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Merken   Drucken   04.03.2005, 07:00 Schriftgröße: AAA

Vin fin

Ausgerechnet das Heiligste wird den Franzosen versauert: der Wein. Scharfe Kontrollen senken die Zahl der Verkehrstoten und hemmen den Genuss. Die Winzer leiden.
von Lorenz Wagner

Der Gendarm steigt hinab. Was für ein Loch! Schwarzer Backstein, Schotterboden, an den Wänden eine Pappe aus Schimmel, Staub und Spinnenwerk. Der Keller liegt in Nuits-Saint-Georges, einem Dorf mitten in Burgund. Hier keltert die Familie Bocquenet. Zwei Stunden ist der Gendarm hergefahren, um ein paar Kisten zu kaufen. War nicht leicht zu finden: Vorbei am alten Friedhof, dann ein Stück verkehrt rum durch eine Einbahnstraße, in eine Gasse rein, dort ist ein versteckter Hof. Der Keller liegt unter dem Lagerschuppen.

Kaum ein Dorfbewohner kommt hierher. Aber steigt mal Besuch zu ihm herab, so lädt Marcel Bocquenet freudig zu Probe. Hier unten lagert sein ganzes 84-jähriges Leben. Hunderte Flaschen, Dutzende Fässer, auf Hölzer gebockt. Ein Fass steht aufrecht. Darauf zwei Flaschen. Es ploppt. Rotwein mischt sich in Crème de Cassis. Lachen durchblitzt das Weinbauerngesicht.

Der Gendarm nimmt nur ein Mäulchen, kaut darauf herum und spuckt es auf den Schotter. Schlucken verboten. Er müsse ja noch fahren. Der alte Herr nickt. "Sehr vernünftig", lobt er. Auch er muss heute noch fahren. Er nimmt einen großen Zug, schlürft im Mund zweimal nach. Hinunter damit. "Aaah!" Nachschmeckende Stille.

"Ja, ja, man darf es nicht übertreiben", bestätigt der Weinbauer. "Früher habe ich zwei Flaschen am Tag getrunken. Jetzt, bei den vielen Verkehrskontrollen, trinke ich nur noch eine." Pause. Der Gendarm schweigt, Bocquenet hebt sein Glas. "Davon trinke ich drei, vier am Tag. Sonst könnte ich kein Auto mehr fahren." Aha? "Ja, das ist gut für meine Reflexe." Der alte Herr reckt das Kinn. "Ich fahre immer noch 15.000 Kilometer im Jahr." Der Gendarm tippelt mit den Füßen. "Ah, oui?"- "Ja, ja!"

Der Gendarm mustert den Gastgeber. Batschkapp, Blaumann, Bauch, gutmütiges Gesicht, darin eine rote, grobporige Nase, erschaffen von Gott, um Wein zu prüfen. Der alte Herr kramt in seiner Tasche, zieht einen Korkenzieher und den Führerschein hervor. Beides hat er immer dabei. Das Dokument klappt auf. Ausgestellt am 31. Januar 1955! "50 Jahre - und nicht ein Tropfen Blut", triumphiert Bocquenet. Der Polizist guckt ein wenig ratlos. "Kein Unfall in all den Jahren", erklärt der Winzer. "Wenn mich einer Ihrer Kollegen anhält, sage ich ihm: Mein Führerschein ist älter als du."

Der Gendarm blickt zur Tür. Zeit zu gehen. "Sie wissen ja", sagt er noch. "Es ist heute ganz streng. Es gibt keine Ausnahmen mehr." Vorbei ist das Laisser-faire, die "missbrauchte Nachsicht", wie der frühere Innenminister Nicolas Sarkozy schimpfte. Seit Sommer 2003 wirkt das Gesetz gegen Gewalt auf der Straße. Gleichzeitig hat der Staat den Kampf gegen den Alkohol verschärft. Das Ziel: Verzicht auf jedes fünfte Glas bis 2008. Große Kampagnen schelten nun Weinmissbrauch, auf den Etiketten werden bald Schwangere gewarnt.

Vor einem Jahr sind Winzer sogar vor Gericht gelandet, weil sie ihren Wein beworben haben: Aus der Flasche plätschernder Wein formte ein purpurnes Abendkleid. Zu verführerisch, befanden die Richter.

Das alles stürzt Burgund tief in die Krise. Die Zeiten sind schwer. Vor 40 Jahren trank der Franzose noch 120 Liter Wein im Jahr, heute kaum die Hälfte. Und der Verbrauch wird weiter sinken. Im Bordelais stehen 800 Winzer vor der Pleite, in Burgund lassen sich 160 Verzweifelte vom Weinverband helfen, im Marketing, bei Gesprächen mit Banken.

Noch beliefern Marcel Bocquenet und sein Sohn Daniel Kunden in aller Welt. "Göttlich saftig und tief", lobt der renommierte Weinautor Andrew Jeffort ihren Grand Cru. Die beiden einfacheren Weine haben vor allem eins: Charakter. ",Schmeckt wie die Unterhose eines Holzfällers!‘, hat mir mal eine Kundin gesagt." Daniel lächelt. "Ob sie vorne oder hinten meint, habe ich nicht gefragt."

Doch schnell erlischt das Lachen in Winzer Daniels Gesicht. Denn der Wandel drückt auch die Bocquenets nieder: "Warum stellen sie immer nur den Wein an den Pranger. Sie machen alles kaputt." Die Jugend trinkt Bier und Whisky. "Der gute Geschmack verschwindet". Und mit ihm Frankreichs Stärke: die unzähligen Familiengüter. "Wo bleibt die Seele? Wir sterben aus. Wir sind Dinosaurier." In fünf Jahren geht Daniel in Rente. Keines seiner Kinder wird nachfolgen. "Es lohnt die Mühe nicht mehr." Das Ende eines Lebenswerks. "Was soll man machen", sagt der alte Bocquenet. Mit kleinen, trüben Augen schaut er auf sein Fass.

Müde, traurige Gedanken, man sieht sie schier aufsteigen wie Gedankenblasen in Asterix-Heften, sie steigen in den Himmel, vereinen sich mit den vielen Tausenden Ängsten, die über Burgund schweben, vor allem über dem 50 Kilometer langen Band aus Weinbergen zwischen Dijon und Beaune. Hier wachsen die großen roten Burgunder.

Selbst die Landschaft trägt Trauer. Nebel kraucht, eine Krähe kräht, sonst ist Stille. Alles ist braun, Hügel, Felder, Wege, Tausende gewellte Meter weit. Die Welt besteht aus Kalk, Lehm, Mergel, Holz. Ein paar Bauern beschneiden Rebstöcke, verbrennen die Zweige in rostigen Tonnen und wärmen sich daran hustend die verdreckten Hände. Clochard-Romantik. Alles hier ist gezähmte Natur, an Pflöcke gedrahtet, in Reih und Glied, eingesperrt hinter Sandstein und grünen Gittern. Seit Jahrzehnten haben sich die Bewohner Burgunds ihren Reben nicht mehr so nahe gefühlt: Eingesperrt und festgeplockt von Gesetzen. "Es ist vorbei mit der Liberté", klingt es überall. In den Amtsstuben, Weinkellern und Bistros.

So sitzen in Gevrey-Chambertin, Napoleons liebstem Weinort, der Bürgermeister, der Chef eines Winzersyndikats und der Besitzer des Restaurants zusammen, eine Flasche vor sich, und klagen: "Niemand trinkt mehr - außer uns." Wie haben sich die Sitten in nur 20 Jahren gewandelt. Früher raunzten Wirte jeden Gast an, der kein Viertel Wein bestellte, und die hingeknallte Karaffe Wasser schmeckte nach Spülmittel. Nun sind die Franzosen in das Gegenextrem gefallen. Das Mittagessen wird zur Wasserschlacht. Die Leute haben so sehr Angst vor Verkehrskontrollen, sie sind hypertraumatisiert", schimpft der Wirt. Kein Aperitif mehr, kein Digestif! "Früher hat jeder im Schnitt für 21 Euro getrunken, jetzt nur noch für 7 Euro!"

"So eine Krise hatten wir noch nie", stöhnt der Bürgermeister und bedauert den Winzer, der ein Drittel weniger verkauft. Der Winzer wiederum bedauert seinen Sohn. "Wo ist der Spaß geblieben?" Die sitzen nur noch vor dem Rechner und studieren. "Als ich jung war, bin ich am Wochenende in die Alpen gefahren, in einem Auto - hä, hä - da wäre kein Deutscher eingestiegen." Und heute? Da hat Frankreich selbst einen TÜV, und die Fahrt in die Alpen dauert eine Stunde länger, weil die jetzt überall Radarkontrollen machen."

Die Kontrollen sind zur Idée fixe geworden, zum Leitmotiv, immer wieder kommen die Gespräche darauf zurück. "0,5 Promille!", rechnet der Bürgermeister. "Das sind nur drei kleine Gläser." - "Und bei 0,8", schimpft der Wirt, "geht’s schnell auch mal ins Gefängnis, dann ist die Arbeit weg." - "Ja", wirft der Winzer ein, "und wir werden gleich mit angeklagt, wenn wir einen nach der Weinprobe besoffen fahren lassen, ohne die Polizei zu rufen."

Aber allzu groß muss seine Angst da nicht sein: Bis vor zwei Jahren tranken bei einer Probe noch acht Leute eine Flasche, jetzt sind es 25. "Da kann ich ja mit der Pipette ausschenken." Wenigstens gehen keine Gläser mehr kaputt, weil gierige Tester ihre Gläser von unten der nächsten Flasche entgegenstoßen. Leben kommt heute erst in die Gäste, wenn sie vor der Heimfahrt kleine, gelbe Röhrchen auspacken. Alkotests! Sicher ist sicher.

In diesen Augenblicken bekommt der Niedergang, der Kulturverlust einen Sinn. Es ist fast tragisch: Wie sehr lieben die Franzosen ihren Wein! Er führt sie zusammen. Und er ist dezent. Weintrinker grölen nicht. Und er riecht nach Kindheit und Glück, nach Taufe und Hochzeit. Und er macht sie zur Grande Nation, zusammen mit ihrer großen Küche. Und er lässt sie, die großen Patrioten, ihre Heimat, ihren Boden überall mit hinnehmen, ihn schmecken und trinken. "Als Einziger in der Welt der Pflanzen vermittelt der Rebstock uns den wahren Geschmack der Erde", schreibt die Schriftstellerin Colette.

Aber Wein tötet auch. Kaum ein Land muss mehr Verkehrstote beweinen. Jedes Jahr sterben 3000 Menschen, nur weil sich Fahrer betrinken. Gesundheitsforscher schreiben dem Wein im Jahr 40.000 Tote zu: Leberzirrhosen, Selbstmorde, Krebsgeschwüre. Und nun sind da die Kontrollen gekommen, und siehe da: Es wirkt! Erstmals seit 30 Jahren ist die Zahl der Toten auf Frankreichs Straßen gesunken. Um 23 Prozent im Jahr 2003! Und mit dem Konsum, das versprechen die Ärzte, werden auch die vielen Alkoholkrankheiten schwinden.

Den alten Marcel Bocquenet können sie damit allerdings nicht überzeugen. Sein Wein nicht gesund? Sogar seine Katze schleckt ihn. "Die in Paris wissen nicht, was sie da sagen! Sehen Sie mich an!" Vor einem Jahr hat er sich beim Arzt durchchecken lassen. Der Weinbauer klopft seinen Bauch von oben nach unten ab: Leber, Magen, Darm, Bauchspeicheldrüse, Nieren - "Alles wie neu. Sogar die Zähne!" Er hakt seine Fingernägel ein, dass sie nur so knacken: "Ich habe noch 28." Er zeigt auf sein Glas. "Man muss Roten trinken, keinen Weißen. Und Crème de Cassis. Der ist gut fürs Herz und die Augen."

Ein Auge musste er sich allerdings vor einem Monat operieren lassen. "Ich konnte nachts nichts mehr sehen. So konnte ich natürlich nicht fahren." Jetzt sieht er wieder klar. Blick auf die Uhr, Glas geleert. Ein Tisch ist reserviert. Sein weißer Citroën Berlingo saust sicher durch die Gassen - abgesehen von einer kleinen Verkehrsinsel, die er überhoppelt. Na ja, nix passiert.

Vor dem Restaurant ist keine Parklücke frei. Der alte Herr fährt vom Parkplatz runter, möchte wieder auf die Hauptstraße einfädeln. Von hinten rauscht ein Golf heran. Der Fahrer reißt das Steuer rum, verfehlt den Berlingo knapp. Er rast ein gutes Stück über die Gegenspur. Keiner kommt entgegen. Das wütende Hupen des Golf-Fahrers klingt lange nach. Der alte Herr steigt aus. "Haben Sie das Auto gesehen?", fragt Bocquenet. Staunen. "Ich nicht!" Pause. "Früher", sagt er schließlich, "früher gab es auf den Straßen einfach weniger Verkehr."

  • FTD, 04.03.2005
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