1974 war ein guter Jahrgang: Die schwedische Popgruppe Abba gewann mit "Waterloo" den Grand Prix de la Chanson, der Liter Normalbenzin kostete trotz erster Ölkrise nur 83 Pfennige, Deutschland war im Fußball noch stark und wurde Weltmeister. Und in Wolfsburg, nahe der innerdeutschen Grenze, machte sich ein künftiger Weltmeister startklar: Am 29. März 1974 lief der erste VW Golf vom Band. Mit der 30-Jahre-Grenze haben die ersten Exemplare des kantigen Kompaktwagens heute den Oldtimerstatus erreicht.
Nicht nur der Golf ist in die Jahre gekommen. Über die Schwelle zum Sammlerstück fahren in diesem Jahr auch der erste 5er BMW, der Ford Capri II sowie der Alfa Romeo Alfasud. Die Kultkarosse Opel Manta feierte bereits 2000 ihr 30-jähriges.
30 Jahre muss ein Auto alt sein, um in den Genuss eines H-Kennzeichens zu kommen und damit amtlich als Oldtimer zu gelten. Das "H" am Ende der Autonummer weist den Wagen als "historisch" aus. Das heißt: Statt nach Hubraum besteuert zu werden, was bei großvolumigen Limousinen oder Sportwagen schnell mehr als 1000 Euro im Jahr kosten kann, zahlt der Halter eines Oldies nur eine kleine Pauschale von 191,73 Euro im Jahr.
"Der Golf als Oldtimer, daran muss sich die Oldtimerszene erst noch gewöhnen", sagt Frank Wilke von Classic Data in Castrop-Rauxel. Die Sachverständigenorganisation hat sich auf die Bewertung von Oldtimern spezialisiert. Für den Golf der ersten Serie hat sie ein durchaus stabiles Preisniveau festgestellt: "Im Zustand 1, der jedoch sehr selten ist, kostet ein 75-PS-Golf bis Baujahr 1977 nach unserer Beobachtung rund 4000 Euro." Doch Zustand 1 bedeutet: Das Auto muss in absolut neuwertigem Zustand sein. "So etwas ist außerhalb des VW-Museums kaum zu finden", sagt Wilke. Im immer noch guten Zustand 2 bringt ein Golf I noch 2300 Euro, im Zustand 3 (nur geringe Mängel) sind es 800 Euro. Solche Bewertungen gibt es bei
www.oldtimer-info.de im Internet.
Eine wirklich seltene Spezies sind die 30-Jährigen: So registrierte das Kraftfahrtbundesamt Ende März dieses Jahres 244.000 angemeldete Fahrzeuge, die 30 Jahre und älter sind. Zum Jahrgang der 30-Jährigen gehören 23.000 Autos. Doch nur die wenigsten davon eignen sich für Sammlerhände: "Autos in möglichst originalgetreuem Zustand sollten bevorzugt werden", sagt Classic-Data-Mann Wilke. Das heißt: in Rentnerhand liebevoll gepflegt, wenig gelaufen, am besten viele Jahre im Trockenen gelagert. Doch selbst dann braucht ein solcher Wagen liebevolle Zuwendung: Tür- und Fenstergummis sind hart und undicht, Bremsschläuche porös, Scheinwerfer blind, Motoren und Getriebe verschlissen.
Eine echte Wertanlage sind die Autos der "Generation Golf" aber nur in seltenen Fällen: "Wer einen gut erhaltenen Golf I, Capri II oder Manta I kauft, verliert zwar kein Geld mehr. Eine Wertsteigerung ist jedoch ebenfalls kaum zu erwarten. Schon gar nicht, werden Wartung, Garagenmiete und Reparaturen gegengerechnet", so Wilke.
Dennoch ist es durchaus günstig, einen Oldtimer zu fahren: So haben die Versicherungen erkannt, dass Fahrer alter Schätzchen zumeist keine Raser sind, ohnehin nur bei schönem Wetter ausreiten und dann noch große Vorsicht walten lassen. Folge: Die Versicherungstarife für Oldies liegen deutlich unter denen für Alltagsautos. Und dieser Rabatt beginnt oft schon mit 20 oder 25 Jahren.
Mittlerweile versüßt einem sogar auch Vater Staat das Oldtimer-Dasein: Neben dem Budget schonenden H-Kennzeichen gibt es das rote 07er-Kennzeichen. Damit dürfen mehrere Oldtimer gefahren werden (Wechselkennzeichen). Es sind jedoch nur Fahrten zu und während Oldtimer-Veranstaltungen sowie Probe- und Werkstattfahrten gestattet.
Das Gros der teuren Sammlerautos ist deutlich älter als 30 Jahre: Zu diesen Klassikern gehören der Porsche 356, Mercedes 300 SL oder Jaguar XK 120. Leider sind solche Pretiosen kaum mehr unter 50.000 Euro zu bekommen. Der Mercedes kommt sogar leicht auf 250.000 Euro.
Günstiger und mit kaum weniger Spaß zu fahren sind die knackigen Roadster britischer Provenienz oder die sportlichen Limousinen und Cabrios von Alfa Romeo und Lancia aus Italien. Solche Alltags-Klassiker sind schon zum Preis eines neuen VW Polo zu haben. Mit dem Vorteil, dass der Polo jedes Jahr an Wert verliert - nach ADAC-Berechnung durchschnittlich 2000 Euro pro Jahr. Ein gepflegter Klassiker hingegen ist zumindest wertstabil. Eben ein Evergreen wie "Waterloo".