Neuerdings tragen einige Baden-Badener Hoteljungen zwei gekreuzte Golfschläger am Revers. Mit dem Sport-Abzeichen geben sie sich Golf-begeisterten Kurgästen als Sachkundige zu erkennen. Gern geben sie Auskunft darüber, wo man am besten lange Schläge übt, welcher Platz landschaftlich reizvoll ist und wie man schnell von der Birkenhofer zur Plobsheimer Anlage kommt.
Das Sport-Abzeichen ist die neuste Idee von Marketingfrau Brigitte Goerz-Meissner. "Baden-Baden war sich bisher nur zu fein, seine Vorzüge anzupreisen", sagt sie. Damit soll nun Schluss sein. Seit die Kurverwaltung 1994 privatisiert wurde und "Baden-Baden Marketing GmbH" heißt, sind die Bemühungen um mehr Gäste von Jahr zu Jahr kreativer geworden. Nicht nur mit Golf, auch mit Tennisplätzen, Pferderennen und Kultur prahlt Baden-Baden neuerdings lauter. Am angestaubten Image der Stadt hat das freilich noch nichts geändert.
Zwar will Goerz-Meissner nichts mehr vom "Altersheim Deutschlands" hören. "Immerhin sind zwei von drei Bewohnern der Innenstadt unter 65." Und außerdem gebe es inzwischen eine H&M-Boutique in der Fußgängerzone. Klar ist aber auch: "Die Stadt braucht eine ausgewogene Mischung von alt und jung." Will heißen: Es müssen endlich mehr Leute um die 30 kommen. Noch jüngere Gäste, Teenager gar, wären als Nahziel wohl zu vermessen.
Denn H&M hin oder her - noch immer fahren die Jugendlichen zum Shoppen lieber nach Karlsruhe. Der große Nachbarort erscheint ihnen schon deshalb attraktiver, weil es in der Baden-Badener Innenstadt keine einzige Kneipe gibt, in der sie sicher davor wären, die Freunde der eigenen Eltern zu treffen. Und zu den Popkonzerten, die der Sender SWR gelegentlich veranstaltet, marschiert die Jugend höchstens aus Mangel an Alternativen. Neulich war sogar Peter Maffay ausverkauft.
Böse Zungen behaupten, dass sich vor Jahren drei Teenager in Leder und Kettengürteln auf den örtlichen Marktplatz gewagt hätten - standen einfach herum, tranken Bier und gefielen sich in dieser Pose. Nach einer Woche war der Spuk vorbei. Die drei Helden seien von Passanten solange mit Almosen überschüttet worden, heißt es, bis sie sich beschämt zurückgezogen hätten.
"Je früher der Tag, desto älter die Gäste", sagen die Jugendlichen, wenn sie über die Thermalbäder sprechen, die Baden-Baden zum "Weltkurort" gemacht haben. Über der Caracalla Therme, die in den 80er Jahren umgestaltet worden ist und kaum anders aussieht als die Spaßbäder anderswo - nur heller und dank großer Mengen weißen Marmors auch ein wenig edler -, thront Simon Rank, der Pressesprecher der Bäderbetriebe. Er ist ein Mann fürs Praktische und ein Mann der Zahlen: "800.000 Liter Thermalwasser - neun Liter pro Sekunde - sprudeln täglich aus den zwölf Thermalquellen mitten in der Stadt", erklärt Rank. Der größte Teil werde natürlich für die Bäder verwendet, ein kleiner zum Trinken an diverse Brunnen geleitet.
Die Caracalla Therme ist eines der wenigen Bäder Deutschlands, das schwarze Zahlen schreibt. 1500 Besucher kommen täglich hierher. Von Ranks Bürofenster aus kann man die zwei großen Außenbecken sehen. Mitten im Blubbern und Sprudeln stehen, das Gesicht zur Sonne gestreckt, weiß gelockte Damen und Herren.
Die meisten Besucher kämen eben der Gemütlichkeit und der Ruhe wegen nach Baden-Baden, erzählt Simon Rank. Es wäre unsinnig, daran etwas zu ändern, nur um ein jüngeres Publikum anzulocken. Im Gegenteil: 30 Prozent der Deutschen würden ihren Urlaub schließlich im eigenen Land verbringen. Und zum Glück schätzten ja auch immer mehr Menschen um die 30 den Dreisatz von Ruhe, Entspannung und Erholung. Es sei doch wie überall in Deutschland: Man müsse nur "Wellness" in die Prospekte schreiben - schon kämen die Leute.
Wo Simon Rank keine Zahlen nennen kann, zuckt er bedauernd mit den Achseln. Was genau die Heilwirkung des Baden-Badener Quellwasser ausmacht, weiß er nicht zu sagen: Wortlos schiebt er ein lachsfarbenes Papier über den Tisch. Ein Dutzend Krankheitsbilder vom Rheuma über Bronchitis bis zu diversen Frauenleiden werden darin aufgeführt. Welche Substanzen im Thermalwasser für die Heilung verantwortlich sind, bleibt im Dunkeln. Irgendwelche Studien? Achselzucken. Aber wenn den Leuten das Quellwasser nicht bekäme, würden sie dann so gern wiederkommen?
Die weiß gelockten Damen sieht man später über Kuchenteller gebeugt in den Cafés sitzen oder in der Trinkhalle einen Schluck Thermalwasser zu sich nehmen - es ist sehr heiß und schmeckt ein wenig nach verdünnter Hühnerbrühe. Um 19 Uhr, wenn Trinkhalle und Cafés schließen, wird es still in der Stadt. Nur an zwei Orten lässt sich dann noch etwas von der alten Baden-Badener Weltstädtigkeit erahnen. An beiden Schauplätzen braucht man Geld und an beiden lässt man die Hosen runter - im Friedrichsbad und im Casino.
Vor allem im Friedrichsbad, wo Chantal Wirtz zwischen korinthischen Säulen, prunkvoll bemalten Kacheln, rotem und weißem Marmor, täglich ihren Dienst am Menschen verrichtet. Ordentlich zupacken kann sie, Schwabbelbäuche schrecken sie nicht. Und ihre splitternackten Besucher kommandiert sie dreisprachig: "Jetzt bitte auf den Bauch drehen! Turn around please! Tournez vous, s’il vous plait !" Da ist er dann tatsächlich, der internationale Flair am Fuße des Schwarzwaldes.
Auf 16 Stationen zwischen Warmluftbad, kalten Güssen und Seifenbürstenmassage lässt sich der Gast verwöhnen. Im großen Kuppelsaal - dem Rundbau eines Römerbades nachempfunden - liegt er stundenlang im seichten Thermalwasser, schwatzt, philosophiert und genießt. Ein Fest für die Sinne ist auch in den Details: Duschköpfe so groß wie Kuchenteller, angewärmte Leinentücher zum Einkuscheln und Ausruhen - und all das inmitten eines Prachtbaus im Stil der Belle Époque.
Im Casino hört man sogar Russisch. Männer werden nur eingelassen, wenn sie Jackett und Krawatte tragen, ganz egal, wie abgerissen ihr Hemd aussieht. Die Besucher sind jedoch in der Mehrheit Frauen. Denn so ein Abend in der Spielbank ist besser als jeder Kinobesuch: Hier spielen sich die wahren Dramen des Lebens ab. Mit wonnigem Schaudern erinnert sich einer der Gäste an den unglücklichen Spieler, der vor Jahren seiner Verzweiflung Luft machte, indem er mit einem Geländewagen die Stufen des Gebäudes hinauffuhr - mitten hinein in die Glastüren. Weiter soll er zum Glück nicht gekommen sein.
Maß zu halten, scheint den Baden-Badenern nicht zu liegen. Es ist wohl auch nicht so einfach, die Balance zu finden zwischen Kleinstadt (mit 50.000 Einwohner und einem Kino) und weltoffenem Kurort (mit 800.000 Übernachtungen pro Jahr, Spielbank, Pferderennbahn und zweitgrößtem Opernhaus Europas). Jetzt plant die Stadt erneut Großes: Frieder Burda darf demnächst sein eigenes Museum direkt neben der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden errichten. Der Münchner Verlegersohn hat rund 400 Werke von Künstlern wie Kirchner, Picasso, Macke, sowie Polcke, Richter und Rainer gesammelt. Skeptiker prophezeien dem Museum schon vor Baubeginn ein ähnliches Schicksal wie dem Festspielhaus: Erst entsteht ein gigantischer Neubau, dann fehlen die Gelder zu dessen Unterhaltung.
Brigitte Goerz-Meissner von der Baden-Baden Marketing GmbH bleibt optimistisch - das ist ja auch ihr Job. Natürlich sei die Stadt finanziell stark gebeutelt, sagt sie, verweist dann aber auf die jüngsten Erfolge ihres Marketingkonzepts: Sechs Prozent mehr Übernachtungen als im Vorjahr. Der Charme Baden-Badens sei eben unverwüstlich. Man ist geneigt, ihr zuzustimmen. Außerdem: Wo fühlt man sich mit Mitte 30 so jung und fit wie zwischen den betagten Gästen in Baden-Baden?