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Merken   Drucken   04.04.2007, 15:10 Schriftgröße: AAA

Recht: Der digitale Mandant

Preistafeln an der Eingangstür, apfelgrüne Wände, 34 Filialen in ganz Deutschland: Mit einem ungewöhnlichen Konzept irritiert der Kanzleiverbund Juraxx die Branche. Die Anwälte vernetzen sich deutschlandweit und versprechen so Beratung in jedem Fall – ob deutsches Pferderecht oder amerikanisches Familienrecht. von Katrin Schmiedekampf und Christine Zerwes

Eine Schaufensterfront in der Dortmunder Innenstadt: Hinter den Scheiben hängen grüne Bilder im Pop-Art-Stil. Sie zeigen Herren in Anzug und Krawatte. An der Ladentür klebt eine Preistafel. Darauf steht: Arbeitsrecht ab 25 Euro, Patientenverfügung ab 20 Euro, Bußgeldverfahren ab 20 Euro, darüber der Schriftzug "Juraxx".
"Die Leute wissen nicht, was es kostet, zum Anwalt zu gehen. Wir wollen ihnen Orientierung geben", sagt Jurist Eugen Boss. Zusammen mit dem Wirtschaftswissenschaftler Oliver Kupper gründete er im Jahr 2003 den Kanzleiverbund Juraxx. Heute gibt es bereits 34 Filialen in Deutschland.
Die apfelgrünen Büroräume befinden sich immer im Zentrum der großen Städte: in Hamburg am Ballindamm, in Köln in der Brückenstraße, am bayerischen Hof in München. Mandanten können sich beraten lassen, ohne vorher einen Termin auszumachen. Sie kommen herein, melden sich am Empfangstresen und sprechen mit dem Anwalt über ihr Problem, während sich ihre Kinder auf kleine apfelgrüne Stühle setzen und mit Bausteinen spielen.
Dem Mandanten die Angst nehmen
Boss und Kupper wollten vieles anders machen, als es in klassischen Kanzleien üblich ist. Darum entschieden sie sich gegen gedeckte Farben, gegen hölzerne Kanzleitüren mit Messingschild, gegen schwarze Ledersessel. Als sie anfingen, waren sie so etwas wie die "jungen Wilden" unter den Rechtsanwälten. Sie machten Werbung mit einem Che-Guevara-Poster auf dem "Recht geht auch anders" zu lesen war, druckten Anzeigen mit Victory-Fingern - angelehnt an die Pose von Josef Ackermann - und schrieben darunter die Zeile: "Mach dich von Acker, Mann."
Der Juraxx-Clou: An den Türen der Filialen hängen die Preise für ...   Der Juraxx-Clou: An den Türen der Filialen hängen die Preise für die Erstberatung.
Eine Woche nach der Eröffnung gab es die ersten Proteste. Einige Kollegen bezeichneten sie abfällig als "Aldi-Anwälte" - weil sie sich ärgerten, dass ihre Mandanten plötzlich Preise vergleichen konnten.
Den Satz "Recht geht auch anders" auf Werbeplakate zu drucken, wurde Boss und Kupper verboten. Schließlich geht Recht nie und nirgends in Deutschland anders, lautete die Begründung des Gerichts. Nun steht auf den Schildern von Juraxx und auf den apfelgrünen Firmen-Mini-Coopern "Anwalt geht auch anders".
Kritiker von Juraxx gibt es nach wie vor. Redakteure der Zeitschrift Finanztest ließen sich in sechs Filialen rechtlich beraten - und waren nur mit einer einzigen zufrieden. Häufig bekamen sie unvollständigen oder sogar falschen Rat, schreiben sie in der März-Ausgabe des Magazins. "Wir halten den Artikel für sehr bedenklich und würden gerne dazu Stellung nehmen, wenn die Redakteure von Finanztest uns eine Schweigepflichtsentbindung erteilen. Das haben sie bisher leider nicht getan", sagt Eugen Boss dazu.
Der Rechtsanwalt Robert Erdrich, der zum Vorstand des Deutschen Anwaltsvereins gehört (DAV) findet es zwar gut, dass die Kanzleikette den Mandanten die Angst nehmen will, zum Anwalt zu gehen. "Aber zu den Beträgen, die auf den Preisschildern ausgewiesen sind, kann man nicht fundiert und qualifiziert beraten", sagt der Fachanwalt für Arbeits- und Familienrecht. "Entweder ist die Beratung kurz, dann aber in der Regel nicht qualifiziert oder die beratenden Rechtsanwälte arbeiten nicht kostendeckend." Seiner Ansicht nach sind die Preise an den Kanzleitüren Lockangebote, mit denen die Mandanten in die Kanzlei gelotst werden sollen.
"Bei den Preisen handelt es sich nur um die Kosten für die Erstberatung", sagt Eugen Boss. Für die gesamte Bearbeitung werde ungefähr genauso viel verlangt, wie anderswo auch. "Der Unterschied ist, dass unsere Mandanten wissen, was sie erwartet", sagt er, "sie bekommen nicht plötzlich eine Rechnung über ein paar tausend Euro und fallen aus allen Wolken." Die Kritik der Kollegen wundert den Geschäftsleiter nicht. Schließlich sei Juraxx eine große Konkurrenz für die traditionellen Kanzleien.
Partner zahlen 50.000 Euro Starteinlage
Rechtsberatung soll transparent und modern sein - mit dieser Idee wollten Boss und Kupper im Jahr 2002 Investoren finden. "Ich glaubte schon damals, dass unser Berufsbild sich verändern wird, weil bereits zu dieser Zeit immer mehr Anwälte auf den Markt stürmten", sagt Boss. Doch zunächst ließen die Banken sich nicht von dem neuen Konzept überzeugen. Als die beiden sich schon von ihrer Geschäftsidee verabschieden wollten, bewilligte die Kfw Bankengruppe einen Kredit. Boss und Kupper eröffneten eine erste Filiale ihrer Kanzlei in Dortmund. Sie entschieden: Jeder Jurist, der Partner von Juraxx werden will, soll 50.000 Euro Starteinlage beisteuern. Das gilt bis heute.
Juraxx-Anwalt der ersten Stunde: Björn Schillberg   Juraxx-Anwalt der ersten Stunde: Björn Schillberg
Den beiden Dortmunder Rechtsanwälte Björn Schillberg und Volker Brandlmeier gefiel das Konzept sofort. Sie gehörten zu den ersten, die Geld einzahlten. "Bei Juraxx kann ich einfach nur Anwalt sein. Ich bin selbstständig, muss mich aber nicht um die lästige Organisation kümmern", sagt Björn Schillberg. Büroräume, Design, Werbung - darum kümmern sich die Leute von der Zentrale, die ebenfalls in Dortmund sitzt. Sie übernehmen auch die Buchhaltung für alle 34 Filialen, schreiben Rechnungen und leiten Zwangsvollstreckungen ein. Die Zentrale ist der Prototyp einer Juraxx-Filiale: viel Glas, helles Holz, apfelgrüne Wände - sogar das Gemälde im Konferenzraum und die Blumenvase sind in Juraxx-grün gehalten.
Heute arbeiten 140 Anwälte für Juraxx. In einem unglaublichen Tempo stampften die Gründer Boss und Kupper eine Filiale nach der anderen aus dem Boden, oft getrieben von der Angst, andere könnten auf die gleiche Idee kommen. Doch das war nicht der Hauptgrund für die vielen Neueröffnungen. Vor allem ging es darum, ein Juristennetz zu spannen. "Bis dahin gab es nur Großkanzleien, die sich ausschließlich reiche Leute leisten können und kleine Einzelanwälte, die auch Fälle annehmen, von denen sie überhaupt keine Ahnung haben", sagt Boss.
Arbeitsteilung bei allen Fällen
Juraxx will allen Mandanten eine Fachberatung ermöglichen. Es gilt das Vier-Augen-Prinzip: Immer zwei Anwälte beurteilen einen Fall. Bei speziellen Fragen wird ein Fachanwalt eingeschaltet. In der Praxis läuft das so: Bittet jemand in der Münchener Filiale um Tipps beim Pferdekauf, wendet sich der dortige Anwalt an den Juraxx-Pferderechtsspezialisten in Osnabrück. Dieser kann mitarbeiten - denn von jedem Fall wird eine Passwort geschützte digitale Akte angelegt, auf die die Anwälte in allen 34 Filialen zugreifen können. Bald sollen auch die Mandanten selbst den aktuellen Stand ihrer Akte im Internet sehen dürfen. Der jeweils spezialisierte Anwalt wird mit einem Prozentsatz am Honorar beteiligt. Die Höhe hängt von seinem Arbeitsaufwand ab. "Wenn mir ein Kollege eine Frage stellt, die ich schnell beantworten kann, lasse ich mich dafür nicht bezahlen", sagt der Schillberg, Fachanwalt für Arbeitsrecht. Denn früher oder später lasse auch er sich helfen. "Dann gleicht sich das schnell wieder aus."
Eugen Boss, Mitgründer und Geschäftsleiter von Juraxx   Eugen Boss, Mitgründer und Geschäftsleiter von Juraxx
Wie die Zusammenarbeit abläuft, machen die Anwälte unter sich aus. Kupper und Boss mischen sich nicht ein. Neue Partner werden vor allem danach ausgewählt, ob sie in das Team der jeweiligen Filiale passen. Einzelkämpfer darf ein Juraxx-Anwalt nicht sein. "Wir achten außerdem darauf, dass an jedem Standort die wichtigsten Rechtsgebiete abgedeckt werden", sagt Boss. Dies sind Arbeitsrecht, Verkehrsrecht, Strafrecht, Mietrecht, Familienrecht. Eine Kern-Kompetenz müsse vor Ort vorhanden sein - auch wenn sich jeder Anwalt von den anderen helfen lassen könne.
Unterstützen können die Juristen einander nicht nur über Telefon und E-Mails, sondern auch über Foren im Intranet. In der Dortmunder Kanzlei sitzt Björn Schillberg an seinem Schreibtisch, über dem sein eigenes, grünes Konterfei hängt und klickt sich regelmäßig durch die Einträge - sieht nach, ob er helfen kann oder stellt selbst Fragen.
Ungelöste Fälle zum Knobeln
Neben diesem Hauptforum gibt es noch eine zweite Plattform, auf der sich die Kollegen austauschen können. Hier, im "Forum der ungelösten Fälle", können Juraxxler Fleißpunkte sammeln. Dort stranden komplizierte Rechtsfragen, auf die die Anwälte bisher auch gemeinsam keine Antwort gefunden haben. Sie werden zum Knobeln freigegeben. "Der Anreiz, die Fälle zu bearbeiten, ist der eigene Lerneffekt", ergänzt Schillbergs Kollege Brandlmeier. Wer die Lösung finde, trage auch zum guten Ruf von Juraxx bei. Außerdem wird demjenigen vielleicht beim nächsten großen Juraxx-Treffen von den Kollegen auf die Schulter geklopft. Das findet einmal im Jahr statt und soll dazu beitragen, dass die Anwälte nicht nur die Telefonstimme ihrer Kollegen kennen - sondern auch Gesichter zuordnen können.
Volker-I. Brandlmeier vor seinem Bild im Schaufenster der ...   Volker-I. Brandlmeier vor seinem Bild im Schaufenster der Juraxx-Filiale in Dortmund
Wenn alles so läuft, wie Eugen Boss und Oliver Kupper sich das vorstellen, werden sich Juristen und Mandanten allerdings bald auch per Video-Konferenz sehen - "weil es wichtig ist, nicht nur die Stimme des zugeschalteten Fachmanns zu hören, sondern auch dessen Mimik und Gestik mitzubekommen", sagt Kupper.
Die beiden Gründer haben noch größere Pläne: Juraxx soll es bald im Ausland geben. In der Türkei wollen sie ein Verbindungsbüro eröffnen; der Bedarf an spezialisierter Rechtsberatung ist dort groß, da immer mehr deutsche Unternehmer in den türkischen Markt drängen. In der Schweiz plant Boss sogar einen eigenen Juraxx-Standort. Er ist sicher, dass das Konzept dort gut laufen wird. "Mit jedem Schritt Richtung Süden wird es besser aufgenommen. Die Leute sind dort einfach offener für Neues."
  • FTD.de, 04.04.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland,
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