FTD.de » Edition Weekend » Die Wüste lebt

Merken   Drucken   05.05.2005, 18:32 Schriftgröße: AAA

Die Wüste lebt  

In der amerikanischsten aller Städte ist jede Straße eine Bühne, und das Neonlicht geht nie aus. Las Vegas wird Hundert. Zeit für eine Hommage. von Helge Sobik
Diese Stadt ist die größte Bühne der Welt, ihre Boulevards sind Laufstege, ihre Helden internationale Stars. Sie glitzert, schillert, strahlt, ist grell geschminkt und der Inbegriff des amerikanischen "Nichts ist Unmöglich"-Gedankens. Und sie feiert dieses Jahr Geburtstag. Den hundertsten. Dafür hat sich gut gehalten. Ihr Name: Las Vegas.
Ein paar Bretterbuden, einige Saloons, jede Woche eine Postkutsche. Kaum ein Menschenleben ist es her, da war diese Stadt ein Nichts. Ein Kaff. Ein Wildwestnest, dessen beste Eigenschaft darin bestand, dass man schnell wieder weg war. Die erste Postkutsche hielt erst gar nicht an. Der Kutscher hatte den Haufen Sperrholz nicht als Siedlung erkannt.
Heute ist aus dem gottverlassenen Nest in der Wüste von Nevada ein einziger gigantischer, in allen erdenklichen Neonfarben blinkender Glitzerpalast geworden. Las Vegas ist die Stadt der fliegenden Zauberer, der weltweit wichtigste Absatzmarkt für Rouletttische und Spielautomaten, die Stadt mit dem größten Pro-Kopf-Stromverbrauch der USA.
Sie hat viel erlebt in ihrem ersten Jahrhundert, war die Bühne Frank Sinatras, die Arena von Sammy Davis jr., die verlängerte Theke von Dean Martin. Sie hat Stars geboren und war dankbar, wenn sie noch größer wieder zurück kamen, nachdem Hollywood ihr bewegtes Bild in die Welt getragen hatte. Sinatra hat die Wurzeln seines Starruhms nie vergessen. Regelmäßig kehrte er zurück, stellte sich auf seine Bühne, nahm ein Mikrofon - und sang, sang, sang, dass der Jubel keine Ende nahm.
Legenden werden zu Geschichte, vergessen aber wird diese Stadt nicht. Nicht, wer sie in die Schlagzeilen gebracht, nicht, wer nach draußen ihr Image verkörpert hat. Las Vegas braucht solche Stars. Siegfried und Roy etwa, der Inbegriff der Entertainmentshows der Spielerstadt - bis Tiger Montecore zupackte. "Die Bühne ist unser Sandkasten", hat der deutschstämmige Roy Uwe Horn aus Nordenham einmal gesagt. "Da kann ich spielen, jung bleiben und alles mit dem Publikum teilen. Das Staunen. Die Freude. Die Bühne muss deine Geliebte sein. Sonst kannst du so etwas nicht machen." Sein Motto: "Wenn du Papst werden willst, dann geh nach Rom. Willst du Entertainer werden, dann komm nach Las Vegas!"
Am Anfang war es die Ostküsten-Mafia, die hier ihre Chance nutzte. Die Bosse aus New York und Chicago kauften Hotel um Hotel auf, investierten in immer neue Projekte und wuschen vermutlich Abermilliarden an den Spieltischen - legal. Früher schämte sich Las Vegas dieser Vergangenheit, heute scheint die Stadt stolz darauf zu sein. Dem Image einer grellen, alten Lady kann es nicht schaden, in der Jugend auch mal Gangsterbraut gewesen zu sein.
Heute sind es börsennotierte Konzerne, die in Las Vegas das Geld scheffeln. Ihre Moguln heißen Steve Wynn, Kirk Kerkorian und Gary Loveman. Die Casinos sind rund um die Uhr geöffnet, 365 Tage im Jahr. Um keinen Spieler zu enttäuschen. Und um keinen Cent Profit zu verpassen.
In Las Vegas lebt die Wüste nicht nur, sie blinkt, scheppert und lässt es nie Nacht werden. Der Alltag ist durchchoreographiert, das Leben ist eine Show und Langeweile ein Fremdwort.
Die erste Skepsis ist schnell über Bord geworfen: Klar, es gibt keine amerikanischere Stadt als diese. Aber muss das ein Makel sein? Teuer kann Las Vegas nur für die werden, die tatsächlich der Spielleidenschaft verfallen. Zimmer dagegen sind im Landesvergleich spottbillig, sind nur der subventionierte Köder, um die Gäste ins Haus zu locken. Denn jedes Hotel ist gleichzeitig Casino. Der Weg zur Rezeption oder zum Zimmer führt immer erst vorbei an Bataillonen Einarmiger Banditen. Sie sind die Angel und der Haken zugleich: Mit 25 Cent fängt der Spielspaß an, bei speziellen 1000-$-Chips pro Ruck am Banditenarm hört er auf. Ganz nach Wahl und Größe des Portemonnaies.
Bugsy Siegel, Ganove und gleichzeitig einer der Begründer der Spielerstadt, würde "sein" Las Vegas heute nicht mehr wiedererkennen. Die einst so verruchte Stadt macht auf "clean" und hat sich vom Sündenbabel aus Glücksspiel und Prostitution zum amerikanischen Familienferienziel fürs Wochenende, zu einem Höhepunkt der USA-Reise ausländischer Urlauber gemausert - mit großen Broadway-Shows statt schlüpfrigem Topless-Bühnenprogramm, mit allabendlichen Céline-Dion-Konzerten und Cirque-de-Soleil-Inszenierungen, mit zersägten Jungfrauen und fliegenden Zauberern, mit Spontanhochzeit im Heißluftballon oder Looping-Achterbahnfahrt entlang der Hotelfassade. Nichts ist so abgedreht, dass es sich hier nicht irgendwie realisieren ließe.
Keine Stadt der Welt ist so bemüht, jedem Vorurteil gerecht zu werden, jeden Wunsch zu erfüllen, sofern er sich in Dollar ausdrücken lässt und irgendwie rechnet. Keine andere Stadt ist so willig darin, jede Hoffnung zu nähren. Keine bietet so konsequent Lebensfreude - verpackt als Mega-Show oder Dinner-Entertainment, als Hummerbuffet zum Taschengeldtarif oder originell inszeniertes Glücksspiel, als Shoppingspektakel oder Sportgroßereignis. Keine ist so sehr Kulisse, ist Pappmaché für jeden Wunschtraum.
Ausgerechnet eine Tankstelle am Las Vegas Boulevard persifliert auf einer von Lichtgirlanden umrankten Riesentafel das hintergrundbeleuchtete Größerschnellerweiter. "Free Aspirin! Come in" strahlt dort in meterhohen Leuchtlettern. Ein verlockendes Angebot.
  • Aus der FTD vom 06.05.2005
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