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Merken   Drucken   06.01.2005, 18:12 Schriftgröße: AAA

Der Preis ist Eis  

Der Schweizer Alpenort St. Moritz ist im Winter das liebste Domizil der Superreichen, die sich dort in VIP-Zelten fläzen und Pferderennen gucken. Im Dorf kennt man eigentlich nur ein Problem: den Sommer. von Peter Linden
Im Winter ist St. Moritz die sechstgrößte Stadt der Schweiz. Im Sommer schrumpft es zu einem ganz normalen DorfWenn es eng wird für die Eiderenten, beginnt der Wandel des Bergdorfs St. Moritz zur sechstgrößten Stadt der Schweiz. Längst haben die Lärchen an den Hängen ihre gelben und rotbraunen Nadeln abgeworfen, und die 3000 Meter hohen Gipfel erstrahlen im ersten Schnee, da beginnt endlich die Oberfläche des Lej da San Murezzan zu erstarren. Er gefriert zuerst in den kühlen Buchten am Waldrand, der St. Moritzer See, doch dann, am Ende einer sternenklaren Dezembernacht, liegt plötzlich ein spiegelklarer Film über dem Wasser. Und nur noch dort, wo der junge Inn in den See mündet, tummeln sich ein paar Eiderenten, letztes Schnattern vor dem Abflug ins Tiefland.
Vermutlich wäre St. Moritz niemals zu jenem weltberühmten, mondänen Skiort geworden, würde die Natur nicht Winter für Winter den Bewohnern einen guten zusätzlichen Quadratkilometer schenken. Eine weite, ebene Fläche am Fuße all der in den Hang geschmiegten Luxushotels.
Ein paar Tage dauert es, ehe aus dem spiegelklaren Film eine solide Eisschicht geworden ist. Dann endlich, kurz vor Weihnachten, gibt die Gemeinde das Eis frei. Bald wird es schneien, und dann gleißt da plötzlich die weiße Fläche, und niemand denkt mehr an das 44 Meter tiefe, kaltschwarze Wasser, das darunter im winterlichen Schlaf liegt.
Alle paar Jahre kommt es vor, dass in den Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr ein reicher Mensch aus Amerika oder Saudi-Arabien bei örtlichen Immobilienhändlern nachfragt, was denn ein Grundstück auf der weißen Ebene koste. Doch weil die Schweizer seriöse Geschäftsleute sind, nutzen sie die Gutgläubigkeit nicht aus. "Schade eigentlich", sagt Kurdirektor Hanspeter Danuser, "wir hätten die Eisfläche sicherlich schon Dutzende Male verkaufen können."
Der 57-Jährige ist seit 18 Jahren Kurdirektor von St. Moritz. Und mehr oder weniger der heimliche Chef des Örtchens, das mit seinen 5500 Einwohnern durch das Jahr schlummert, aber sich in der kurzen Wintersaison zur Großstadt aufbläht - mit fast 100.000 Einwohnern. Ein Paradies sei das für einen Kurdirektor, schwärmt Danuser. Es brumme! Ja, mehr als das: Der Motor laufe heiß!
Zuweilen wird der Abgesang auf den Gipfel der Noblesse gesungen. Wo die ganz großen Besucher denn geblieben seien, fragte bang ein Hochglanzmagazin und verwies auf leere Luxussuiten. Die Schweizer Boulevardzeitung "Blick" veröffentliche sogar eine hämische Beilage, in der sie den Slogan der Nobeldestination, "Top of the World", verulkte. Titel "Flop of the World".
Doch sobald der See ruht, ist von Krise nichts zu sehen. Dann geht auf der Eisfläche das Gesellschaftstheater los. Ab Neujahr stehen für mehr als 650 VIP-Gäste Partyzelte im Stil arabischer Wüstendomizile bereit. Davor hat man Kunstpalmen ins Eis gebohrt, um das rechte Ambiente zu schaffen.
An drei Sonntagen im Februar wird hier der berühmte White Turf ausgetragen: Pferderennen auf Eis und Schnee. Das war 1907 nur eine der vielen ausgefallenen Ideen der St. Moritzer Legendenschmiede - inzwischen schaut alle Welt zu, wenn es um den Grand Prix Credit Suisse, den Grand Prix Winterthur Versicherungen oder den Grand Prix BMW geht. Was Rang und Namen hat, versammelt sich in den VIP-Zelten, wer immer seine Produkte der illustren Gesellschaft anbieten möchte, firmiert beim White Turf als Sponsor. Im Laufe der Jahre haben die St. Moritzer praktisch alle High-Society-Vergnügungen auf Eis gelegt. So erfanden sie Ende der 70er Jahre Golf auf Eis, in den 80ern kamen Eispolo und Eiscricket hinzu. Seit sieben Jahren werden sogar Konzerte und Opern auf der gefrorenen Fläche aufgeführt.
Vieles davon geht auf Hanspeter Danuser zurück. Den ehemaligen Nestlé-Manager, der 1986 gleich nach seinem Amtsantritt etwas bis dahin Unerhörtes unternahm: Er ließ die Ortsmarke St. Moritz samt Sonnenlogo und Schriftzug patentieren. Seither vergibt der Kurverein Lizenzen an Champagnerproduzenten oder Uhrenfabrikanten, wenn diese eine spezielle Edition mit dem Ortsnamen auf den Markt bringen wollen. Er prozessiert aber auch gegen den Missbrauch, wie im Falle einer australischen Zigarettenfirma, die ihre Glimmstängel unbedingt "St. Moritz" taufen musste. "Stellen Sie sich das vor", sagt Danuser, "wir hier oben mit unserer sauberen Luft, dem Klima, dem Sport, der Jugend. Und dann kommen die mit ihrem Rauch und Krebs und Tod!" Der Name des Kurorts auf den Zigarettenschachteln verschwand.
Die Legende, die Danuser nimmermüde vermarktet, nimmt ihren Anfang in vorchristlicher Zeit mit einer Fassung der örtlichen Heilquelle. Im Mittelalter nennt der Arzt Theophrastus Paracelsus sie "eine der wirksamsten Quellen Europas" - der Start einer Epoche der gehobenen Sommerfrische. Bis1864 der Hotelier Johannes Badrutt auf die Idee kommt, vier durchgeknallte Engländer zu einer Wette herauszufordern: Sie sollten doch auch einmal im Winter ins erstarrte St. Moritz reisen. Falls ihnen der Aufenthalt nicht gefiele, bräuchten sie nicht zu bezahlen. Der Aufenthalt gefällt.
Seitdem kommt das Alpendorf nicht mehr zur Ruhe: 1872 wird der "Curverein Oberengadin" gegründet, wenige Jahre später flackert im Hotel Kulm das erste elektrische Licht der Schweiz, 1885 wird der Tobogganing Club gegründet - die Geburtsstunde des Bobsports. Schon 1896 fährt in St. Moritz die erste elektrische Straßenbahn der Schweiz, 1924 finden hier, wo sonst, die ersten Olympischen Winterspiele überhaupt statt.
In diesen Gründerjahren versammeln sich in St. Moritz Aristokraten und Industrielle, Politiker und Künstler, "die großen Hotels wetteiferten um die Prominenz, um Maharadschas, Fürsten und Großfürsten, in deren Begleitung oft junge ,Künstlerinnen‘ waren" - so steht es in der Ortschronik. Namen werden geheim gehalten, doch dann tauchen doch immer wieder welche auf. Darunter sind Fritz von Opel, Henry Ford, Donald Douglas, Gianni Agnelli und Arthur Guinness.
Die Superreichen sind auch heute nicht verschwunden, sie leben inzwischen nur lieber zurückgezogen in privaten Residenzen als in Hotels. Soeben hat sich ein indischer Unternehmer den Umbau einer ehemaligen Luxusherberge in eine Villa 28 Mio. Euro kosten lassen. Etwas bescheidener wohnen Medienkaiser wie Hubert Burda oder Versandhausköniginnen wie Madeleine Schickedanz. Kein Wunder, dass die Quadratmeterpreise für Bauland mittlerweile zwischen 15.000 und 20.000 Euro pendeln. Exzentrische Kurgäste wollten sogar die Gipfel des Piz da Staz und des Piz Rosatsch erwerben, auf die man von den teuren Suiten der Hotels Kulm und Palace aus blickt. Jeder, der auf sich hält im Städtedreieck München-Zürich-Mailand, und jeder, der seine schweren Geldkoffer gerne aus der Ölregion, aus Russland, aus Indien oder aus der Türkei in Sicherheit bringen möchte, liebäugelt irgendwann mit einem Domizil im Oberengadin. Und das nicht nur wegen der reinen Luft auf 1800 Metern Höhe und der angeblich 300 Sonnentage pro Jahr. Nein, der Boom habe gewiss auch mit dem Bedürfnis nach Sicherheit zu tun, gibt Kurdirektor Danuser zu: "Das Tal ist mit einigen Streifenwagen dicht zu machen, wir haben praktisch keine Kriminalität." St. Moritz, das sei "die letzte Festung des Westens".
Mittlerweile gibt es so viel privaten Wohungraum, dass es selbst dem Kurdirektor unheimlich wird: Die 60 Prozent Zweitwohnungen, die das Jahr über leer stünden, das sei einfach zu viel, brummt Danuser. Und auch, dass die normalen Einheimischen ein paar Wochen im Jahr "auf engem Raum mit den Allerreichsten zusammenleben", sei nicht immer einfach. Gelegentlich habe es Ärger mit Pelzgegnern gegeben, räumt er ein, doch dann blenden ihn schon wieder die Zahlen und die Namen: "Die Leute verdienen gut, und sie wissen, dass sie wegen des Tourismus gut verdienen."
Wenn sie denn gut verdienen. Ein weiteres Gespenst grinst vom See hinauf ins Dorf, in dem nur noch zwei Bauern, aber 250 Bankangestellte arbeiten: Das drohende Ende des Casinos. Gerade erst hat die Schweizer Wirtschaftszeitung "Cash" dessen Schließung für Ende 2005 prognostiziert, sollte die Jahresbilanz dann erneut einen Verlust ausweisen. Wer in diesen Wintertagen an den sechs Spieltischen und 75 Automaten Platz nimmt und erlebt, wie einzelne Gäste an einem Abend 25.000 Euro verzocken, mag gar nicht glauben, dass St. Moritz, das Ziel des internationalen Jetsets, im April zurückschrumpfen wird auf die Dimensionen eines Bergdorfs. Mit leer stehenden Hotels zwischen schmucken Engadinerhäusern. Mit traumhaften Gipfeln und einem glasklaren Bergsee, auf dem sich ab April wieder die Eiderenten tummeln.
  • FTD, 06.01.2005
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