Die Kneipiers und Clubbesitzer haben es wirklich nicht leicht. Erst mussten sie sich ihre Theken mit den Zutaten für Cocktails zustellen. Dann verlangten die neuen leichten, goldenen Biere nach Speichererweiterung. Und jetzt haben die Getränkehersteller eine neue Nische entdeckt: alkoholfreie Löschmittel, die auf der Getränkekarte inzwischen nicht selten unter "Trendy drinks" oder "Kultdrinks" zu finden sind.
"Die Leute schätzen an den neuen Limonaden, dass sie nicht ganz so süß sind wie herkömmliche", sagt Maren Rauer-Gömann, Mitbesitzerin der Bar "Zwo03" im angesagten Bremer Steintorviertel. "Ohne Zusatz- und Geschmackstoffe schmecken sie sogar erfrischender als Fruchtschorlen." Sie bestätigt den Trend, der in ihrer Bar mit der Holunder-Bionade angefangen und mittlerweile zu einer beachtlichen Liste an alkoholfreien Erfrischungsgetränken geführt hat.
Es fällt auf, dass Trinken nicht mehr allein ein Akt des Durstlöschens ist. Es handelt sich auch um ein politisches Statement. Wer schon lange mit der Marktmacht der Getränkegiganten hadert, kann mit ein paar kräftigen Schlucken gegen die Globalisierung demonstrieren. "Wir sind doch keine Konsummarionetten, oder was?", donnern zum Beispiel die Hersteller von Premium-Kola auf ihrer Internetseite. Die Independent-Limo sei entstanden, "weil wir keinen Bock auf künstliche Pseudohipstermarken haben, die von BWL-studierten Anzugträgern gemacht werden."
Winzlinge wie Premium-Kola oder Fritz-Kola sind Alternativen zum weltdominierenden Konzernerzeugnis aus Atlanta - mit ordentlich viel Bums. Ihr Koffeingehalt bewegt sich an der gerade noch zulässigen Höchstmenge für Erfrischungsgetränke (250 Milligramm pro Liter). Ein politisch korrekter Kick für die Nachtschicht, die Examensvorbereitung oder den Wettbewerb im Dauerengtanz.
Wachmacher gibt es aber nicht nur in Colaform. Schon länger schwören Programmierer und Computerspieler auf ein altes Dopingmittel der Inkas, den berühmten Mate-Tee. Als erfrischend belebender Eistee hat "Club-Mate" darum auch den Spitznamen "Hackerbrause". Der Koffeingehalt (200 Milligramm pro Liter) kann sich sehen lassen, dafür ist "Club-Mate" weniger süß als eine Cola. Seit einem halben Jahr hat der Club-Eistee Konkurrenz aus Hamburg. Das Mate-Getränk "Flora Power" spricht mit seiner 0,33-Liter-Flasche auch diejenigen an, die Wert auf ein gepflegtes Äußeres ihrer Erfrischung legen. "Flora Power" kommt in der glasklaren Longneck-Flasche daher, die schon den Absatz der Goldbiere angeschoben hat.
In Sachen Flaschenästhetik geht es ansonsten zurück: Retro-Design ist auch bei Softdrinks in Mode und äußert sich in ungewöhnlichen, altertümlichen Formen. Einige Limonadenhersteller entwerfen Fläschchen, die so hübsch sind, dass sie sich beim nächsten Erbtantenbesuch auch als dekorativer Blumenhalter einsetzen lassen.
Hochdekorativ ist zum Beispiel "Orangina", die französische Orangenlimo mit Fruchtfleisch, das man vor dem Öffnen aufschütteln muss. Angeblich wird diese typische Handbewegung als Bestellung ohne Worte auf der ganzen Welt verstanden. Oder "Anjola", das die Generation "Feuerrotes Spielmobil" noch als erste exotische Erfrischung Norddeutschlands kennt, das heute aber auch in Clubs und Lounges geschlürft wird. In der stilisierten Glasananas eine halbwegs durchsichtige Flüssigkeit, am Boden das Ananas-Fruchtfleisch. Wieder kommt vor dem Trinken das große Schütteln. Wirklich schmuck ist auch die Flasche vom "Almdudler" und fand einst wohl - wie Orangina - als Sommerreisesouvenir den Weg über die deutsche Grenze. Die Kräuterlimo aus Österreich ist so was wie ein flüssiger Trachtenanzug und darum eine Empfehlung für Traditionalisten.
Ob Alpenkult oder Antiglobalisierungsdrink: Letztlich entscheidend für den hohen Trendfaktor ist der angebliche gesundheitliche Nutzen. Während zum Beispiel Bionade Mineralien wie Kalzium und Magnesium in kleinen Dosen liefert, versprechen die selbst erklärten Wellnessgetränke von Carpe Diem gar Reinigung von Körper und Geist. Im "Kombucha" sollen außerdem Laktobazillen drin sein. So kann der Kneipenabend dann gleich ganz praktisch genutzt werden - zur Darmsanierung.