus? Schauermann: Freunde sind Bekannte, Kollegen, auch tatsächliche Freunde, mit denen man wöchentlich Kontakt hat, Ex-Kollegen. Nicht nur Leute, die man nur flüchtig kennt, sondern mit denen man längerfristig bekannt ist. Valentin Bauer: Freunde sind Leute, die die selben Sachen machen und über die selben Sachen lachen. Degenhart: Einen Freund muss ich auch offline kennen, nicht nur virtuell. Von Anfang an hatten wir den Wunsch, die Leute auch in der Wirklichkeit zusammenzuführen. Die "Edmosesbar" gegenüber vom "Haus der Kunst" ist unser
FTD: Hundert Freunde? Was macht in Ihren Augen einen Freund aus?
Schauermann: Freunde sind Bekannte, Kollegen, auch tatsächliche Freunde, mit denen man wöchentlich Kontakt hat, Ex-Kollegen. Nicht nur Leute, die man nur flüchtig kennt, sondern mit denen man längerfristig bekannt ist.
Valentin Bauer: Freunde sind Leute, die die selben Sachen machen und über die selben Sachen lachen.
Degenhart: Einen Freund muss ich auch offline kennen, nicht nur virtuell. Von Anfang an hatten wir den Wunsch, die Leute auch in der Wirklichkeit zusammenzuführen. Die "Edmosesbar" gegenüber vom "Haus der Kunst" ist unser Wohnzimmer, dort treffen sich Lokalisten, wenn irgendwas los ist.
Bauer: Wir packen da an Weihnachten Geschenke ein, tauschen sie danach untereinander, sammeln Panini-Bilder für ein Spenden-Projekt. Kurz vor jedem Ereignis starten wir auf der Seite einen Aufruf und dann kommen nicht nur Münchner Lokalisten zum Feiern in die Bar. Bei den Spielen der Champions-League ist die Bar rappelvoll. Wir bieten dann auch günstig Bier aus der Region an.
Valentin Bauer, Norbert Schauermann und Andreas Degenhart: der ...   Valentin Bauer, Norbert Schauermann und Andreas Degenhart: der erste Mitarbeiter und zwei der Gründer
FTD: Ein Bier aus der Gegend, der zwar erfundene aber deutsch klingende Name "Lokalisten" statt "Localists" - ist das Absicht?
Degenhart: Ja, wir sind als Münchner Community gestartet und der Name "Lokalisten" hat da perfekt reingepasst, er sollte vertraut klingen.
FTD: Steckt dahinter ein wenig Globalisierungskritik?
Degenhart: Nein, aber Freunde hast Du ja auch vor allem lokal. Die Leute, mit denen du dich triffst, die sind nicht in Berlin oder Bremen sondern meistens um dich rum.
Bauer: Wahre Freunde gibt es nur im wahren Leben. Natürlich kann man nicht dutzende haben, weswegen wir den Begriff "Freundesfreunde" etabliert haben. Dem Freund eines Freundes vertraue ich erst mal mehr, als einem Fremden, trotzdem ist er noch kein Freund.
FTD: Wann haben Sie Ihre alten Jobs für "Die Lokalisten" aufgegeben?
Schauermann: Das war Mitte des letzten Jahres. Ich war vorher Unternehmensberater, zusammen mit Jürgen Gerleit (einer der Mitgründer, die Red.). Die anderen beiden haben selbstständig als Ingenieure gearbeitet...
Degenhart: ...und ich war schon immer selbstständig als Software-Architekt. Aber etwas richtig Eigenes, so wie die Lokalisten jetzt, das hatte ich bislang noch nicht und habe mir es aber seit dem Studium gewünscht. Jetzt hat einfach alles gestimmt: Die Leute, das Projekt, die Interessen.
Schauermann: Die Selbstständigkeit in unseren alten Berufen hat es uns überhaupt erst ermöglicht, die Lokalisten aufzubauen. Als Angestellte hätten wir uns gar nicht die Zeit nehmen können.
FTD: Wie ist die Lokalisten-Idee entstanden?
Degenhart: Ich entwickele seit 15 Jahren Software, der Community-Gedanke war natürlich nicht neu, aber in seiner heutigen Ausprägung sind die Lokalisten meine eigene Idee. Natürlich kannte jeder von uns OpenBC, heute Xing. Wir sind aber eher ein Freundeskreis mit lokalem Ansatz, deswegen war unser erster Name auch ganz einfach "Netfriends", Netzfreunde. In einer Brainstorming-Runde sind wir dann aber auf die "Lokalisten" gekommen.
FTD: Sie sind mit den "Lokalisten" zu einem Zeitpunkt online gegangen, als der Begriff "Web 2.0" im Entstehen begriffen war. Zufall? Oder sind Sie Web-Propheten?
Degenhart: Das war Zufall.
Schauermann: Das Wort Web 2.0 ist nie gefallen.
Andreas Degenhart, Lokalist erster Stunde wollte seine Freunde ...   Andreas Degenhart, Lokalist erster Stunde wollte seine Freunde vernetzen.
FTD: Früher haben sich die Leute im Sportverein kennengelernt, heute soll das gleich im Internet funktionieren. Ist das nicht ein zivilisatorischer Rückschritt?
Degenhart: Nein, die Lokalisten haben ja auch noch ein reales Leben, im besten Fall wird das durch die virtuelle Existenz bei den Lokalisten noch besser. Schlimmer finde ich, wenn man "Second Life" spielt.
FTD: Lief das Unternehmen "Lokalisten" problemlos an?
Schauermann: Wir waren von dem enormen Wachstum überrascht. Geplant waren die Lokalisten für den kleinen Freundeskreis, aber über die Einladungen ist das Freundes-Netz sehr schnell gewachsen. Am Anfang war der Server oft total überlastet. Da hatten wir echte Performance-Probleme.
Degenhart: Wir haben dann mit unserem privaten Geld zusätzliche Server besorgt.
Schauermann: Inzwischen sind wir eine GmbH und habe selbstverständlich Gewinn-Absichten. Mit Werbung sparen wir zur Zeit noch ein wenig. Das werden wir intensivieren.
FTD: Wie passen Freundschaft und Kommerz zusammen?
Schauermann: Das ist jetzt nicht die Hauptfrage. Jeder versteht, dass eine Plattform, die richtig Geld kostet, ohne Werbung nicht auskommt. Das sieht niemand mehr kritisch.
Bauer: Das tut der Freundschaft auch keinen Abbruch. Wir halten und bei der Werbung an die AGB: keine Gewalt, kein Sex, keine Politik.
FTD: Seit Ende des vergangenen Jahres gehören 30 Prozent der Lokalisten der Sendergruppe Pro Sieben Sat Eins. Ist das der Ausverkauf der charmant-semiprofessionellen Lokalisten-Idee? Schauermann: Wir brauchten einen großen Freund, um dem Wachstum Herr zu werden. Natürlich haben wir uns den in der Medienbranche gesucht. Degenhart: Alleine hätten wir es nicht geschafft. Bauer: Finanziell sicher nicht. Außerdem wollen wir bald bewegte Bilder auf der Seite haben. Da braucht man jemanden mit Erfahrung. FTD: Apropos bewegte Bilder: Wann erscheint die erste Fernsehwerbung für eine Pro-Sieben-Komödie auf der Lokalisten-Seite? Bauer: Ich glaube nicht, dass Pro Sieben bei uns werben will. Bei den Lokalisten ist um 20 Uhr Peak-Time, da sind die meisten Nutzer online. Und was hat man früher um 20 Uhr gemacht? Ferngesehen. Deswegen hat Pro Sieben bei uns investiert. Degenhart: Die Menschen unserer Zielgruppe, die Leute zwischen 18 und 40, surfen eher, als dass sie fernsehen. Bauer: Pro Sieben hat bei uns investiert, weil ein solcher Konzern dieses Freundes-Netz, das wir haben, künstlich nicht schaffen kann. Das muss aus der Gesellschaft heraus wachsen. Die Zielgruppe, die wir bieten, ist wie ein Virus gewachsen. Die kann man nicht einfach kopieren. FTD: Seit ein paar Wochen haben Sie das exklusive "Einladungs"-Gebot gelockert. Als "Newbie" brauche ich bei den Lokalisten erstmal keinen Freund, der mich reinbringt. Wieso? Schauermann: Das hat mit der Fernseh-Werbung zu tun. Wir können nicht Werbung für die Lokalisten machen und dann den Leuten den Zugang verwehren. Degenhart: Man soll ja den Leuten zu nichts den Zutritt verweigern. Das Türsteher-Prinzip konnte ich noch nie leiden. Als Newbie kannst Du wenigstens mal reinschauen und kucken, ob ein Freund von Dir drin ist. Das Türsteherprinzip hat natürlich auch seine Vorteile: Nur die man kennt, kommen rein. Aber mir gefällt's halt einfach nicht. FTD: Damit stehen Fake- und Werbeprofilen Tür und Tor offen. Wie schützt ihr Euch? Degenhart: Das war vorher auch schon so. Wer erstmal drin war, konnte mit einer erfundenen E-Mail-Adressen ein falsches Profile anlegen. Bauer: Von einem Fake-Profil habe ich ja nichts. FTD: Aber im Internet bewegen sich massenweise Irre, Pädophile, Stalker. Schauermann: Unsere User haben ein anderes Selbstverständnis. Die Plattform ist ihr Wohnzimmer. Und das möchten sie sauber halten. Sobald ein Verdacht aufkommt, melden die uns das. Da gibt es wirklich richtige kleine Detektive - eine klassische Web 2.0-Entwicklung.
Valentin Bauer war der erste Mitarbeiter, den die fünf Gründer ...   Valentin Bauer war der erste Mitarbeiter, den die fünf Gründer beschäftigten
FTD: Bei den unter 20-jährigen Lokalisten-Nutzern kann man eine zunehmende Sexualisierung in der fotografischen Selbstdarstellung beobachten. Was tun Sie dagegen?
Schauermann: Diese Einschätzung können wir nicht bestätigen. Nacktfotos werden angezeigt und gelöscht.
Degenhart: Der Zwang einer Selbstdarstellung ist bei Jüngeren einfach größer. Ältere stellen einfach nur ihr Foto rein, jüngere zeigen sich gerne mal oben ohne. Die suchen niemanden zum Biken, sondern zum Flirten.
FTD: Alle Online-Portale folgen gerade dem Multimedia-Diktat. Was machen die Lokalisten?
Degenhart: Wir laden lokale Bands ein, ihre Musik bei uns zu veröffentlichen. Videos sind auch geplant. Bald werden die Lokalisten auch übers Handy via GPRS chatten können. Google Maps für Lokalisten sind bereits online.
FTD: In Österreich und der Schweiz gibt es schon Lokalisten, funktioniert das Prinzip auch darüber hinaus?
Schauermann: Die Nachfrage nach einer australischen Homebase ist groß...
Degenhart: ...es gibt jetzt Anfragen aus Istanbul, die deutschsprachigen Türken dort wollen eine eigene Homebase. Inzwischen findet die Lokalisten-Idee auch in der Türkei Anklang.
  • FTD.de, 04.04.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland,
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