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Merken   Drucken   02.07.2004, 07:00 Schriftgröße: AAA

Auf die harte Tour  

Eine Oldtimer-Rallye durch Irland ist ein Härtetest für Mensch und Maschine. Dabei zählt nicht einmal die Geschwindigkeit. Zu den Siegern gehört schon, wer heil ins Ziel kommt. von Guido Reinking
Für John Brown steht fest: Wales ist okay, Schottland auch. Aber Irland, das ist "God’s own rallye country". "Nirgendwo gibt es bessere Straßen für eine Rallye." "Besser" heißt hier: Schotter, Hügel, welliger Asphalt, enge Serpentinen zwischen schroffen Felswänden - nicht selten alles auf einmal.
Es ist historisches Pflaster: Vor mehr als 100 Jahren startete hier der Gordon Bennett Cup, das erste Autorennen auf britischem Boden, der Irland 1903 noch war. Auf solchen Wegen findet der Hero Irish Trial statt, eine Rallye für historische Fahrzeuge. Organisiert wird sie von Hero, der vor neun Jahren gegründeten Organisation zur Ausrichtung historischen Motorsports, deren Gründer und Präsident John ist. Eine Woche lang gilt es, Tag für Tag bis zu 250 Meilen (400 Kilometer) unter die schmalen Räder zu nehmen.
Eine Tortur für Mensch und Maschine. Vor allem, wenn es sich bei der Maschine um einen 80 Jahre alten Bentley 4,5-Liter handelt und bei den Menschen um John Abel und Stephen Bradley. "Das Verdeck haben wir zu Hause gelassen. Zu schwer", sagt John. Pech, dass es in den ersten drei Tagen praktisch ununterbrochen regnet. Doch John und Stephen lassen sich vom Wetter kaum beeindrucken. Nur zweimal stoppen sie, weil es hagelt. "Die Eiskörner waren während der Fahrt dann doch zu schmerzhaft."
Die Rallye ist nicht ohne Risiko: Hier wird zwar nicht auf Tempo gefahren, schließlich findet ein Großteil der Tour auf öffentlichen Straßen statt. Doch gilt es, die geforderten Durchschnittsgeschwindigkeiten während der "Regularities" auf die Sekunde genau einzuhalten. Für jede Sekunde, die man zu spät oder zu früh an einer Zeitkontrolle ankommt, gibt’s schließlich einen Strafpunkt.
Da vergisst mancher Fahrer auf den nassen, oft rutschigen Straßen schon mal die Gesetze der Physik. Das müssen Graham Whitaker und Bill Currie schmerzhaft erfahren, als sie mit ihrem untersteuernden Wolseley Hornet von 1935 gegen eine Felswand rutschen. Mit gebrochener Vorderachse muss der zuvor wunderschön restaurierte Rennwagen in bemitleidenswertem Zustand die Heimreise antreten.
John und Stephen haben mehr Glück: Eine gelockerte Antriebswelle kann mit Bordmitteln wieder befestigt werden. Am Ende braucht der Bentley nur vier neue Reifen: Stückpreis 200 £. "Das ist nach jeder Rallye so", sagt John, der im richtigen Leben Modeschmuck aus China importiert.
Ihre ärgsten Konkurrenten in der Vorkriegsklasse, das deutsche Team Ulf und Christian Jacoby haben weniger Glück: Der wunderschöne, flache Invicta S-Type "Low Chassis" mit einem ebenfalls von WO Bentley entwickelten 4,5-Liter Motor hat am vorletzten Tag plötzlich keinen Öldruck mehr. Auch die Jacobys haben sich ohne Verdeck durch Regen und Hagel, über Pässe und Serpentinen gequält. Umsonst: An 15. Stelle liegend müssen sie passen.
Ein Wunder, dass sie überhaupt so weit gekommen sind: Denn John Brown hat sich wieder die eine oder andere Gemeinheit ausgedacht, um die Spreu vom Weizen - oder besser - die Männer von den Jungs zu trennen. John ist in der Rallye-Szene ein Begriff: In den 60er und 70er Jahren hat er noch selbst aktiv am Rallye-Sport teilgenommen. Meist als Beifahrer, was keine Schande ist: "Eine Rallye wird vom Navigator gewonnen, nicht vom Fahrer", weiß John.
Und vom Auto: Um zu siegen, muss man vor allem heil ankommen. Doch schwächer motorisierte Autos wie unser MG ZB Magnette von 1958 müssen in engen Bergaufpassagen schon mal krachend in den ersten Gang zurückgeschaltet werden. "Hättest du gedacht, dass dein altes Auto noch solche Dinge kann", fragt David Baird rhetorisch. Eigentlich ja. Ich hätte allerdings nicht gedacht, dass ich meinem Auto so etwas antun würde. Bei einer Flussdurchfahrt reißt die Ölwanne auf. Das Service-Team im Rallye-Tross flickt sie mit Spezialkleber.
Hans-Dieter und Kornelia Krönung ergeht es besser. Sie fahren einen grün-metallic-farbenes, top restauriertes Aston Martin DB2 Team Car. "Von oben sieht er doch noch ganz gut aus", meint Dieter Krönung, als er am Ende der Rallye in Belfast den Preis "Best German Crew" entgegennehmen kann. Doch unter dem Blech hat der Aston arg gelitten: Der Auspuff sieht aus, als ob ein Panzer drübergerollt ist, und die Heckstoßstange ist bei einigen der ärgsten Bodenwellen aufgesetzt und hat sich in die Karosserie gefressen. "Solche Autos sind zum Fahren da", sagen die Krönungs. Und zum Schrauben.
Denn das ist bei fast allen nötig, die es bis zum Ziel geschafft haben. Bei den anderen sowieso. So bei Hanns Werner Wirth and Ursula Schmitt: Ihr Jaguar MK IX wird während einer Gleichmäßigkeitssektion von einem irischen Auto gerammt, das Vorfahrt hatte. Doch an der Kreuzung stand ein Polizist, der die Rallye-Autos eigentlich durchwinken sollte.
Für Alistair Caldwell kann auch eine Oldtimer-Rallye gar nicht hart genug sein. Ehemals Chef des McLaren-Teams in der Formel 1 und heute im Ruhestand, gehört er zu den ganz Harten bei Hero: "Die Rallyes werden immer langweiliger. Bei Le Jog sieht man jetzt sogar ein Bett." Diese Rallye quer durch die britische Insel, die wohl berühmteste und schwerste Hero-Veranstaltung, wurde früher nonstop gefahren.
Früher war alles besser, meint Alistair. "Da mussten wir zu John Browns Korsika Rallye neue Reifen mitbringen. Denn drei Tage später schimmerte schon die Karkasse durch." Dagegen sei Irland doch harmlos.
  • FTD.de, 02.07.2004
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