Oldtimer sind wie Kleinkinder. Sie können der größte Spaß auf Erden sein, aber manchmal machen sie mehr Arbeit als ein Fulltime-Job, werden krank, wollen umsorgt und gehätschelt werden. Und wie der Windelwechsel allein einen Säugling noch nicht glücklich macht, braucht eben auch ein Rolls-Royce Silver Shadow weit mehr als einen regelmäßigen Ölwechsel.
Wer einen klassischen alten Wagen besitzt, braucht zunächst viel Geld und dann noch viel mehr Zeit, sich um das sensible Gefährt zu kümmern. Zeit aber haben Claudia und Frank Zettelmeyer nicht. Was das Verlangen der Erzieherin und des Entwicklungstechnikers nicht schmälert, ab und zu gediegene Lustfahrten in gestandenen Autolegenden zu unternehmen. Seit sie Mitglied im Kölner Classic Car Club sind, ist das Dilemma gelöst. Die Zettelmeyers fahren mal Rolls, mal Triumph oder Jaguar - der Club kümmert sich um den Rest.
"Unser Konzept ist einmalig in Deutschland", erklärt Thomas Engel, neben Geschäftsführer David Hunt der zweite Initiator des Classic Car Clubs. "Wir bieten Einsteigern in die Oldtimer-Szene Zugang zu einer ganzen Flotte von Oldtimern. Pflege, Wartung und Reparaturarbeiten, Stellplatzsuche und Versicherungsfragen, all diese zeitaufwändigen Dinge übernehmen wir." Die Mitglieder entrichten einen Jahresbeitrag und bekommen dafür Punkte gutgeschrieben, die sie nach und nach abfahren können.
Claudia Zettelmeyers erste große Herausforderung als Clubmitglied war eine Raubkatze: der Jaguar E-Type. "Erst würgt sie jeder ab, und dann kann sie keiner bändigen", warnten die Männer aus dem Club damals. "Beeindruckt mich gar nicht, die bring’ ich schon runter vom Hof", trotzte Claudia Zettelmeyer zurück und stieg ein.
Ihr erster Gedanke auf dem Vordersitz: "Wahnsinn, diese Motorhaube endet ja im Leben nicht." Dann zog die schmächtige Frau ihre Schuhe aus, legte die nackten Füße auf die Pedale, befühlte die Eisen. Ein Gespür für das Auto kriegen, das ist wichtig, so viel wusste sie. Dann drehte sie den Schlüssel, drückte aufs Gaspedal und brauste los. Ein gigantisches Gefühl.
Zwei Jahre ist das her. Heute beherrscht sie den Schlitten wie niemand sonst im Club. Dabei ist "everybody’s darling", wie der Wagen von den Mitgliedern genannt wird, nicht mal ihr Lieblingsauto, den rasanten alten Porsche 911 T Coupé oder den MGA leiht sie sich viel häufiger aus. Ihr steht ja eine kleine Armada aus Klassikern zur Verfügung. Vom Mercedes Pagode über den Triumph TR4 bis hin zum edlen Rolls-Royce Silver Shadow. Zwölf Wagen insgesamt, alle vollkaskoversichert, auf Hochglanz poliert und abholbereit. Vorausgesetzt, man hat vorher den Jahresbeitrag überwiesen.
Für 2490 Euro bekommt man das Standardpaket mit 500 Punkten. Wie viele Punkte "abgebucht" werden, hängt davon ab, welches Modell zu welcher Jahreszeit an welchem Wochentag für wie lange ausgeliehen wird. Ein Wochenende E-Type im Sommer schlägt mit 84 Punkten zu Buche. Ein Tag MGA Roadster im Winter nur mit 12.
Alles nicht gerade billig, aber trotzdem kommen manche Clubmitglieder im Flugzeug von Berlin oder Wien angereist, um ihr "Lieblingsbaby" für einen Ausflug durchs Bergische oder an die See in Empfang zu nehmen.
Ursprung des Konzepts war der Jugendtraum von David Hunt und Thomas Engel: einmal Jaguar E-Type fahren. Auf der Suche nach einem schönen Exemplar erkannten die zwei aber schnell, wie schwierig es ist, in die Oldtimer-Szene überhaupt Einlass zu finden. Interessante Mietwagen waren kaum zu finden, und wenn doch, dann nervten lästige Kilometerbeschränkungen, betrügerische Händler, ungeklärte Versicherungsfragen und hohe Leihgebühren. Einmal zahlten die beiden 2000 £ für eine Jaguar-Wochenendtour durch England. Ausgerechnet in Krefeld fanden sie schließlich ihren Traumwagen: einen offenen, silberfarbenen E-Type in gutem Zustand für einen angemessenen Preis. Der Anfang war gemacht.
Weil Anfänger beim Oldtimerfahren viel falsch machen können, bietet der Club den Mitgliedern Einführungsworkshops an. Die Leute sollen Verantwortung und Respekt entwickeln. Die filigrane Instrumentierung oder die schwache Bremsleistung alter Autos seien eben gewöhnungsbedürftig. Woher sollen Laien auch wissen, dass sie bei Wagen aus den 50er oder 60er Jahren nicht auf der Bremse oder der Kupplung stehen bleiben dürfen?
Knapp 100 Mitglieder lassen den Club inzwischen rentabel wirtschaften. Weitere sollen folgen. Natürlich wird dann auch die Flotte erweitert. Jedes neue Mitglied kann bei der Aufnahme in den Club sein "Traumauto" angeben und vielleicht, vielleicht kann er wenige Monate später schon dessen Motor unter seinem Hintern knattern hören.